Nigerias Trainer Vogts "Auf so einen Platz stellt der Deutsche nicht mal eine Kuh"

Miese Stadien, unmögliche Termine und unpünktliche Funktionäre machen Berti Vogts wahnsinnig. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht Nigerias neuer Nationalcoach über den Versuch, Ordnung in einen afrikanischen Fußballverband zu bringen. Seine erzieherischen Maßnahmen zeigen Wirkung - meint er.

SPIEGEL ONLINE: Herr Vogts, Sie sind seit März Trainer der nigerianischen Nationalmannschaft. Wie gefällt Ihnen der Job?

Vogts: Ach, alles ist anders hier. Die Spieler sind toll, die Organisation chaotisch. Allein, dass wir jetzt unser Qualifikationsspiel für den Africa-Cup of Nations haben, ist unglaublich. Seit drei Wochen sind unsere Spieler im Urlaub. Sie spielen ja alle in den europäischen Spitzenligen. Nun hat man sie nach einer strapaziösen Saison einfach aus den Ferien geholt und erwartet, dass sie motiviert sind und Leistung bringen. So etwas müsste der afrikanische Fußballverband mit der Fifa koordinieren, aber dazu ist er wohl nicht in der Lage. Deshalb sind Senegal, Kamerun und Nigeria auch an der WM-Qualifikation für Deutschland gescheitert: an chaotischer Terminplanung.

SPIEGEL ONLINE: Ein Wunder, dass diesmal überhaupt alle gekommen sind, die fit sind.

Vogts: Das kann man wohl sagen, und es spricht sehr für die Spieler, für ihr großes Fußballerherz, ihren Charakter. Sie haben ja selber ihre Probleme mit diesem Chaos hier, aus Europa sind sie Disziplin und Ordnung gewohnt.

SPIEGEL ONLINE: Ist es das, was dem afrikanischen Fußball fehlt?

Vogts: Sicher. Disziplin und Ordnung. Technisch können sie alles wie die Brasilianer. Sie sind viel besser als die Europäer, müssen aber einfach ihr Organisationschaos in den Griff bekommen. Ich habe auch gesagt: Wir machen jetzt keine Freundschaftsspiele mehr in Afrika. Unsere Spieler sind alle in Europa unter Vertrag, und die Anreise ist viel zu anstrengend. Das ist ja manchmal richtig abenteuerlich. Der Verband sollte sich mehr um die Spieler kümmern, das tut er bisher überhaupt nicht.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Chancen, Ordnung in so eine Organisation zu bringen?

Vogts: Man kann keine Ordnung in einen afrikanischen Fußballverband bringen. Das ist das reinste Chaos. Als wir unser erstes Spiel in Nigeria gemacht haben, das Hinspiel gegen Uganda, habe ich gedacht, ich sehe nicht richtig. Auf so einen Platz kriegen sie keinen deutschen Fußballer, da würde ein Deutscher nicht einmal seine Kuh drauf stellen.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin haben Sie 1:0 gewonnen.

Vogts: Das war auch das einzig Erfreuliche daran. Manchester-Coach Alex Ferguson hat mich danach angerufen und gesagt, auf dem Platz würde er seine Rennpferde nicht grasen lassen. Diese Funktionäre! Funktionär kommt von funktionieren. Die sollen dafür sorgen, dass alles klappt. Und was erwarten sie von uns, von der Mannschaft und uns Trainern, Ulli Stein, Thomas Häßler und mir? Dass wir alle Spiele gewinnen, möglichst ohne Gegentor, und uns für den Africa-Cup und die WM in Südafrika qualifizieren.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn das so weitergeht?

Vogts: Wenn es uns zu bunt wird, packen wir unsere Koffer und hauen wieder ab.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie sind doch gerade erst angekommen.

Vogts: Stimmt, ich war auch erst ein paar Mal in Nigeria. Die Spieler kann ich ja alle in Europa sehen. Außerdem macht die Arbeit mit den Jungs ja auch einen Riesenspaß, alle haben ein großes Potential.

SPIEGEL ONLINE: Es hieß, sie hätten bereits Ärger mit dem Verband, weil sie kein Geld bekommen hätten.

Vogts: Das hat eine Agentur aus irgendeiner französischen Zeitung abgeschrieben. Mit mir hat aber niemand gesprochen.

SPIEGEL ONLINE: Dann können Sie dieses Gerücht also dementieren?

Vogts: Über Vertragsangelegenheiten rede ich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Was war der Grund dafür, dass Sie diesen Job angenommen haben?

Vogts: Es ist phantastisch, mit diesen Weltklassespielern zu arbeiten. Aber mit Afrika ist es einfach so: Entweder man liebt den Kontinent oder man hasst ihn.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie lieben ihn?

Vogts: Wenn man 18- oder 19-mal in Afrika im Urlaub war, zum Teil im Zelt, bei wilden Tieren übernachtet hat, und viel über Afrika gelesen hat, hat man wohl eine besondere Beziehung zum Kontinent. Ich war allein neunmal in Kenia, zuletzt 1983.

SPIEGEL ONLINE: Afrika steht derzeit im Mittelpunkt. Auf dem G-8-Gipfel werden die Mächtigen der Welt beraten, wie dem Kontinent zu helfen ist.

Vogts: Für Afrika braucht man Zeit und Geduld. Nur die Europäer können Afrika helfen. Ohne sie geht der Kontinent zugrunde. Das ist hier überall wie beim afrikanischen Fußballverband: Es fehlt die Organisation. Ohne Organisation geht es nicht.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Teamkoordinator ist ganz begeistert. Er sagt, Sie brächten Ordnung ins Chaos. Erzielen Sie bereits Fortschritte?

Vogts (schmunzelt): Als neulich zwei Funktionäre zwei Minuten zu spät gekommen sind, sind wir losgefahren. Da mussten sie mit dem Taxi nachkommen. Das passiert ihnen nicht noch einmal.

SPIEGEL ONLINE: Und was die Mannschaft angeht - wo sehen Sie da Ihre Aufgabe?

Vogts: Der Teamgedanke bei Afrikanern ist nicht besonders ausgeprägt. Anders als in Europa. Der muss unbedingt gefördert werden, dann ist es sehr schwer, eine afrikanische Mannschaft zu schlagen. Und, naja, sie sind manchmal etwas ballverliebt. Dann vergessen sie alles um sich herum, alle rennen nach vorne, wie die Brasilianer, sie träumen manchmal.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Druck in Nigeria besonders groß?

Vogts: Fußball ist dort ein Heiligtum. Aber mir ist das recht. Wer keinem Druck standhalten kann, soll Halma spielen.

Das Interview führte Thilo Thielke

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