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Niederlage für DFB-Team Kaum Drang, viel Angst

Das 0:1 der Nationalmannschaft gegen Argentinien hat gezeigt, wie leicht eine Offensive verdörren kann - wenn die zündenden Ideen fehlen. Das Team ist zu sehr bemüht, seine defensive Ordnung zu halten. Dabei vergisst es das Spiel nach vorne.
Von Sebastian Winter

Die 57. Minute war angebrochen, als dieser fürchterliche Ausrutscher passierte. Nein, nicht die halbherzige Grätsche von Torwart René Adler gegen den heranstürmenden Higuain ist gemeint, die dem Siegtor der Argentinier vorausging. Dieses Missgeschick war Adler bereits nach 45 Minuten unterlaufen. In der 57. Minute aber rutschte einer der vier Sanitäter aus, die Argentiniens Verteidiger Martin Demichelis vom Platz tragen sollten.

Die 65.152 Zuschauer in der Münchner Arena johlten und lachten wie in keinem anderen Moment des Spiels. Endlich hatten sie ihr kleines Highlight, wenn ihnen Deutschland bei diesem enttäuschenden Testspiel schon keines bieten konnte. Der Sanitäter berappelte sich schnell, im Gegensatz zum armen Demichelis, der von Michael Ballacks Knie so unglücklich im Gesicht getroffen wurde, dass er sich nach ersten Diagnosen einen Jochbeinbruch zugezogen hat und nach Angaben des argentinischen Team-Arztes operiert werden muss.

Der Zusammenprall im Strafraum der Argentinier war sicher nicht beabsichtigt vom deutschen Kapitän, doch er war irgendwie bezeichnend für das ganze Spiel, das die DFB-Auswahl in der Offensive zeigte. Mit einem Wort war es: unglücklich. Mindestens. Ballack hatte eine zweite Szene, deren Mittelpunkt er war: Als er eine gute Flanke von Linksverteidiger Philipp Lahm völlig freistehend einige Meter neben das Tor köpfte. Ansonsten verrichtete Ballack Defensivarbeit. Wenn es den klassischen Ausputzer noch geben würde auf internationalem Niveau, man hätte meinen können, Ballack ist einer.

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DFB gegen Argentinien: Adler erst schwerelos, dann überrumpelt

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Lahm schloss auch seinen Kapitän ein, als er lobend erwähnte, "dass wir defensiv ordentlich gearbeitet haben". Der 26-Jährige entließ Ballack jedoch auch nicht aus der Verantwortung, als er anfügte: "Wir haben uns vorgenommen, schnell nach vorne zu spielen, zu kontern. Nach vorne haben wir heute aber viele Fehler gemacht." Bundestrainer Joachim Löw hatte noch eine andere Erklärung für die schwache Offensive: "Uns hat der Mut gefehlt. Wir haben es nicht geschafft, die Argentinier zu Fehlern zu zwingen."

Wie zu Zeiten des Schlafwagen-Fußballs

Die Vierer-Abwehrkette Lahm, Tasci, Mertesacker und Boateng hatte genug damit zu tun, die Ordnung gegen die in der Umschaltbewegung von Abwehr auf Angriff so begabten Argentinier zu wahren. Ballack und sein neuer Partner im defensiven Mittelfeld, Bastian Schweinsteiger, sollten die Spieleröffnung übernehmen, die Pässe nach vorne verteilen, wo Mesut Özil und die Flügelspieler Lukas Podolski sowie Thomas Müller sie gerne in Empfang genommen hätten. Doch es kamen kaum Pässe nach vorne. Ballack und Schweinsteiger schoben sie sich hin und her, das Aufbauspiel war fast so gemächlich wie zu Zeiten des deutschen Schlafwagen-Fußballs. Da war kein Drang nach vorne, da war nur die Angst spürbar, den Ball zu verlieren: "Man weiß, wenn man zu offensiv spielt, kann es einen schnellen Gegenangriff geben", hatte Schweinsteiger nach dem Spiel gesagt.

Das Sechser-Duo Ballack und Schweinsteiger spielte zum ersten Mal zusammen auf dieser Position. Es sollte auch ein Test sein, wie der verletzte Simon Rolfes und der formschwache Thomas Hitzlsperger ersetzt werden könnten. Ballack hatte früher seinen Ausputzer Frings, dessen Aufgabe darin bestand, ihm den Rücken freizuhalten. Nun agierte der 33-Jährige zumindest in den ersten 45 Minuten defensiver als neben ihm Schweinsteiger, dessen Pässe nach vorne aber viel zu selten ankamen. Der sich mit seinem alten Spezi Podolski missverstand. Der einen Schuss irgendwohin in den Nachthimmel setzte. Schnelles, flüssiges Kombinationsspiel ging weder von ihm aus noch von Ballack. Als Sami Khedira in der 76. Minute für Schweinsteiger kam, wusste der Stuttgarter auch nicht mehr viel auszurichten.

Verwaltungseinheit statt Verteilstation

Von dieser zentralen, so wichtigen Achse im deutschen Aufbauspiel konnte man nichts anderes als enttäuscht sein. Wenn diese Schaltzentrale nicht funktioniert, wenn sie von einer Verteilstation zur Verwaltungseinheit schrumpft, wird es schwer für die deutsche Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Südafrika. Während zwischen Ballack-Schweinsteiger und vorne Klose, später Gomez, teilweise eine riesige Lücke klaffte, war das Spiel der Argentinier geprägt von kompakten, eng gestaffelten Reihen.

Immerhin holte sich Mesut Özil im offensiven Mittelfeld die Bälle teilweise selbst, Podolski sowie der zweikampfstarke Neuling Müller wurden mitunter auch von den Außenverteidigern Lahm und Boateng angespielt. Immerhin hat der wohl effektivste Stürmer an diesem Tag, Cacau, in seinem 25-minütigen Einsatz Eigeninitiative gezeigt und noch zwei mehr oder weniger gefährliche Schüsse abgegeben. Immerhin, auch das ist eine der Erkenntnisse von Bundestrainer Löw aus diesem letzten Länderspiel vor der Nominierung seines WM-Kaders, haben Bayern Münchens Müller und Leverkusens Toni Kroos erstmals in der Nationalelf gespielt, und das nicht schlechter als ihre Kollegen. Dem 20-jährigen Müller traut Löw sogar zu, "auf Dauer rechts zu spielen".

Doch auch Kroos und Müller sind für das defensive Mittelfeld nicht unbedingt geschaffen. Sie reihen sich ein in das Überangebot an Offensivkräften. Die Probleme bleiben, und Philipp Lahm weiß nur zu gut, was er meint mit diesem Satz: "Gott sei Dank haben wir die Vorbereitung zur Weltmeisterschaft, wo wir ein paar Wochen zusammen sind, um das alles zu trainieren. Wir wissen, dass wir diese Wochen einfach brauchen."