Niederländische Fußballgötter FC van Basten bezaubert Europa

So sehen Fußballgötter aus: Die Zaubertruppe aus den Niederlanden demonstriert bei der EM Charme, Zielstrebigkeit und Siegeswillen. Zu verdanken ist das Marco van Basten. Als der Nationaltrainer das Team übernahm, war es am Boden. Von Achim Achilles


Wie kann das sein? Vor wenigen Tagen waren sie noch Holländer. Und jetzt sind sie Fußballgötter, von allen verehrt für ihr brillantes Spiel, so schnell und präzise, dass es dicht am Handball ist. Nett sehen sie aus, Arjen Robben und Robin van Persie und Wesley Snijder, netter als Paul Gascoigne jedenfalls. Spucken auch gar nicht dieses Jahr. Und nur zwei Gelbe Karten in der Vorrunde. Die fangen sich die Türken in einer Halbzeit.

Niederländischer Nationaltrainer van Basten: Mythologisch aufgeladene Geschichte
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Niederländischer Nationaltrainer van Basten: Mythologisch aufgeladene Geschichte

Zugegeben, wie die niederländische B-Mannschaft die Rumänen vom Platz gefegt hat, die Blutdurstigen aus der Heimat Peter Maffays, das war schon einsame Spitze. Jedem dieser Nobodys hätte Bundestrainer Jogi Löw umgehend einen Stammplatz auf Lebenszeit zugesagt.

Keine Frage, wir müssen nach dieser Vorrunde Abbitte leisten für all die hässlichen Gedanken, die wir seit unserem ersten erinnerten Urlaub auf Ameland hegten, als die käsehäutigen Eingeborenenkinder uns "Moffen" nannten und aus dem Schutz eines Trabant-ähnlichen Autos namens DAF Steine nach uns warfen. Bestimmt waren es nur Käsewürfel, und wir haben dieses Freundschaftsritual einfach nicht verstanden. Wir werden ihnen dieses Jahr jedenfalls mal die hilflosen Einparkversuche mit ihren Wohnwagen nachsehen.

Spannende Frage: Wer oder was steht hinter dem Erfolg der Sportsfreunde im Apfelsinenleibchen? Oder hat ein ganzes flaches Land plötzlich Charme, Zielstrebigkeit und Siegeswillen entdeckt? Haben wir unsere Miteuropäer mit dem kantigen Profil des friesischen Kaltblüters unterschätzt? Offenbar. Jedenfalls einen von ihnen: Marco van Basten. Er hat sich gegen das ganze Land durchgesetzt, sogar gegen Johan Cruyff. Er hat Kritik und Demütigungen und Besserwissereien ertragen. Sein Job stand schon vor dieser EM zur Disposition.

Die Geschichte des Marco van Basten ist deswegen mythologisch so aufgeladen, weil sie ganz unten begann. Jürgen Klinsmanns Sommermärchen war ein Kindergeburtstag gegen van Bastens Kampf im eigenen Land.

Das Drama begann 1995, als Marco van Basten eine letzte Ehrenrunde in San Siro zu Mailand humpelte. Sein Knöchel war hin. Ein Kunstfehler hatte den Weltfußballer zum Sportinvaliden gemacht, mit 30 Jahren, im besten Fußballeralter.

Fünf Jahre zog sich van Basten in die Einsamkeit zurück; keine Interviews, keine Stadien. Nur einmal sprach er mit dem niederländischen Fernsehen, über seine Depressionen und die vielen Pillen, die er dagegen nehmen müsse. Holland schluchzte.

Dass ihn der niederländische Verband zum Bondscoach machte, hatte wohl eher mit dem Mitleidsbonus zu tun als mit Überzeugung. Die Nationalelf war am Boden, Sponsoren mäkelten über das katastrophale Image. Da kam der arme Marco als Trainer der Herzen gerade recht, auch wenn er bislang nur als Assistent die Jugendmannschaft von Ajax betreut hatte. Auffällig war bis dahin lediglich sein Manifest aus dem Jahre 2002 gewesen: "Fußball muss fairer, sauberer und spektakulärer werden." Also das Gegenteil von Otto Rehhagel und Roberto Donadoni.

Als van Basten 2004 antrat, am gleichen Tag wie Jürgen Klinsmann übrigens, erklärte er, die WM in Deutschland sei egal und das niederländische Dogma vom schönen Fußball auch. Tatsächlich schieden die Niederländer 2006 im Achtelfinale aus. Es grummelte schon bedrohlich aus den Poldern.

Egal. Van Basten ging volles Risiko. Er berief 16 Debütanten, Babel nach nur zwei, Maduro nach drei Spielen in der Liga. Viele zeigten in der Nationalelf deutlich bessere Leistungen als im Club. Musste wohl am Trainer liegen.

Es gab allerdings auch Opfer. Mark van Bommel darf trotz einer starken Saison bei der EM nicht mitspielen. Und Clarence Seedorf sagte seine Teilnahme freiwillig ab. Grund: "Van Basten hat mir gegenüber Vorurteile." Mag sein, aber vielleicht ist genau dieses Unberechenbare van Bastens Stärke. Er beruft nur Spieler, die ihm passen. Leistung ist selbstverständlich, aber nicht entscheidend. Den Sieg holt immer der Kopf. Wer so spielt wie die Niederländer, ist nicht nur körperlich überlegen, sondern psychisch. In einem beinharten Turnier wie dieser EM gewinnt das stärkere Selbstbewusstsein. Und damit kennt der Psycho-Experte van Basten sich bestens aus.

Vor dem Turnier, als sich halb Holland dabei gefiel, an ihm herumzumäkeln, hat er sich den Langhaarschneider um den Schädel gezogen und sich eine Schlachtfrisur zugelegt. Van Basten wusste: Der Feind stand nicht vor ihm auf dem Platz, sondern hinter ihm im eigenen Land. Bei dieser EM spielen also nicht die Holländer, sondern der FC van Basten. Unsere Sympathie gehört dieser Zaubertruppe in Orange umso mehr. Vor allem, wenn sie die Italiener im Halbfinale schlägt.

Marco van Basten hat schon vor dieser EM seinen Rücktritt für den Tag danach verkündet. Nein, er wandert nicht aus wie Ruud Gullit, der die heimische Medienmeute nicht länger ertragen mochte. Ursprünglich sollte van Basten in der kommenden Saison gemeinsam mit Johan Cruyff als Sportdirektor den Traditionsclub Ajax Amsterdam wieder flottmachen. Cruyff sagte ab, weil van Basten das heilige 4-3-3-System abgeschafft und "Verrat an unseren Prinzipien" begangen habe. Er gibt ihn halt doch noch, unseren guten alten Holländer.



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