Kuriose Fußballtabelle in Nigeria Liga der unmöglichen Auswärtssiege

Nigerias Premier League hat die merkwürdigste Tabelle: Es gibt kaum Auswärtssiege. In einem der korruptesten Ländern der Welt werden die Schiedsrichter vom Gastgeber bezahlt - oft mit einer "leistungsabhängigen Prämie" nach dem Spiel. Doch das ist nicht der einzige Grund für die Heimstärke.

Nigeria-Fans (bei der Nationalmannschaft): Zu Hause wird immer gewonnen
AP

Nigeria-Fans (bei der Nationalmannschaft): Zu Hause wird immer gewonnen

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Hamburg - Fans von Hannover 96 und Borussia Mönchengladbach haben in dieser Bundesliga-Saison eher wenig Spaß auf Auswärtsreisen: Beide Clubs gewannen in der Fremde noch nicht, Hannover verlor alle seine vier Partien, Gladbach holte immerhin ein Remis aus fünf Spielen. Doch das ist alles nichts gegen die Ergebnisse aus der nigerianischen Premier League.

Dort ist vor etwas mehr als einer Woche die Saison zu Ende gegangen - und die Abschlusstabelle ist kurios: Keines der 20 Teams konnte mehr als drei Spiele auswärts gewinnen. 19 Mal probierte es jede Mannschaft, doch insgesamt gab es nur 18 Siege beim Gegner. Zum Vergleich: In der Bundesliga gab es in der vergangenen Saison 98 Erfolge auf fremden Plätzen.

Zwischen Meister Kano Pillars (20 Siege) und dem Tabellenletzten Shooting Stars (13 Siege) liegen nur 17 Punkte. Auch hier der Vergleich zur deutschen Liga: Triple-Sieger Bayern München hatte in der abgelaufenen Spielzeit 70 Punkte mehr auf dem Konto als Absteiger Greuther Fürth.

Screenshot der Tabelle von der Internetseite des Weltverbands Fifa

Screenshot der Tabelle von der Internetseite des Weltverbands Fifa

Die kuriose Heimstärke der Liga ist jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Produkt von unglaublichen Zufällen: Nigeria hat eine der größten Korruptionsraten weltweit. Transparency International führt das Land auf dem 139. Rang von insgesamt 176 untersuchten Ländern. Und auch der Fußball ist davon betroffen.

Internationale Schlagzeilen machten etwa zwei Aufstiegsspiele in die unterste landesweite Liga, die 67:0 und 79:0 ausgingen. Der nigerianische Verband nannte die Partien damals "eine unglaublich peinliche Demonstration" und schloss alle vier beteiligten Mannschaften für zehn Jahre vom Spielbetrieb aus.

Schiedsrichter werden von den Heim-Teams bezahlt

Die Bestechung von Schiedsrichtern und Spielern ist so offensichtlich, dass auch die Politik sich bereits äußern musste. "Das ist inakzeptabel. Alle Beteiligten sollten sich schämen", sagte Sportminister Bolaji Abdullahi dem südafrikanischen Fußballmagazin "Kick Off": "Wir arbeiten daran, ein Spezialteam aufzustellen, das sich mit den Spielmanipulationen beschäftigt", sagt er: "Wir müssen die Integrität und die Glaubwürdigkeit der Liga wiederherstellen."

Doch die Anfälligkeit der Schiedsrichter liegt im System begründet, wie der englische "Guardian" schreibt. Da die Ligaleitung LMC finanziell nur ungenügend ausgestattet ist, werden die Gehälter der Schiedsrichter von den Heimteams bezahlt. Eigentlich soll dies vor dem Anpfiff geschehen, doch nach Informationen des "Guardian" soll es vorkommen, dass manche Clubs "leistungsabhängige Prämien" zahlen - nach den Spielen.

Neben den mutmaßlichen Spielabsprachen gibt es auch noch eine Reihe anderer Faktoren für die kuriose Heimstärke der Liga, wie der Afrika-Scout Stig Torbjørnsen dem Norwegischen Rundfunk sagt: "Die Gastgeber sorgen dafür, dass die Gästeteams so mies wie möglich behandelt werden. Das Essen ist schlecht, sie werden vom Schlafen abgehalten, bekommen keine Bälle zum Einspielen, und manchmal verschwindet auch das Wasser."

Fans mit Pistole vertrieben

Die Reisestrapazen sind ebenfalls ein Grund für die schwachen Leistungen der Gästeteams. Die meisten Teams reisen in stundenlangen Trips in Bussen an, denen oft sogar die Klimaanlage fehlt. Ein Eintreffen kurz vor Anpfiff ist keine Seltenheit. In der vergangenen Saison mussten zwei Partien sogar abgesagt werden, weil die Teams - Sunshine Stars und Wikki Tourists - auf ihrem Weg zum Spiel überfallen wurden.

Die emotionale, hitzige Atmosphäre der Heimfans hat ebenfalls großen Einfluss auf Gästespieler und Schiedsrichter. Besonders die Referees sehen sich immer wieder Angriffen der Zuschauer ausgesetzt - und drohten zeitweise sogar mit einem Boykott, sollte sich nichts ändern.

Der nigerianische Journalist Colin Udoh erzählt dem "Guardian" dazu folgende Geschichte: "Es gab einen großen Skandal, als ein Schiedsrichter namens Dogo Yabilsu vor ein paar Jahren einen Elfmeter für die Sharks gegen Kwara United gegeben hat. Fans stürmten den Platz und Yabilsu, ein Oberst der Armee, holte seine Pistole raus und vertrieb die Zuschauer."

Doch die Bedrohung genügte, der Sharks-Schütze verschoss den Elfmeter.



insgesamt 26 Beiträge
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Kudi 30.10.2013
1. Eine Musterliga
Zitat von sysopNigerias Premier League hat die merkwürdigste Tabelle: Es gibt kaum Auswärtssiege. In einem der korruptesten Ländern der Welt werden die Schiedsrichter vom Gastgeber bezahlt - oft mit einer "leistungsabhängigen Prämie" nach dem Spiel. Doch das ist nicht der einzige Grund für die Heimstärke. http://www.spiegel.de/sport/fussball/nigerian-premier-league-heim-teams-siegen-fast-immer-a-930772.html
Das wird die FIFA-Oberen in Zürich mächtig gefallen. Eine Liga, bei der die Korruption Geschäftsmodell ist - ganz wie bei Sepp Blatter und Co.
neue_mitte 30.10.2013
2. schuld sind immer nur die anderen
Zitat von sysopNigerias Premier League hat die merkwürdigste Tabelle: Es gibt kaum Auswärtssiege. In einem der korruptesten Ländern der Welt werden die Schiedsrichter vom Gastgeber bezahlt - oft mit einer "leistungsabhängigen Prämie" nach dem Spiel. Doch das ist nicht der einzige Grund für die Heimstärke. http://www.spiegel.de/sport/fussball/nigerian-premier-league-heim-teams-siegen-fast-immer-a-930772.html
Na wer ist wohl wieder daran schuld? Genau, der Westen. Die alten Kolonialherren. Wir. Alles so böse. Die Nigerianer selbst? Oh Gott bewahre, nein. Ich nehme an, nein, ich hoffe gerade zu, dass dies hier gleich zahlreich so bestätigt wird, das immer nur andere schuld haben. Dieses Fußballphänomen ist auch auf keinen Fall ein Symptom des ganzen Zustandes in Afrika, da muss noch mehr Entwicklungshilfe reingebuttert werden.
Bärthold 30.10.2013
3. Prima, dann wissen wir ja...
wohin baldmöglichst eine WW vergeb werden muß. ;-)
raber 30.10.2013
4. Über Fussball-Kuriositäten
kann Deutschland auch berichten. Zum Beispiel ein Tor, dass von aussen ûber ein Loch im Netz eingeht. Alle wissen und sagen es. Und trotzdem wird es als Tor anerkannt. Made in Germany in 2013!
LapOfGods 30.10.2013
5. Ist doch optimal.
Eine schön, spannende Liga mit kaum Punkteabstand zwischen den Teams. Und reichliche Siege für's zahlende Heimpublikum, sogar bei den Absteigern.
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