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Niederlande verpassen EM Im Blindflug

Die Niederlande waren vor einem Jahr noch WM-Dritter, jetzt haben sie sich in der EM-Qualifikation blamiert. Der Grund: Oranje hat die Entwicklung des Fußballs verpasst.

Was für ein Tor, was für eine Szene: Robin van Persie liegt in der Luft, er erreicht den langen Ball von Daley Blind artistisch im Flug, sein Kopfstoß senkt sich über Spaniens Torwart Iker Casillas, der nur staunend hinterherschauen kann, ins Tor. Ein Tor wie erträumt, der schönste Treffer der WM 2014. Am Ende gewinnen die Niederlande gegen den Weltmeister Spanien 5:1. Die Fußballwelt ist orange.

Was für ein Tor, was für eine Szene: Robin van Persie fällt der Ball nach einem Eckstoß auf den Kopf, er fliegt in Richtung langes Eck, wieder ein wunderschönes Tor. Aber der Torwart, der dem Ball diesmal staunend hinterherschaut, ist der eigene Kollege, Jeroen Zoet. Das Eigentor des Stürmers zum 0:3 gegen Tschechien bedeutet das endgültige Aus für die Elftal in der EM-Qualifikation.

Es ist, als ob sich ein Regisseur dies ausgedacht hat. Der Van-Persie-Kopfball von Salvador da Bahia 2014  versus den Van-Persie-Kopfball aus der Amsterdam Arena 2015 . Bessere Bilder, um den Niedergang der Fußballnation Oranje zu illustrieren, wird man nicht bekommen.

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Fotostrecke: Oranje buiten

Foto: Koen Van Weel/ dpa

Nur ein Punkt aus sechs Spielen gegen die Konkurrenz

Vierter in der eigenen Qualifikationsgruppe hinter Island, Tschechien und der Türkei - drei Mannschaften, gegen die Oranje in sechs Partien gerade einmal einen mickrigen Punkt gemacht hat: Der WM-Dritte Niederlande mit seinem glücklosen Coach Danny Blind verfolgt die Europameisterschaft 2016 nur als Zuschauer.

Das klingt wie eine Sensation, aber es ist ebenso verdient wie folgerichtig.

Die Niederlande sind dort gelandet, wo der deutsche Fußball vor 15 Jahren war: Ausgebrannt, immer auf dieselben Spieler setzend, ohne den Druck von unten durch eine neue hochbegabte Fußballgeneration. Oranje hat den Anschluss verpasst, und Wesley Sneijder, einer derjenigen, an dem die ganze Entwicklung des holländischen Fußballs festgemacht werden kann, sagt: "Es wird Jahre dauern, bis wir wieder eine Mannschaft aufgebaut haben."

Sneijder, eine der größten Hoffnungen des internationalen Fußballs, aufgewachsen, ausgebildet und ausgereift in der berühmtem Ajax-Fußballschule, Nationalspieler mit 18 Jahren, damals gemeinsam mit Rafael van der Vaart, mit dem jungen van Persie, dem jungen Flügelspieler Arjen Robben, dem 18-jährigen Kämpfer Nigel de Jong - ganz Europa beneidete die Niederlande um so viel Talent.

Oranje-Coach Blind: Ratlos ins EM-Aus

Oranje-Coach Blind: Ratlos ins EM-Aus

Foto: Koen Van Weel/ dpa

Letztlich ist es jene Generation, auf die sich Oranje fast 15 Jahre später immer noch verlässt. Die regelmäßige Ablösung durch die nächste Welle junger begabter Fußballer, eine Entwicklung, die den holländischen Fußball über 30 Jahre frisch gehalten hat, hat nicht mehr stattgefunden.

Hiddink und Blind haben nichts vorangebracht

Die Partie gegen die Tschechen war Sneijders 116. Länderspiel, van Persies 101. Einsatz. Sneijder spielt mittlerweile in der türkischen Liga wie van Persie, sie haben sich aus der Beletage des Vereinsfußballs verabschiedet, sind in die Jahre gekommen. All das, was man über die Elftal ebenfalls sagen kann.

Dass man nach der WM, bei der der Zuchtmeister Louis van Gaal unter Aufbietung aller ihm zur Verfügung stehenden Kniffs und Tricks das Team noch einmal zu einem letzten Höhepunkt geführt hat, auf den Altmeister Guus Hiddink als Nationaltrainer gesetzt hat, war ein verhängnisvoller Fehler.

Hiddink war mal die heißeste Nummer im Trainergeschäft, einer, bei dem zu Gold wurde, was er anfasste. Aber auch das ist lange her, zuletzt war er nur noch ein Verwalter, ein Wanderer von einem gut dotierten Nationalmannschaftsjob zum nächsten, ohne Innovationen. Und sein Assistent und Nachfolger Danny Blind, früher ein großer Ajax-Profi, aber nie ein großer Trainer, war ein Spiegelbild von ihm.

Schon van Gaal und dessen Vorgänger Bert van Marwijk, unter dem Holland 2010 Vizeweltmeister wurde, waren trotz ihrer Erfolge Männer von gestern. Unter Hiddink und Blind ist die Abwärtsentwicklung dann offen zutage getreten.

Belgien und Deutschland machen es vor

"Unter Blind ist es letztlich nur noch schlechter geworden". bilanziert die Fachzeitschrfit "Voetbal International". In den vergangenen zwei Spielen versuchte er hektisch, durch die Berufung zahlreicher Debütanten das innerhalb einer Woche wiedergutzumachen, was in 15 Jahren versäumt worden ist. Das war Aktionismus, und gut gehen konnte das nicht.

Was für einen Oranje-Fan besonders bitter sein muss. Es sind ausgerechnet die zwei alten Rivalen und Nachbarn Belgien und Deutschland, die den Niederländern vormachen, wie es geht. Eine konsequente Nachwuchsförderung, über viele Jahre ein holländisches Alleinstellungsmerkmal, ein ständiger sanfter Umbruch im Team, die Auswahl eines Trainerteams, bei der wichtiger ist, dass es einen klaren Plan hat, statt einen prominenten Namen aus früheren Fußballerzeiten.

Deutschland ist Weltmeister, Belgien seit dieser Woche die neue Nummer eins der Weltrangliste. "Wir müssen uns an dem Weg der Belgier orientieren", sagt Sneijder. Früher hätte sich ein Oranje-Profi eher die Zunge abgebissen, als so etwas zu sagen.

An Rücktritt denkt Blind nicht, hat der Trainer nach der Partie gesagt. Auch Sneijder und van Persie wollen weitermachen. Den Neuanfang kann man ja irgendwann mal angehen. Offenbar geht es Oranje noch nicht schlecht genug.