WM-Halbfinale Niederlande gegen Argentinien Spielkunst trifft auf Minimalismus

Kein Top-Team wird bei dieser WM so geschmäht wie Argentinien - dabei hält die Mannschaft eine gute Balance aus Defensive und Offensive. Auch deshalb ist das Duell gegen die Niederländer offener als mancher glaubt.

Niederlande-Profi Robben: Halbfinale gegen Argentinien
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Niederlande-Profi Robben: Halbfinale gegen Argentinien

 Aus São Paulo berichtet


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Es ist schon verwunderlich, mit welch deutlichen Worten bei diesem Turnier Argentinien abqualifiziert wird. "Sie erzielten ein Glückstor und verteidigten danach nur noch", sagte Bondscoach Louis van Gaal nach dem argentinischen 1:0-Sieg über Belgien. Ähnlich äußerte sich Belgiens Trainer Marc Wilmots: "Die Argentinier sind ein ganz gewöhnliches Team mit einem außergewöhnlichen Spieler." Stimmt das?

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Heft 28/2014
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Natürlich ist Lionel Messi ein außergewöhnlicher Spieler, doch das ist Arjen Robben auch, ohne dass irgendeiner auf die Idee käme, die anderen zehn Niederländer als Statisten zu bezeichnen. Doch während sich die Niederländer spektakuläre Ergebnisse wie das 5:1 gegen Spanien gönnten und mit Ausnahme des Viertelfinales bei ihren fünf Siegen immer mindestens zwei Tore schossen, präsentierten sich die Argentinier als Minimalisten: Fünfmal gewannen sie - fünfmal schossen sie dabei nur ein Tor mehr als der Gegner.

Das ist kein Zufall: Trainer Alejandro Sabella denkt defensiv. Völlig unabhängig von der taktischen Grundordnung, die er bisher deutlich variabler wählte als seine Kritiker wahrhaben wollen (4-4-2, 4-3-3, 4-4-1-1). "Wenn man mit mehr Leuten als nötig angreift, tun sich die Räume auf, in denen man die Fehler machen kann", sagt er. Das gelte besonders bei "physisch starken Mannschaften" wie den Niederlanden. Zu erwarten ist also wohl das als "Tannenbaum" bekannte 4-3-2-1-System, dessen vorrangiges Ziel es ist, im Zentrum die Räume eng zu machen.

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WM-Halbfinale: Argentinien gegen Holland - die größten Duelle
Arjen Robben und Wesley Sneijder sollen erst gar nicht die Möglichkeit bekommen, Tempo aufzunehmen. Dass Robben kaum mehr zu stoppen ist, wenn er mit Schwung aus dem Halbfeld kommen darf, weiß natürlich auch Sabella.

"Messi ist der Beste von allen"

Lucas Biglia dürfte deshalb im Team bleiben und zusammen mit Javier Mascherano versuchen, den Aktionsraum von Arjen Robben einzuschränken. Vorne soll es die individuelle Qualität richten. Im Gegensatz zu Brasilien verfügt der Erzrivale schließlich über gute Angreifer. Und natürlich über Messi, der von seinem Coach noch mal besonders gelobt wurde: "Robben ist wichtig für Holland, Neymar für Brasilien und Messi für uns. Aber Messi ist der Beste von allen."

Spielentscheidend dürfte werden, in welcher Organisation es eine der beiden Mannschaften schafft, ihren jeweiligen Stars möglichst viele Freiräume zu ermöglichen. Dass Ángel Di María ausfällt, immerhin der Spieler, der im bisherigen Turnierverlauf am besten mit Messi harmonierte, ist dabei ein wichtiger Nachteil für Argentinien.

Flinke Balleroberung, flinkes Umschalten

Die Niederlande präsentieren sich unter van Gaal sehr variabel. Die Grundordnung ist ein 3-4-3, gegen den Ball wird die Dreier- zur Fünferkette. Auffallend ist, wie stark die Offensivspieler rochieren: Wesley Sneijder und Georginio Wijnaldum rücken häufig in die Spitze vor, agieren mal im Zentrum, mal auf den Flügeln und orientieren sich dabei primär an den Laufwegen von Robben. Van Gaal ist es dabei völlig egal, wie viel Prozent Ballbesitz seine Mannschaft hat: Ob 33 Prozent wie gegen Chile oder 63 Prozent gegen Costa Rica - Hauptsache, die Qualität des Ballbesitzes stimmt. Flinke Balleroberung, flinkes Umschalten - darum geht es.

Wie jeder anderen spielstarken Mannschaft kommt es da auch den Niederländern nicht unbedingt zupass, wenn eine Mannschaft konsequent verteidigt. Costa Rica hat das im Viertelfinale bemerkenswert gut hinbekommen, zum Verhängnis wurde dem Underdog letztlich nur, dass die wenigen Kontersituationen nicht annähernd so gut ausgespielt wurden wie die defensiv entscheidenden Szenen.

Man mag Argentinien wegen seiner Spielweise kritisieren. Aber die "Albiceleste" ist eine der wenigen Mannschaften, die eine Balance aus Offensive und Defensive verinnerlicht hat. Der Ausgang des Spiels ist deshalb auch unabhängig vom Sieger des Duells Robben/Messi offener, als es auf den ersten Blick erscheint.

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tobo5824-09 09.07.2014
1. Hollands Chancen und Probleme
Zitat von sysopAP/dpaKein Top-Team wird bei dieser WM so geschmäht wie Argentinien - dabei hält die Mannschaft eine gute Balance aus Defensive und Offensive. Auch deshalb ist das Duell gegen die Niederländer offener als mancher glaubt. http://www.spiegel.de/sport/fussball/niederlande-gegen-argentinien-ist-das-duell-robben-gegen-messi-a-980007.html
Das Gegenteil ist der Fall. Natürlich sind die Holländer innerhalb ihrer Grundordnung "flexibel" - das gehört nun mal dazu, dass da vor allem die defensiven Außen "rochieren" - sonst könnte man es auch gleich bleiben lassen und ein klassisch-holländisches 4-3-3 spielen. Nur ist es bislang außerhalb dieser Ordnung, die sich ehesten für Konterfußball eignet, vorbei mit der Flexibilität. Außer langen Bällen nach vorne in der Hoffnung, dass sie einen der schnellen Leute erreichen, hat man kaum andere Mittel gesehen. Mal ein planvolles Aufbau- und Kombinationsspiel wie es die Deutschen nicht nur gestern gezeigt haben? Fehlanzeige. Umschalten? Nur, wenn man darunter steile Bälle auf die offensiven Leute versteht oder einen Kuijt auf der defensiven Außenbahn, der mal einen flotten Lauf nach vorn antritt. Wenn man selber das Spiel machen will muss und nicht kontern kann wie gegen Spanien, dann wird der Ball fast immer so lange auf Höhe der Mittellinie hin und her und zurück gepasst, bis man die Chance auf einen steilen Pass sieht. Das ist alles andere als "flexibel". Und es hat ja auch seine Gründe, die van Gaal zu diesen taktischen Maßnahmen gebracht haben. Er weiss genau, dass er weder in der Abwehr noch im DM oder für die "8" erforderlichen Leute hat: De Jong, de Guzman, Wijnaldum? Alles keine "Strategen", die vor Ideen nach vorn sprühen. Snejder käme in Frage, aber der spielt dafür zu weit vorne und wird dort auch gebraucht. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Die Holländer sind mit ihren Mitteln, aus denen sie das Beste, schon sehr weit gekommen und können noch mehr erreichen - dafür muss man van Gaal loben, der aus wenig Potential hinten und in DM eine probate Taktik geschmiedet hat. Und sollten sie in Führung gehen, würde ihnen das bei ihrem Grundkonzept sehr in die Karten spielen, denn dann könnte wieder fröhlich gekontert werden. Richtig "spielstark", wie Herr Ruf meint, sind sie aber bislang nur, wenn sie vorne den Ball haben - dann geht ein Express ab, der zum Allerbesten zählt. Aber bis dahin ist es überschaubar und eben nicht besonders flexibel, sondern störanfällig. Ich bin sehr gespannt, wie es heute wird und sehe die Argentinier im Vorteil (wobei mir Holland als Endspielgegner lieber wäre).
tobo5824-09 09.07.2014
2. Holland
Zitat von sysopAP/dpaKein Top-Team wird bei dieser WM so geschmäht wie Argentinien - dabei hält die Mannschaft eine gute Balance aus Defensive und Offensive. Auch deshalb ist das Duell gegen die Niederländer offener als mancher glaubt. http://www.spiegel.de/sport/fussball/niederlande-gegen-argentinien-ist-das-duell-robben-gegen-messi-a-980007.html
Das Gegenteil ist der Fall. Natürlich sind die Holländer innerhalb ihrer Grundordnung "flexibel" - das gehört nun mal dazu, dass da vor allem die defensiven Außen "rochieren" - sonst könnte man es auch gleich bleiben lassen und ein klassisch-holländisches 4-3-3 spielen. Nur ist es bislang außerhalb dieser Ordnung, die sich ehesten für Konterfußball eignet, vorbei mit der Flexibilität. Außer langen Bällen nach vorne in der Hoffnung, dass sie einen der schnellen Leute erreichen, hat man kaum andere Mittel gesehen. Mal ein planvolles Aufbau- und Kombinationsspiel wie es die Deutschen nicht nur gestern gezeigt haben? Fehlanzeige. Umschalten? Nur, wenn man darunter steile Bälle auf die offensiven Leute versteht oder einen Kuijt auf der defensiven Außenbahn, der mal einen flotten Lauf nach vorn antritt. Wenn man selber das Spiel machen will muss und nicht kontern kann wie gegen Spanien, dann wird der Ball fast immer so lange auf Höhe der Mittellinie hin und her und zurück gepasst, bis man die Chance auf einen steilen Pass sieht. Das ist alles andere als "flexibel". Und es hat ja auch seine Gründe, die van Gaal zu diesen taktischen Maßnahmen gebracht haben. Er weiss genau, dass er weder in der Abwehr noch im DM oder für die "8" erforderlichen Leute hat: De Jong, de Guzman, Wijnaldum? Alles keine "Strategen", die vor Ideen nach vorn sprühen. Snejder käme in Frage, aber der spielt dafür zu weit vorne und wird dort auch gebraucht. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Die Holländer sind mit ihren Mitteln, aus denen sie das Beste, schon sehr weit gekommen und können noch mehr erreichen - dafür muss man van Gaal loben, der aus wenig Potential hinten und in DM eine probate Taktik geschmiedet hat. Und sollten sie in Führung gehen, würde ihnen das bei ihrem Grundkonzept sehr in die Karten spielen, denn dann könnte wieder fröhlich gekontert werden. Richtig "spielstark", wie Herr Ruf meint, sind sie aber bislang nur, wenn sie vorne den Ball haben - dann geht ein Express ab, der zum Allerbesten zählt. Aber bis dahin ist es überschaubar und eben nicht besonders flexibel, sondern störanfällig. Ich bin sehr gespannt, wie es heute wird und sehe die Argentinier im Vorteil (wobei mir Holland als Endspielgegner lieber wäre).
rukönig 09.07.2014
3. Zufall!
Treff ich doch gerade im Supermarkt meinen holländischen Kumpel. Der winkt zu mir rüber und ruft:"Ej, wir spielen heute gegen Argentinien! " Ich zurück:"Was' n Zufall, wir am Sonntag auch!" :))
DonMcM 13.07.2014
4. Genau so sollte man es nicht machen
Schön, wie dieser Vorfeld Artikel vom tatsächlichen Spiel geadelt wird. Nur, dass sich vor lauter Taktik beide Mannschaften aus dem Spiel genommen haben. Das ist das Problem: Diese Angst vor dem ersten Gegentor. Das führt ratzfatz ins Elfmeterschießen. Was soll das bitte? Haben die Flachländer jetzt irgendwas erreicht? Die ganze Taktik ist Mist, wenn man solche Möglichkeiten im Angriff hat. Das Spiel Holland gegen Argentinien hat gezeigt, wie Deutschland es NICHT machen sollte. Wenn wir drei Mann GEGEN Messi stellen, bleibt keiner übrig FÜR unser Spiel zu sorgen. Ich hoffe wir erleben ein offenes Spiel der Deutschen Mannschaft. Egal ob nun Di Maria spielt oder nicht. Die Passgenauigkeit im Angriff ist der Schlüssel zum Erfolg, nicht die Sicherheitstaktik und das sich selbst lähmen.
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