Hollands Star Kuyt Verteidiger auf dem zweiten Bildungsweg

Fast sein ganzes Fußballerleben war Dirk Kuyt Stürmer. Doch dann stellte Bondscoach Louis van Gaal den harten Arbeiter in die Abwehr. Das Ergebnis: Kuyt ist einer der besten Außenverteidiger der WM - und kann mit den Niederlanden ins Finale einziehen.

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Aus Rio de Janeiro berichtet


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Es gab zu den Zeiten, als Dirk Kuyt beim FC Liverpool spielte, ein Plakat an der Anfield Road. Darauf stand: "Dirk Kuyt works hard." Ein Satz, der alles über den mittlerweile fast 34-jährigen Niederländer aussagt. Auch in Brasilien ist wieder harte Arbeit angesagt, es ist das fünfte und wohl letzte große Turnier für Kuyt, und trotzdem ist diesmal alles anders.

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Heft 28/2014
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Kuyt hat in seiner langen Profi-Laufbahn 532 Ligaspiele absolviert, er war Torschützenkönig in den Niederlanden, er hat 192 Ligatore erzielt für den FC Utrecht, für Feyenoord Rotterdam, für den FC Liverpool, zuletzt für Fenerbahce Istanbul. Er ist 98 Mal für die Niederlande als Stürmer aufgelaufen.

Bei dieser WM ist Dirk Kuyt mit Philipp Lahm der beste Außenverteidiger, der noch im Turnier steht.

Oranje-Coach Louis van Gaal ist im Viertelfinale für seine Maßnahme, zum Elfmeterschießen einen neuen Torwart einzuwechseln, als taktisches Genie bejubelt worden. Dabei ist das im Vergleich dazu, was er mit Kuyt gemacht hat, nur eine Kleinigkeit gewesen. 14 Jahre lang ist niemand auf die Idee gekommen, dass Kuyt vielleicht auch ein guter Abwehrspieler sein könnte. Bis van Gaal kam und ihm im Trainingslager in Portugal diesen Vorschlag machte.

Van Gaal hat einen Blick für die optimale Position

Van Gaal hat wie wenige andere in diesem Job einen besonderen Blick dafür, welche Position für welchen Spieler die beste ist. In München stellte er Bastian Schweinsteiger ins Zentrum. Seitdem ist er aus dem defensiven Mittelfeld nicht mehr wegzudenken.

Auch das Experiment Kuyt hat sofort funktioniert: Im Achtelfinale gegen Mexiko machte Kuyt sein 100. Länderspiel für die Niederlande. Er begann in dieser Partie als Linksverteidiger, agierte zwischendurch als zusätzliche Spitze und beendete das Match als Abwehrspieler auf rechts.

"So einen wie Kuyt kannst du dir nur wünschen, er kann in alle taktischen Richtungen gehen", hat Hollands Übervater Johan Cruyff den stürmenden Verteidiger gelobt. Und ein anderer Großer der niederländischen Fußballgeschichte, Wim van Hanegem, weiß auch, warum Kuyt so wertvoll ist: "Er hat ein kleines Ego." In einer Mannschaft mit Arjen Robben und Robin van Persie und einem Trainer van Gaal ist das eine unschätzbare Qualität.

Tatsächlich ist Kuyt, obwohl er schon so lange auf höchstem Niveau spielt, einer, der sich gern in die zweite Reihe stellt. Bei Liverpool machte er die Drecksarbeit für Mittelstürmer Fernando Torres, in der Nationalmannschaft sorgte er für die Räume, die sein Stürmerkollege Ruud van Nistelrooy für seine Treffer brauchte.

Siebter Spieler im 100er-Club von Oranje

Eine Spielweise, wie gemacht für die Rolle des Publikumslieblings. An der Anfield Road, wo er sechs Jahre rackerte, lief und kämpfte, haben sie ihn geliebt. Wenn er mit stets leicht oder mittelschwer gerötetem Kopf und den blonden Wuschelhaaren mal wieder seine zehn Mindestkilometer Laufleistung pro Spiel abgeliefert hat. Sein damaliger Trainer Rafael Benítez taufte ihn Mister Duracell.

Erst sechs Spieler vor Kuyt haben in den Niederlanden die 100er-Marke erreicht. Es sind die großen Namen der jüngeren Vergangenheit: Frank de Boer, Edwin van der Sar, Philip Cocu, Giovanni van Bronckhorst, Rafael van der Vaart gehört auch dazu. Der Fußball-Arbeiter aus dem kleinen Badestädtchen Katwijk - der Ort, wo sich die "Elftal" traditionell auf Länderspiele vorbereitet - ist jetzt auch in die Ruhmeshalle aufgenommen.

Am Mittwoch geht es im Halbfinale gegen die Argentinier, und in den Niederlanden fahren sie die Erinnerung an das WM-Finale 1978 gegen die Südamerikaner hoch. Als die Niederlande wieder einmal im Endspiel gescheitert sind. Wie 1974 gegen Deutschland, wie 2010 gegen Spanien. In Südafrika war Kuyt dabei. Auch er hat die Niederlage nicht verhindern können. Vielleicht hätte er damals einfach schon Verteidiger spielen sollen. Aber der damalige Coach hieß eben nicht Louis van Gaal. Er hieß Bert van Marwijk.

Der englische "Guardian" hat Kuyt bei dieser Weltmeisterschaft den "unbesungenen Helden" genannt. Es wird höchste Zeit, das zu ändern.

Zum Autor
Peter Ahrens ist Redakteur im Sportressort von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Peter.Ahrens@spiegel.de

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
stefansaa 09.07.2014
1.
Zitat von sysopREUTERSFast sein ganzes Fußballer-Leben war Dirk Kuyt Stürmer. Doch dann stellte Bondscoach Louis van Gaal den harten Arbeiter in die Abwehr. Das Ergebnis: Kuyt ist einer der besten Außenverteidiger der WM - und kann mit den Niederlanden ins Finale einziehen. http://www.spiegel.de/sport/fussball/niederlande-gegen-argentinien-dirk-kuyt-vom-stuermer-zum-abwehrspieler-a-979522.html
Das scheint gar nicht so ungewöhnlich. Erik Durm war ja auch mal Stürmer und ist ein richtig guter Außenverteidiger. Ebenso ist Kevin Großkreutz eher ein offensiv-Akteur gewesen und wurde zum RV umgeschult. Ich denke es ist eher die Eigenschaft als "Arbeiter" als die fußballerischen Fähigkeiten die den Akteuren diese Umschulung ermöglichen.
Fischkopp1887 09.07.2014
2. Als HSV-Fan...
...fällt einem da natürlich gleich der Name Bernd Wehmeyer ein, der ebenfalls ein gelernter Stürmer war und dann nach hinten versetzt wurde. Die errungenen Erfolge mit dem HSV sprechen nicht gerade gegen diese Maßnahme. Das waren noch Zeiten!
brokerbundfuture1 09.07.2014
3. da fällt mir ein
dass Holland schon mehr als genug erreicht hat und um der Spannung Willen wird Argentinien der Finalgegner der überzeugenden deutschen Mannschaft. Die Niederlande hat sich gut durchgetankt und nun kommt eben ein Brocken auf sie zu. ARG und Messi, das wird eine harte Nummer werden ausser im Elfmeterschiessen :-)
warp0 09.07.2014
4. Wohl wahr, wohl wahr
Kuyt spielt, kämpft und rennt überragend. Hätte ich ihm nicht zugetraut, schon gar nicht "auf seine alten Tage". Respekt an VanGaal und natürlich auch an Kuyt selbst :)
joe75 09.07.2014
5.
Zitat von brokerbundfuture1dass Holland schon mehr als genug erreicht hat und um der Spannung Willen wird Argentinien der Finalgegner der überzeugenden deutschen Mannschaft. Die Niederlande hat sich gut durchgetankt und nun kommt eben ein Brocken auf sie zu. ARG und Messi, das wird eine harte Nummer werden ausser im Elfmeterschiessen :-)
Warten wir mal das Halbfinale ab! Hinterher gewinnt Holland 5:0 und alle reden dann auch anders. Dann wäre es auf einmal das Finale "der Giganten" ;)!
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