Nordkorea gegen Südkorea in WM-Qualifikation Fußball? Nebensache

Süd- trifft in der WM-Quali auf Nordkorea - es wird eine bizarre Begegnung in Pjöngjang. Denn das Regime hat weder Fans aus dem Süden noch fremde Journalisten oder eine Live-Übertragung zugelassen.

Fans von Nordkorea im Spiel gegen Japan 2017
Kyodo DPA

Fans von Nordkorea im Spiel gegen Japan 2017

Von , Seoul


50.000 Zuschauer passen in das Kim Il Sung-Stadion in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang. Doch wenn die südkoreanische Nationalmannschaft am Dienstag (10.30 Uhr MEZ) hier einläuft, werden ihre Fans auf den Rängen fehlen. Sie durften nicht mit ihrer Mannschaft anreisen, es werden nur Zuschauer aus Nordkorea zugelassen.

Dies ist eines von vielen bizarren Details des Qualifikationsspiels für die Fußball-Weltmeisterschaft 2022, bei dem Nord- auf Südkorea trifft.

Weder Anhänger noch Journalisten aus Südkorea dürfen die Begegnung vor Ort in Pjöngjang verfolgen - die nordkoreanische Führung hat das verweigert. Bei der vor solchen Partien üblichen Pressekonferenz mit dem südkoreanischen Trainer Paulo Bento saßen am Montag nur fünf Reporter. Alle stammten aus Nordkorea.

Nur ein automatisierter Fifa-Ticker

Obwohl die südkoreanische Regierung sich eigenen Angaben zufolge "mehrmals über verschiedene Kanäle" darum bemüht hat, darf die Partie auch nicht live übertragen werden. Lediglich einen automatisierten Ticker der Fifa wird es geben.

Die Gastfreundlichkeit des international isolierten nordkoreanischen Regime hält sich stark in Grenzen - das bekamen auch die südkoreanischen Spieler und ihre Betreuer zu spüren. Obwohl zwischen den Hauptstädten Seoul und Pjöngjang nur rund 200 Kilometer liegen, mussten die Profis zunächst in die chinesische Hauptstadt Peking fliegen, um dort ihre Visa abzuholen. Erst einen Tag später reisten sie nach Pjöngjang weiter.

Gerade weil Nordkorea die Partie so strikt abschottet, blühen die Spekulationen. Wird Machthaber Kim Jong Un von der Tribüne aus zusehen? Immerhin hat er schon Fußballspiele in dem Stadion verfolgt.

Frage nach dem Verhalten der Fans

Wie sehr wird die Partie für die heimische Propaganda ausgeschlachtet? Wie viele andere kommunistische Länder in der Vergangenheit nutzt Nordkorea Sportereignisse immer wieder, um Stärke zu demonstrieren, der Fußballverband ist von militärischen und politischen Funktionären durchsetzt.

Wie werden sich die nordkoreanischen Fußballfans verhalten, die 2005 nach einem verlorenen Match gegen Iran im Kim Il Sung-Stadion Flaschen und Dosen auf den Schiedsrichter und gegnerische Spieler warfen? Ein weiterer solcher Ausbruch scheint eher unwahrscheinlich in dem Überwachungsstaat.

Laut wird es vermutlich werden in dem Stadion. So laut, dass die südkoreanische Fußballmannschaft der Frauen sich 2017 auf ihrem Trainingsplatz mit nordkoreanischer Propaganda beschallen ließ, um optimal vorbereitet zu sein auf ihr Match in Pjöngjang.

Wenn Nord- auf Südkorea trifft, wird eben auch ein Fußballspiel zum überhitzten Duell, politisch und sportlich. Da machen sich beide Länder "zum Kampf bereit", da wird der nordkoreanische Mittelstürmer Han Kwang Song zum "Ronaldo des Nordens" stilisiert.

Formell nach wie vor im Kriegszustand

Tatsächlich ist es schwer, Politik bei diesem Spiel auszuklammern. Beide Länder waren über Jahrzehnte erbitterte Gegner; formell befinden sie sich bis heute im Kriegszustand, denn der Korea-Krieg Anfang der Fünfzigerjahre endete mit einem Waffenstillstand.

Seit vergangenem Jahr nähern sich beide Staaten wieder an. Die Aussöhnung begann mit einem sportlichen Ereignis: Bei den Olympischen Spielen im Februar 2018 im südkoreanischen Pyeongchang liefen die Athleten der beiden Koreas unter einer Flagge ein. Die "Friedensspiele" läuteten mehrere Gipfel zwischen Kim Jong Un und dem südkoreanischen Präsidenten Moon Jae In ein.

Doch seit mehreren Monaten ist die Euphorie der Ernüchterung gewichen. Längst begraben sind Pläne für ein gemeinsames, interkoreanisches Fußballteam. Nordkorea verweigert sich vielen weiteren wichtigen Projekten, die gemeinsam mit dem Süden geplant waren - so können sich weder getrennte Familien öfter sehen, noch kommt die wirtschaftliche Zusammenarbeit voran.

Stattdessen testet Kim Jong Un wieder Raketen - die theoretisch Südkoreas Hauptstadt Seoul treffen könnten - und seine Unterhändler lassen Gespräche mit den USA über das nordkoreanische Atomprogramm platzen. Kurz: Die Spannungen nehmen wieder zu auf der koreanischen Halbinsel, und das verleiht dem Match vom Dienstag eine düstere Note. Denn dass die Führung das Fußballspiel so abschottet, ist ein deutliches Signal an den südkoreanischen Präsidenten Moon. Die Annäherung ist erst einmal vorbei.

Gemeinsames Team für Tokio erscheint zweifelhaft

Moon hatte sich vergangenes Jahr als Vermittler zwischen Nordkorea und den USA eingeschaltet und die Aussöhnung mit dem Norden zum großen Ziel seiner Amtszeit gemacht. Ein Vorbild ist für ihn auch die deutsche Wiedervereinigung. Wie Südkorea jetzt bemühte sich auch die BRD seit 1974 viel um sportliche Begegnungen von Menschen beider Länder. "Die West- und Ostdeutschen haben sich bereits vor der Wiedervereinigung in vielen Bereichen ausgetauscht und Kontakte gepflegt", sagte der südkoreanische Einheitsminister Kim Yeon Chul bei der Feier zu 30 Jahren Mauerfall in Seoul vergangene Woche. "Dies führte zu gegenseitigem Verständnis und Vertrauen."

Genau daran mangelt es aber. Ein gemeinsames Team für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio erscheint zweifelhaft. Und Südkorea begrüßte zwar den Vorschlag von Fifa-Präsident Gianni Infantino, gemeinsam die Fußballweltmeisterschaft der Frauen 2023 auszurichten. Der Norden aber hat, wenig überraschend, bislang nicht reagiert.

Infantino soll das Spiel, so berichtet es die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap, von der Tribüne verfolgen, in das Südkorea als Favorit geht. Die Bilanz gegen Nordkorea spricht für sich: sieben Siege, acht Unentschieden und eine Niederlage.

Einer dieser Siege gelang Südkorea im April 2009 in Seoul. Der Trainer der Nordkoreaner beschuldigte daraufhin die südkoreanische Regierung, das Essen seiner Spieler vergiftet zu haben: Deren Lebensmittelvergiftungen seien ein weiterer Beleg für die Aggressionen des Südens.

Denn wenn Nordkorea gegen Südkorea spielt, ist nun einmal nichts unpolitisch.



insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
der_glückliche 15.10.2019
1. Hat schon was von Comedy
Wer bestätigt eigentlich unabhängig das Ergebnis, wenn niemand berichten darf?
cs01 15.10.2019
2.
Zitat von der_glücklicheWer bestätigt eigentlich unabhängig das Ergebnis, wenn niemand berichten darf?
Wie in jedem anderen Spiel auch, die Schiedsrichter. Und neben den Schiedsrichtern werden auch offizielle Vertreter der FIFA und/oder des asiatischen Verbandes anwesend sein.
swandue 15.10.2019
3.
Was sagt bitteschön die FIFA zu solchen Schikanen?
kraftmeier2000 15.10.2019
4. Da gibt
es doch nur eins, Nordkorea wird ausgeschlossen von Internationalen Turnieren. Alles andere wäre unakzeptabel bei einem solchen Verhalten.
and777 15.10.2019
5. Wer die WM nach Katar gibt...
...lässt auch solche Absurditäten zu. Anstatt jedes Land, das Gästefans einen Besuch verbietet und Transparenz durch einen TV-Übertragung verbietet, obligatorisch auszuschließen, lässt man bereits im Vorfeld Spekulationen über die Rechtmäßigkeit des Zustandekommens des Speilausgangs zu. Der Schiedsrichter - sofern er unparteiisch ist - kann einem nur Leid tun.
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