Nostalgische Fußballtrikots Die textile Wiederauferstehung

In 40 Jahren Fußball-Bundesliga hat sich einiges geändert. Unter anderem auch die Trikots. Waren die Hemden früher aus Baumwolle, dominieren heutzutage Hightechfasern. Nostalgiker müssen dennoch nicht verzagen. Findige Anbieter haben sich auf die Herstellung der traditionellen Leibchen spezialisiert.
Von Daniel Meuren

Rüsselsheim - Im Keller des Wohnhauses von Michael Hamann stapeln sich Baumwollhemden im Retro-Look. Die Bayern-Hemden, in denen Franz Beckenbauer und Kameraden 1965 verspätet in die Bundesliga aufgestiegen sind, liegen im untersten Regalfach. Eine Etage darüber sind Hemden der Revierrivalen Borussia Dortmund und Schalke 04 einträchtig nebeneinander angeordnet.

Auf dem Boden findet sich ein Kleidungsstück, in dem Uwe Seeler viele seiner Bundesligatore für den HSV erzielte. Die Hemden aus den ersten Bundesligajahren erwachen im hessischen Rüsselsheim zu neuem Leben. Hier reproduziert der 35 Jahre alte Michael Hamann nebenberuflich originalgetreue Trikots aus der Ära des Baumwollhemds, das den Kampf um die Gunst der Kicker Mitte der siebziger Jahre gegen das Polyester-Trikot verloren hat. Die Kunstfaserhemden gelten als pflegeleichter und saugen sich auch nicht mit Schweiß voll, was bei niedrigeren Temperaturen für ein Kältegefühl auf der Haut sorgt. Nachteil ist das Kratzen, weshalb viele Sportler noch ein T-Shirt unter dem Polyester-Trikot tragen.

Lieblingstrikot mit dem Jägermeister-Emblem

"Ich beschränke mich auf Baumwollhemden, weil die Fußballwelt noch in Ordnung war, als Konietzka, Seeler und all die anderen Helden der Vergangenheit in Baumwolle ihre Tore schossen", sagt Hamann. Was waren das noch für hautverträgliche Zeiten, als Timo Konietzka das erste Tor der Bundesligageschichte erzielte. Der Dortmunder reckte am 24. August 1963 nach nicht einmal einer Spielminute die Hände zum ersten Torjubel in die Höhe.

Die Entwicklung des Fußballs von der schönsten Nebensache der Welt zu einer der lukrativsten erlebte den wohl entscheidenden Schub zufälligerweise genau in der Zeit, als die Kunstfaser den Markt eroberte: Seinen ersten Trikotsponsor ("Adidas") präsentierte etwa der FC Bayern bereits auf einem Polyestertrikot. Wenige Monate zuvor füllte Eintracht Braunschweig als erste Bundesligamannschaft die Kassen noch mit Werbung auf baumwollener Brust. Das legendäre gelb-blaue Hemd mit dem Jägermeister-Emblem hat Hamann zu seinem Lieblingstrikot erkoren.

Hamann hat lange recherchiert, um die eng anliegenden, häufig kurios gestreiften Naturfasertrikots originalgetreu nachahmen zu können. "Ich habe zweieinhalb Jahre lang meine Sammlung an alten Sammelalben, Fußball-Jahrbüchern, Jahrzehnte alten Zeitungen und Videos studiert. Deshalb kann ich alle deutschen Trikots, aber auch viele ausländische detailgetreu herstellen", sagt der Fußball-Nostalgiker in einem Kellerraum, in dem sich das Recherchematerial stapelt.

Eine T-Shirt-Firma webt die Hemden nach Hamanns Zeichnungen, eine Stickerei stellt die Embleme für die Trikotbrust her, er selbst setzt die Puzzleteile zum Gesamtkunstwerk zusammen und beflockt die Baumwolle gegebenenfalls noch mit den entsprechenden Schriftzügen. So entsteht in der heimischen Werkstatt neben den Bundesligahemden vergangener Jahrzehnte auch das deutsche Nationaltrikot mit Schnürkragen, das Fritz Walter und Kameraden während des "Wunders von Bern" im Jahr 1954 trugen.

Oder aber der absolute Bestseller: das DDR-Trikot mit der Rückennummer 14, das Jürgen Sparwasser trug, als er bei der WM 1974 den 1:0-Siegtreffer im einzigen Duell der beiden deutschen Nationalmannschaften erzielte. Ironie der Fußballgeschichte: Die unterlegene DFB-Elf spielte bei diesem Turnier erstmals im Polyesterhemd aus dem Hause Adidas.

Auch andere Anbieter für Nostalgietrikots

Der Renner in Hamanns Bundesliga-Sortiment ist das Shirt von Borussia Mönchengladbach mit der Nummer 12. So eines hatte Günter Netzer an, als er sich vor 30 Jahren in der Verlängerung des Pokalfinales gegen den 1. FC Köln selbst einwechselte und den inzwischen legendären Siegtreffer erzielte. Wegen Schwierigkeiten mit den Rechten an den Vereinsemblemen und Vereinsnamen darf Hamann - im Hauptberuf Modelltischler - viele Trikots nur für seinen eigenen Kleiderschrank produzieren oder über seine Homepage an Fanclubs verkaufen.

Diese haben meist Sondervereinbarungen mit ihren Lieblingsvereinen und dürfen die rechtlich geschützten Vereinssymbole kostenfrei verwenden. Einige Clubs wie Borussia Dortmund, der Hamburger SV oder Eintracht Frankfurt bieten Hamanns Nostalgietrikots mittlerweile aber auch für rund 50 Euro offiziell im Fanshop an.

"Hamanns Hemden sind einfach die besten auf dem Markt", sagt Ulrich Puderbach von der Merchandising-Abteilung der Dortmunder Borussia, "das ist ein Service für die Fans, ein großes Geschäft machen wir nicht." Über 1000 Trikots pro Jahr stellt Hamann her. Er ist jedoch nicht der einzige Anbieter. Andere Versänder haben Nostalgietrikots inzwischen ebenfalls im Programm.

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