Prügelei beim FC Bayern Alles raushauen

Beim FC Bayern fliegen im Training die Fäuste zwischen Robert Lewandowski und Kingsley Coman. Besonders ungewöhnlich ist das nicht - vor allem in München. Eine kleine Kulturgeschichte des Trainingszoffs.

Robert Lewandowski (l.) und Kingsley Coman: "Die beiden haben sich entschuldigt, es tut ihnen sehr leid"
imago/Sportnah

Robert Lewandowski (l.) und Kingsley Coman: "Die beiden haben sich entschuldigt, es tut ihnen sehr leid"

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Über den Hamburger SV kann man selten sagen, dass er etwas richtig macht. Aber in diesem Fall war die Sache durchaus konsequent. Als sich der serbische Innenverteidiger Slobodan Rajkovic im Juli 2012 eine wüste Trainingsschlägerei mit seinem Teamkollegen Son Heung Min lieferte, an deren Ende der eigentlich unbeteiligte Tolgay Arslan blutend am Boden lag, griff der HSV hart durch: Rajkovic wurde in die U23-Auswahl des Klubs strafversetzt. Und er durfte die anstehende Südkorea-Reise nicht antreten. In Asien wollten die Hamburger damals den "Peace Cup" spielen.

Robert Lewandowski und Kingsley Coman ereilt keine solch drakonische Strafe. Zwischen den beiden Offensivspielern des FC Bayern sind am Donnerstag in einem Geheimtraining die Fäuste geflogen. Bayerns Trainer Niko Kovac bestätigte den Vorfall am Freitag, über den zunächst die "Bild"-Zeitung berichtet hatte.

Lewandowski und Coman haben sich gegenseitig in die Gesichter geschlagen und erst voneinander abgelassen, als die beiden Türstehertypen Jérôme Boateng und Niklas Süle dazwischengingen. Dankenswerterweise hat der Boulevard jene Szene für die Nachwelt festgehalten - mit der Anmerkung: "So stellt sich die 'Bild'-Zeichnerin die aggressive Stimmung im Bayern-Training vor." Als Comic hätte das wahrscheinlich Potenzial.

Kovac bat beide Spieler zu einem Schlichtungsgespräch und sagte dazu am Freitag: "Die beiden haben sich entschuldigt, es tut ihnen sehr leid. Es gibt keine Geldstrafe, weil die Jungs einsichtig waren. Das ist damit ad acta gelegt."

Und irgendwie hat Kovac ja auch recht. So ungewöhnlich ist es nämlich nicht, dass Kollegen untereinander handgreiflich werden. Zumindest im Fußball und vor allem in München. Da hatten sie eigentlich schon immer schlagkräftige Truppen beisammen.

Matthäus vs. Lizarazu ist die Trainingszoff-Ikone

Lothar Matthäus etwa musste 1999 am eigenen Gesicht spüren, dass sich sein Bayern-Mitspieler Bixente Lizarazu trotz seiner nur 1,69 Meter nichts bieten lässt. Nachdem es zwischen beiden eine Meinungsverschiedenheit über eine Trainingsform gegeben hatte, langte erst Matthäus zu. Lizarazu revanchierte sich mit einer Ohrfeige. Beide mussten zur Strafe in die Kabine.

Weil jene Szene gefilmt und über die Jahre immer wieder herausgeholt wurde, wenn es irgendwo zu einer Prügelei unter Mitspielern kam, ist sie heute die Trainingszoff-Ikone des deutschen Fußballs.

Lothar Matthäus 1999
Peter Schatz/ Getty Images

Lothar Matthäus 1999

Aber es gibt weitere Beispiele von der Säbener Straße: 2003 schubsten sich im Münchner Training Samuel Kuffour und Jens Jeremies, die bei den Bayern eigentlich für die Deckung zuständig waren. Thorsten Fink wollte schlichten und fing sich dafür von Kuffour selbst eine ein. Vielleicht reagierte Fink auch deshalb neun Jahre später so rigoros auf die Keilerei zwischen Rajkovic und Son beim HSV. Fink war damals Hamburger Trainer geworden und sagte: "Für mich ist klar, dass Rajkovic nicht mehr zurückkommt."

Nicht nur auf dem Trainingsplatz, sondern sogar in der Kabine kann man sich beim FC Bayern an die Gurgel gehen. Im April 2012, während der Halbzeitpause des Champions-League-Halbfinal-Hinspiels gegen Real Madrid, gingen Franck Ribéry und Arjen Robben aufeinander los. Robben trug ein blaues Augen davon, Ribéry eine Geldstrafe.

"Ach, halt die Schnauze!"

Wird beim FC Bayern wieder einmal alles rausgehauen, ist meistens aber Robert Lewandowski involviert. Im Mai 2015 etwa geriet der Stürmer mit Boateng aneinander. Der hatte sich mit einer Grätsche wohl unangemessen hart den hochversicherten Beinen des Stürmers genähert. Lewandowski trat wohl zurück, was wiederum Boateng schwer reizte. Einen Faustkampf im Münchner Regen konnten die umstehenden Kollegen gerade noch verhindern.

Im Februar 2018 waren es dann Lewandowski und Mats Hummels, die sich zumindest ein Wortgefecht lieferten. "Ach, halt die Schnauze! Verzieh dich", soll Hummels Lewandowski an den Kopf gehauen haben, weil beide die Schuldfrage nach einem Ballverlust in einem Trainingsspiel nicht einvernehmlich klären konnten. Einen Monat zuvor hatten sich schon der eigentlich ganz lammfromm aussehende Sebastian Rudy und James Rodríguez nach einer Grätsche des Kolumbianers in die Haare gekriegt.

Die Kulturgeschichte des Trainingszoffs im deutschen Fußball ist also geprägt durch Münchner Anekdoten. Das mag daran liegen, dass bei den Bayern die Egodichte und der Erfolgsdruck besonders hoch sind, was bisweilen ein toxisches Gemisch ergeben kann.

Prügelei als Katharsis

Doch spannend ist dann ja auch die Frage der Akzeptanz: Während anderswo in der Gesellschaft eine derartige Entgleisung zu Abmahnungen oder fristlosen Kündigungen führen würde, wenn sich im Büro plötzlich wer prügeln würde, wertet der Fußball die körperliche Auseinandersetzung unter Kollegen manchmal sogar als kathartisch. Ein solches Ausleben innerer Konflikte und verdrängter Emotionen könnte ja zu einer Reduzierung dieser Konflikte und Gefühle führen, so die Theorie.

Die Milde von Niko Kovac im Fall Lewandowksi/Coman hatte seinen Grund. Der Trainer hatte als Bayern-Profi ja selbst erlebt, dass man eine solche Sache auch positiv umdeuten kann.

Als Kovac sich 2002 vor einem wichtigen Spiel gegen Borussia Dortmund mit Lizarazu im Training an die Hälse ging, bekam der Franzose zwar eine üppige Geldstrafe, weil er offenbar der Auslöser war. Doch der damalige Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld sagte später: "Das zeigt nur, dass die Mannschaft lebt. Vor Dortmund ist richtig Feuer drin, das gefällt mir."



insgesamt 70 Beiträge
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Seite 1
Nonvaio01 12.04.2019
1. gut so
das zeigt das da feuer drinn ist......es kracht eben manchmal unter Fussballern, damit ist der FCB nicht alleine. Und eine Prueglei ist etwas anderes, das ist nichts. Es blutet ja keiner, also nur ein paar schubser. Die Franzosen sind eben etwas emotionaler. Zidane war da auch nicht anders, Liza, Coman, Ribery, und auch bei anderen Vereinen in Europa ist es so. Ich finds gut...;-) Fussball ist Leidenschaft, und wo leidenschaft ist kann das schon einmal passieren..
laberbacke08/15 12.04.2019
2.
Lewandowski ist für mich einer der unsportlichsten Typen die es gibt. Überrascht mich nicht, dass der mal wieder involviert war.
meresi 12.04.2019
3. P1
dort kann man sie manchmal bewundern wenn es gegen renitente Gäste geht, da kanns schon sein dass sie dann im Kollektiv auftreten...zumindest vor langer Zeit, ob es solche Vorstellungen auch noch heute gibt entzieht sich meiner Kenntnisse, da Lokalverbot seitdem...
Nonvaio01 12.04.2019
4. ach Sie kennen den Privat?
Zitat von laberbacke08/15Lewandowski ist für mich einer der unsportlichsten Typen die es gibt. Überrascht mich nicht, dass der mal wieder involviert war.
oder woher wissen Sie das?
Laemat 12.04.2019
5. Konflikte
Mit Gewalt zu lösen war noch nie eine gute Lösung. Beide raus schmeißen und gut ist..
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