Niedersachsenderby Amtsgericht hebt Buspflicht für Hannover-Fans auf

Erfolg vor Gericht: Hannover 96 darf die Inhaber von Auswärtsdauerkarten nicht dazu zwingen, in einem Bus nach Braunschweig zu reisen. Beim Niedersachsenderby werden über 3000 Polizisten im Einsatz sein, doch alle Seiten bemühen sich, keine Krawall-Szenarien heraufzubeschwören.

Hannover-Fans beim Derby: Aufgeheizte Stimmung
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Hannover-Fans beim Derby: Aufgeheizte Stimmung


SPIEGEL ONLINE Fußball
Hamburg - Zwei Tage vor dem 120. Niedersachsenderby zwischen Eintracht Braunschweig und Hannover 96 haben die Gäste die erste Niederlage einstecken müssen: Inhaber einer 96-Auswärtsdauerkarte können nicht gezwungen werden, die Reise zum Bundesliga-Auswärtsspiel am Sonntag (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: Sky) in einem organisierten Bus anzutreten.

Das Amtsgericht Hannover hat am Freitag einer entsprechenden Klage mehrerer Fans stattgegeben, laut dem Hannoveraner Anwalt Andreas Hüttl ist noch nicht abschließend geklärt, ob das Urteil auch für alle anderen Inhaber einer Auswärtsdauerkarte gilt. Die Fanhilfe Hannover hat allerdings schon alle rund 250 Fans mit entsprechender Dauerkarte aufgefordert, sich die Tickets auf der 96-Geschäftsstelle abzuholen.

Um die Sicherheit rund um das brisante Derby zu erhöhen, hatte Hannover 96 eine Regelung eingeführt, derzufolge die Tickets erst während der Anreise in sieben Konvois mit insgesamt 50 Bussen vor Ort ausgehändigt werden sollten. Darauf hatten sich beide Vereine, die Polizei Hannover und das Innenministerium geeinigt.

Hannover 96 hat bereits angekündigt, Konsequenzen aus der Problematik ziehen zu wollen, zur neuen Saison sollen die Auswärtsdauerkarten abgeschafft werden: "Das ist die Erkenntnis aus dem anstehenden Spiel gegen Braunschweig", hatte Vereinschef Martin Kind SPIEGEL ONLINE gesagt.

Ob der Zwist zwischen Hannover und seinen Anhängern so kurzfristig beigelegt werden kann, ist allerdings fraglich - denn diejenigen der 2200 Fans ohne Auswärtsdauerkarte müssen trotzdem mit dem Bus nach Braunschweig reisen. Die "Ultras Hannover" etwa haben bereits ihren Boykott angekündigt. Ihr Verständnis von Reisefreiheit lasse die Teilnahme an einer solchen Fahrt nicht zu, hieß es. Für Sonntag riefen sie zu einer Demonstration auf - und zwar in Braunschweig, direkt neben dem Hauptbahnhof. Sie werden möglicherweise ohne Eintrittskarten für das Spiel mit der Bahn anreisen.

500 Demonstranten erwartet

Die Stadt Braunschweig hat die Demonstration genehmigt und SPIEGEL ONLINE bestätigt, dass für die Demonstration 500 Teilnehmer angemeldet sind. Für den Protest gelten strenge Auflagen: Ein Marsch durch die Stadt ist den Hannoveraner Ultras aus Sicherheitsgründen nicht gestattet, außerdem wurde die Veranstaltung auf 14 bis 16 Uhr terminiert - so sollen die 96-Fans sich nicht mit anreisenden Eintracht-Anhängern in die Quere kommen.

"Es ist damit zu rechnen, dass darunter gewaltbereite Personen sind", sagt Polizeisprecher Joachim Grande. Nach dem amtlich festgelegten Ende der Demonstration sollen die Teilnehmer zurück nach Hannover reisen, die Polizei will verhindern, dass sie in Gruppen in die Stadt oder zum Stadion ziehen.

Wollten beide Vereine mit der entschärften Anreise im Vorfeld des Duells der Erzrivalen für Ruhe sorgen, haben sie nun offenbar genau das Gegenteil erreicht. Hannover bekam den Unmut jüngst zu spüren, nachdem der Club einen Aufruf bei Facebook gestartet hatte: Die Fans sollten ihre Unterstützung zeigen, indem sie Fotos von Fahnen und Flaggen einsenden.

Doch der Aufruf kam nicht bei allen Fans gut an. Ein Facebook-Nutzer schrieb, es werde immer gefordert, dass die Fans alles für den Verein täten, doch was tue der Verein für die Fans? "Er sperrt sie aus dem Stadion aus!!" Ein anderer Nutzer betonte: "Wir wollen den Derbysieg!!!! Und keinen Viehtransport...".

Totes Lamm am Übungsplatz

Dabei birgt die Begegnung auch so genug Brisanz: 2600 Polizisten sind im Einsatz, dazu kommen noch einmal rund 600 Bundespolizisten. Normalerweise werden die Heimspiele von Eintracht Braunschweig von ein paar hundert Einsatzkräften gesichert. Außerdem hat der Verein die Zahl seiner Ordner von 350 auf 500 erhöht. Im Stadion besteht Alkoholverbot, im näheren Umkreis sind Glasflaschen verboten.

Die Polizei rechnet mit insgesamt 2000 gewaltbereiten Fans, wobei die Kriterien für diese Beurteilung bei den Fans selbst umstritten sind. Karsten König vom Eintracht-Fanprojekt sagt: "Ein paar Gewaltbereite schwirren immer rum, das lässt sich nicht verhindern. Aber 2000 mögliche Gewalttäter - die sehe ich nicht."

König hat auch ein Problem mit der Auffassung von Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius, wonach in beiden Fan-Lagern die Nerven blank lägen angesichts der Abstiegsgefahr beider Clubs: Diese Theorie sei "Unsinn", sagt König: "Ein Derby ist immer brisant. Aber von einer erhöhten Brisanz kann man auf unserer Seite nicht sprechen."

Wie ernst es den Fans tatsächlich mit ihrer Rivalität ist, zeigt aber eine Episode vom Freitag: Braunschweig-Anhänger hängten laut einem im Internet kursierenden Foto ein totes Lamm an einen Zaun am Trainingsgelände von Hannover 96. Auf dem Schild daneben steht geschrieben: "Am Sonntag geht euch Mistviechern die Luft aus."

buc/psk/sid

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