Niederlage gegen Niederlande Wie Italiens Coach das EM-Debakel schönredet

Für Roberto Donadoni war es einer seiner schwersten Auftritte. Einen Tag nach der historischen Niederlage gegen die Niederlande stellte sich Italiens Nationaltrainer im EM-Quartier der Öffentlichkeit. Die italienische Presse tobte - der Coach konterte mit Durchhalteparolen.

Aus Oberwaltersdorf berichtet Ronny Blaschke


Für Organisator Vincent Conocchia ist das Casa Azzurri in Oberwaltersdorf ein himmelblaues Erholungszentrum. Der EM-Tross der italienischen Nationalmannschaft – Journalisten, Sponsoren und Mitarbeiter – soll sich in der umfunktionierten Bettfedernfabrik, dem Kulturzentrum der kleinen Gemeinde südlich von Wien, wie zu Hause fühlen. An der Bar werden Sekt und Espresso gereicht, nebenan Schinken und Salami. Im großen Saal klimpert ein Pianospieler beruhigende Klänge. Kickertische stehen bereit, Hostessen sitzen in weißen Ledersofas und schauen Fußball auf Leinwänden. Von den Journalisten interessiert sich niemand dafür, sie drängen sich in den Presseraum. Von wegen Erholung. Stress ist angesagt nach dem 0:3 der Italiener gegen die Niederlande, der höchsten Niederlage ihrer EM-Geschichte. Stress pur!

Als sich Nationaltrainer Roberto Donadoni kurz nach halb drei in Richtung Podium vorkämpft, tippt er in sein Handy. Ein Trick, um Gelassenheit zu demonstrieren? Das Klicken der Kameras beginnt. Mehr als 20 Fernsehteams sind vor Ort, insgesamt 120 Journalisten. Es ist eng, heiß, vielen perlt der Schweiß von der Stirn. Einige Reporter haben das Team abgeschrieben, ihre Schlagzeilen wirken wie Ohrfeigen für den Coach. "Gebt uns Lippi zurück!", fordert die Sportzeitung "Tuttosport" und sehnt damit Donadonis Vorgänger Marcello Lippi herbei, der Italien 2006 zum WM-Sieg geführt hatte.

Andere Journalisten verhöhnten den Trainer als Totengräber der stolzen Squadra Azzurra. "Disastro", titelt der "Corriere dello Sport". Italien habe "eines Weltmeisters unwürdig" gespielt, schimpft "La Gazzetta dello Sport". Die Liste des Zorns ließe sich fortsetzen. Schon jetzt wird die Partie gegen Rumänien am Freitag in Zürich (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) zu einem Schicksalsspiel erhoben.

Die Italiener nehmen das Spiel ernst, sehr ernst. Im Casa Azzurri diskutieren sie in der Regel heißblütig. Während der Fragestunden reden sie durcheinander, gestikulieren, lachen, fühlen sich angegriffen oder applaudieren, wenn zum Beispiel der verletzte Kapitän Fabio Cannavaro auf Krücken erscheint.

Vorwurfsvolle Plädoyers über Taktik

Andere holen sich Autogramme, schießen Erinnerungsfotos. Für viele von ihnen ist am Montag in Bern eine Welt untergegangen, nun interpretieren sie jeden misslungenen Angriff und jede stümperhafte Abwehrleistung mit der Wucht eines Vulkanausbruchs. Auch das ist typisch für den Calcio, Sportzeitungen erscheinen in Italien täglich mit Millionenauflage, alle wollen mitreden.

Roberto Donadoni ist kein Mann, der sich gern den den Medien offenbart, er hatte sich schon als Spieler des AC Mailand ruhiger gegeben als seine Kollegen. Der 44-Jährige stammt aus der Nähe von Bergamo, es heißt, die Menschen dort seien keine Freunde von Extravaganz.

Und so wehrt er sich in Oberwaltersdorf hinter einem Strauß von Mikrofonen mit Phrasen gegen die Schärfe. Eine Stunde lang. "Holland hat uns nicht beherrscht. Auch wir haben Torchancen gehabt", sagt er und versucht, zuversichtlich zu wirken. Aber kann sich sein Team erholen? "Wir werden aus unseren Fehlern lernen und an unseren Schwächen arbeiten. Wir müssen wieder nach vorn schauen." Was sonst. Das sehen die Journalisten anders, die vorwurfsvolle Plädoyers über Taktik halten - aber auch einige seiner Spieler äußern sich kritisch. "Scusi! Das war das schlimmste Spiel seit zwölf Jahren", hatte Torwart Gianluigi Buffon gesagt. Die Gazzetta zitiert den Mittelfeldspieler Andrea Pirlo: "Die Wechsel hätten früher kommen müssen." Italiens Torschützenkönig Alessandro Del Piero (64.) und Stürmer Antonio Cassano (75.) waren erst spät in der zweiten Halbzeit gekommen, sie sorgten für Belebung.Erste Anzeichen für atmosphärische Störungen zwischen Trainer und Spielern?

Donadoni will nichts von unlösbaren Problemen wissen. Seine Abwehr agierte unitalienisch wie seit Jahren nicht mehr, sie ließ sich mehrfach übertölpeln. Marco Materazzi konnte Cannavaro, den Weltfußballer 2006, genauso wenig ersetzen wie Christian Panucci. Innerhalb von 53 Minuten kassierten die Italiener mehr Tore als während der gesamten WM 2006.

Sollte sich dieses Schauspiel gegen Rumänien wiederholen, wäre der Weltmeister gescheitert - und Donadoni seinen Job los. So könnte Vincent Conocchia das Casa Azzurri bald wieder abbauen. Zumindest die Anwohner würden sich freuen, "Zum letzten Mal hatten wir so viel Trubel, als im Dorf ein Punkkonzert stattfand", sagt eine Frau, die in der Nähe der Bettfedernfabrik lebt. "Das hier ist wie ein Erdbeben."

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