Bayerns Meistertrainer Niko Kovac Braves Lächeln, bisschen Freude

Der FC Bayern hat sich in dieser Saison von vielen seiner Spieler entfremdet. Und vom Trainer? Niko Kovac feierte den größten Titel seiner Karriere zurückhaltend. Wie es mit ihm weitergeht, ist offen.
Von Christoph Leischwitz
Niko Kovac bedankt sich bei den Fans: "Sie freuen sich aber schon?"

Niko Kovac bedankt sich bei den Fans: "Sie freuen sich aber schon?"

Foto: imago images/ ActionPictures

Die Frage war nötig am Ende der Pressekonferenz, damit auch jeder sichergehen konnte. "Sie freuen sich schon?" Anderthalb Stunden zuvor hatte Niko Kovac mit dem FC Bayern seine erste Deutsche Meisterschaft als Trainer gewonnen, mit einem 5:1-Sieg über Eintracht Frankfurt, seinen Ex-Klub. Anzusehen war ihm das so gut wie gar nicht.

"Natürlich freue ich mich", versicherte der 47-Jährige. "Es ist noch sehr viel hier drin", sagte er, und klopfte sich gegen die Brust. Es konnte einfach noch nicht raus, dabei wäre es doch ein idealer Moment gewesen für einen Trainer, der am Samstagabend eben auch sagte: "Hier sitzt kein Roboter, ich schäme mich auch nicht, Gefühle zu zeigen." Er habe gerade "Großes erreicht", Kovac ist außerdem nach Franz Beckenbauer der erste beim FC Bayern, der sowohl als Spieler wie auch als Trainer die Schale in die Höhe recken konnte. Aber das sei nur nebensächlich.

Es herrschte eine seltsame emotionale Gemengelage während und nach dem letzten Saisonspiel, nach dem immerhin spannendsten Saisonfinale seit 2009, als Wolfsburg die Bayern auf zwei Punkte Abstand gehalten hatte. Freude gab es, aber sicherlich nicht im Überschwang. Viel Konfetti, viele Weißbierduschen, aber keinen Platzsturm, obwohl es immerhin 19 Jahre her ist, dass die Bayern eine Meisterschaft im eigenen Stadion feiern konnten.

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Bayerns Meisterfeier: Robbens letzte Weißbierdusche

Foto: Sven Hoppe/DPA

Kovacs Gesicht stand stellvertretend für den Abend: ein braves Lächeln, ein bisschen Freude in den Augen über das Erreichte. Doch ausgiebig feiern sah man ihn nicht. Die Gästefans aus Frankfurt schrien irgendwann: "Und ihr wollt Deutscher Meister sein!?" Bei uns, sollte das heißen, würde es jetzt ganz anders zugehen. Ohne die tränenreichen Abschiede von Arjen Robben und Franck Ribéry wäre die Meisterschaft fast wie jede andere dahergekommen.

Die gemischte Stimmung am Feier-Tag haben die Bayern selbst zu verantworten. Das war zum Beispiel daran zu erkennen, dass selbst die Fans die Vereinsführung kritisierten - und das zu Beginn der zweiten Halbzeit, nur Minuten von der nächsten Meisterschaft entfernt. Auf einem Banner in der Südkurve war zu lesen: "Bayern-Familie wird gepredigt, doch selbst nicht mehr gelebt. Umbruch heißt als Einheit standhaft zu bleiben!" Dass sich das Triumvirat um Präsident Uli Hoeneß, Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge und Sportdirektor Hasan Salihamidzic zuletzt nicht klar hinter den Trainer gestellt hatte - in Medienberichten von Freitag hieß es sogar, das Ende von Kovac sei schon beschlossen - schien einige Anhänger verärgert zu haben.

Kovac nach der Weißbierdusche

Kovac nach der Weißbierdusche

Foto: Tobias Hase/ dpa

Als sie dann auch noch Kovacs Namen sangen - und er ihnen dankbar zuklatschte - da wirkte das Bekenntnis eher unterstützend denn als Dank für den Titel. So hatte es auch Kovac selbst verstanden: "Das ist das, warum man den Job macht: wenn man Anerkennung, vielleicht auch Trost bekommt. Man sieht, dass die Fans auch immer wieder ein gutes Gespür haben." Seine Spieler hingegen lagen sich vor allem gegenseitig im Arm. Weißbierduschen, die klebrige Variante des "Mia san mia", fielen in seinem Fall sehr sporadisch aus.

Boatengs leiser Abgang

Es gab inmitten der Feierlichkeiten auch stille Momente. Jérôme Boateng zum Beispiel verabschiedete sich lange vor allen anderen Spielern aus der Arena, und wie in den vergangenen Monaten meistens ohne jegliches Statement - dabei war auch der Verteidiger wahrscheinlich zum letzten Mal als Bayern-Spieler hier. Auf dem Weg zum Siegerpodest gab es auch noch einen, der so gut wie keinen hörbaren Applaus erhielt: James Rodríguez. Der FC Bayern hat sich in dieser Saison von vielen seiner Spieler entfremdet. Selbst die Meisterfeier konnte das nicht komplett übertünchen.

Andererseits konnte man sich aber auch fragen, ob nicht vielleicht doch alles in Ordnung ist beim Rekordmeister. Dass dieses Hintergrundrauschen der Unzufriedenheit womöglich einfach nur eine handelsübliche Begleiterscheinung ist, wenn ein Titel-Monstrum wie der FC Bayern versucht, sich zu erneuern.

Den Anstoß dazu gab ausgerechnet Kovac. "Es war ein sehr, sehr anstrengendes Jahr, das können Sie mir glauben", sagte er einerseits. Aber Sorgen um seine Zukunft macht er sich offenbar trotzdem nicht. Er habe ja drei Chefs, sagte er. Und wenn man mit ihnen rede, "dann hört man raus, in welche Richtung es geht. Ich glaube schon, dass ich es richtig interpretiert habe": dass er nämlich seinen bis 2021 laufenden Vertrag wird erfüllen dürfen.

Präsident Hoeneß sagte dazu, dass es nicht der richtige Zeitpunkt sei, um darüber zu sprechen. Sportdirektor Salihamidzic sagte, die "Fakten sprechen dafür", dass Kovac Trainer bleibe. Und das auf mehrfache Bitte hin, sich doch einmal klipp und klar zur Causa Kovac zu äußern. Ein Optimist könnte sagen: Die Meisterschaft hat Kovacs Chancen, Bayern-Trainer zu bleiben, ein wenig erhöht.

Mehr aber auch nicht.

Bayern München - Eintracht Frankfurt 5:1 (1:0)
1:0 Coman (4.)
1:1 Haller (50.)
2:1 Alaba (53.)
3:1 Sanches (58.)
4:1 Ribéry (72.)
5:1 Robben (78.)
München: Ulreich - Kimmich, Süle, Hummels, Alaba - Thiago, Goretzka (37. Sanches) - Gnabry (67. Robben), Thomas Müller, Coman (61. Ribéry) - Lewandowski. - Trainer: Kovac
Frankfurt: Trapp - Abraham, Hasebe, Hinteregger - Fernandes, de Guzmán (46. Haller) - da Costa, Kostic - Gacinovic - Jovic, Rebic (64. Torro). - Trainer: Hütter
Schiedsrichter: Stegemann (Niederkassel)
Zuschauer: 75.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Thiago (5), Ribéry (3) - Hinteregger (3), Hasebe (4)

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