Halbfinal-Aus der Niederlande Louis van Gaal will nur noch nach Hause

Die Niederlande sind im Elfmeterschießen gescheitert. Im WM-Halbfinale war die neue, defensive Taktik von Louis van Gaal nutzlos. Der Trainer wettert jetzt gegen das Spiel um Platz drei.

REUTERS

Aus São Paulo berichtet


SPIEGEL ONLINE Fußball
Sergio Romero hatte seiner Mannschaft soeben den Einzug ins Finale der Weltmeisterschaft gesichert, zwei Elfmeter der Niederlande hatte der argentinische Torwart gehalten, am Ende stand es 4:2. Die Fans wirbelten ihre hellblauen Trikots durch die Luft und feierten Romero als Helden dieses verregneten Abends von São Paulo, doch der hatte vor allem eines im Sinn: Er wollte so schnell wie möglich zu Louis van Gaal, dem Trainer der Niederländer. "Ich wollte mich bei Louis bedanken", sagte Romero wenig später, als er zum "Man of the Match" geehrt wurde, "er hat viel für mich getan."

Es ist eine Geschichte, die zu diesem Spiel passt, in dem sich zwei über weite Strecken ebenbürtige Mannschaften mit ähnlichen Taktiken das Leben so schwer gemacht hatten. Denn ausgerechnet van Gaal war es gewesen, der Romero als Coach von AZ Alkmaar im Jahr 2007 von Argentinien nach Europa geholt und ihn ausgebildet hatte. "Ich habe ihm beigebracht, Elfmeter zu halten", sagte der Niederländer, "das tut weh."

Er räumte zwar schnell ein, dass das als Scherz gemeint war, natürlich hatte van Gaal auch bei Alkmaar das Torwarttraining einem Spezialisten überlassen. Doch er hatte Romeros Talent damals als Erster erkannt - und nun hatte genau dieser dafür gesorgt, dass sein alter Förderer knapp vor dem Ziel gescheitert war.

Van Gaal wollte das allerdings so nicht gelten lassen. "Natürlich überwiegt jetzt die Enttäuschung. Es ist immer brutal, in einem Elfmeterschießen auszuscheiden", sagte er. Doch es sei "keine Schande", dass die Niederlande es nicht ins Finale geschafft haben: "Denn wir haben ein großartiges Turnier gespielt. Keiner hatte daran geglaubt, dass wir es bis ins Halbfinale schaffen. Nun haben wir gegen ein großes Team wie Argentinien im Elfmeterschießen verloren", sagte van Gaal. Es sei auch Pech dabei gewesen.

In Monaco nur zweiter Torhüter

Ganz unrecht hatte der Bondscoach damit nicht, denn Romero, beim AS Monaco eigentlich nur zweiter Torhüter, gilt nicht gerade als Elfmeterkiller. Doch verloren hatten die Niederlande dieses Halbfinale bereits in den 120 Minuten zuvor. War van Gaal in den vorangegangenen Partien zwar nicht für den schönen Fußball seines Teams, dafür aber für seine taktischen Kniffe und seinen Pragmatismus gelobt worden, musste er gegen Argentinien mitansehen, wie sein Plan nicht aufging.

Wie schon zuvor hatte van Gaal seine Mannschaft erneut sehr defensiv ausgerichtet: Verteidigte sie, zogen sich Dirk Kuyt und Daley Blind auf den Außenbahnen in die Fünferkette zurück, griff sie an, formierte sich sein Team zu einem 3-4-1-2. Einzig: Es kam kaum zu Angriffen.

Hatten die Niederlande es bislang aus dieser auf Verteidigung bedachten Grundstellung immer wieder geschafft, über Konter und Einzelaktionen von Arjen Robben oder Robin van Persie zu Chancen zu kommen, wirkten die beiden Angreifer nun häufig wie Fremdkörper. Weil auch Argentinien vor allem auf die eigene Verteidigung bedacht war, neutralisierten sich die beiden Teams. Das Ergebnis waren einschläfernde 120 Minuten WM-Halbfinale.

"Auf dem Feld standen Robben, van Persie, Sneijder und auf der anderen Seite Messi, Lavezzi und Higuaín. Dass es trotzdem kaum Chancen gab, sagt viel über das taktische Niveau", analysierte van Gaal, "es war ein sehr ausgeglichenes Spiel." Er hatte versucht, mit seinen drei Auswechselungen noch einmal für neue Impulse zu sorgen, damit war das Kontingent vor dem Elfmeterschießen aber schon erschöpft, und er konnte nicht - wie gegen Costa Rica - Ersatzkeeper Tim Krul ins Tor stellen. Dass er sich vercoacht habe, wies van Gaal dennoch von sich, es wäre wohl auch zu viel der Eingeständnisse bei diesem Turnier gewesen.

"Spiel um Platz drei ist überflüssig"

Denn der 62-Jährige hatte sich zugunsten des Erfolgs in Brasilien schon von seinem wichtigsten fußballerischen Prinzipien verabschiedet: Seinen so geliebten Offensiv- und Tempofußball opferte er dem defensiveren, dafür effektiveren Spiel. Nur so hatte er es mit dieser jungen Mannschaft überhaupt bis ins Halbfinale geschafft. Die anfängliche Kritik und Skepsis in seinem Heimatland und bei vielen Beobachtern war nach und nach der Bewunderung für van Gaals Handwerk gewichen. Ihm war es gelungen, unerfahrene Spieler und Weltstars wie Robben oder van Persie zu einer funktionierenden Einheit zu formen, noch dazu lobten die Spieler die ungewöhnlich gute Stimmung im Team.

Mit der dürfte es nun allerdings vorbei sein, denn mit der Niederlage gegen Argentinien schien für van Gaal, der den Vertrag als Trainer von Manchester United bereits unterschrieben hat, auch gleichzeitig die Mission Brasilien beendet. Er machte keinen Hehl daraus, dass er überhaupt keine Lust auf das nun anstehende Spiel um Platz drei gegen Brasilien (Samstag 22 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) habe: "Ich sage seit zehn, nein 15 Jahren, dass dieses Spiel überflüssig ist. Denn wenn man am Ende eines so großartigen Turniers zweimal verliert, fährt man als Loser nach Hause. Das hat mit Sport nichts mehr zu tun. Es kann nur ein Finale geben: das um den Titel."

Es klang sehr nach dem alten van Gaal, dem, der es gar nicht leiden kann, wenn etwas nicht nach seinem Geschmack läuft. Ganz aus seiner Haut schafft er es eben doch nicht.

Niederlande - Argentinien 2:4 n.E. (0:0, 0:0)
Elfmeterschießen:

Romero hält gegen Vlaar
0:1 Messi
1:1 Robben
1:2 Garay
Romero hält gegen Sneijder
1:3 Aguero
2:3 Kuyt
2:4 Maxi Rodriguez
Niederlande: Cillessen - Vlaar, de Vrij, Martins Indi (ab 46. Janmaat) - Kuyt, de Jong (ab 62. Clasie), Blind - Wijnaldum, Sneijder - Robben, van Persie (ab 96. Huntelaar)
Argentinien: Romero - Zabaleta, Demichelis, Garay, Rojo - Biglia, Mascherano - Pérez (ab 81. Palacio), Messi, Lavezzi (ab 101. Rodriguez) - Higuaín (ab 82. Aguero)
Schiedsrichter: Cüneyt Cakir (Türkei)
Zuschauer: 63.267
Gelbe Karten: Martins Indi, Huntelaar - Demichelis
Torschüsse: 7:7
Ecken: 4:4
Ballbesitz: 54:46 Prozent

Zur Autorin
Saima Altunkaya
Sara Peschke ist Redakteurin im Sportressort bei SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Sara_Peschke@spiegel.de

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Seite 1
mczeljk 10.07.2014
1. Zustimmung
Van Gaals Einschätzung über das Spiel um Platz drei kann ich nur zustimmen.
TS_Alien 10.07.2014
2.
Im gestrigen Spiel hat man nicht sehen können, dass eine der beiden Mannschaften gewinnen wollte. Wer sich auf das Elfmeterschießen oder einen vorherigen Glückstreffer verlässt, darf sich nicht wundern, wenn er das Spiel am Ende verliert. Da haben die Spieler, Trainer und Betreuer eine oftmals einmalige Chance auf ein WM-Finale und machen nichts dafür. Das ist armselig. Solche Mannschaften haben ein Spiel um die goldene Ananas mehr als verdient.
Watchtower 10.07.2014
3. So ist er, der General...
und übrigens auch dem Schwalbenkönig Robben: Dritter oder vierter Sieger zu sein, erscheint den Herrn zu schnöde...Mit so etwas gibt sich ein verkannter Weltmeister nicht ab. Auch eine Art, Hochmut zu demonstrieren...
themistokles 10.07.2014
4.
Zitat von sysopREUTERSDie Niederlande sind im Elfmeterschießen an Argentinien gescheitert. Im WM-Halbfinale war die neue, defensive Taktik von Louis van Gaal nutzlos. Der Trainer wettert jetzt gegen das Spiel um Platz drei. http://www.spiegel.de/sport/fussball/niederlande-gegen-argentinien-van-gaal-scheitert-im-elfmeterschiessen-a-980229.html
Da kann wohl jemand nicht verlieren.... ;) Ich verstehe auch nicht so ganz den Tenor des Artikels: Wäre von Gaal der große Taktiker, als der er hingestellt wird, wären die Niederlande im Finale. Wer in der Enrdrunde in rund 330 Minuten regulärer Spielzeit ganze 2 Tore schießt, hat bisher einfach nur Glück gehabt, weitergekommen zu sein.
Untertan 2.0 10.07.2014
5. Argumentationskette
Zitat von sysopREUTERSDie Niederlande sind im Elfmeterschießen an Argentinien gescheitert. Im WM-Halbfinale war die neue, defensive Taktik von Louis van Gaal nutzlos. Der Trainer wettert jetzt gegen das Spiel um Platz drei. http://www.spiegel.de/sport/fussball/niederlande-gegen-argentinien-van-gaal-scheitert-im-elfmeterschiessen-a-980229.html
Wenn man dann allerdings gewinnt, fährt man als Sieger nach hause, das hat mit Sport viel zu tun. Verzeihung, es gibt Argumente gegen das Spiel um Platz 3, dieses ist jedoch keins.
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