Nürnberg-Trainer Wiesinger Unauffällig auffällig

Die von soliden Arbeitern geprägte Nürnberger Mannschaft überrascht die Bundesliga. Seit neun Partien ist das Team ungeschlagen, seitdem Michael Wiesinger den "Club" coacht, geht es bergauf. Der 40-Jährige ist besonnen, nüchtern - und noch ohne Vertrag für die neue Bundesliga-Saison.
Von Nils Lehnebach
Nürnberg-Trainer Wiesinger: Europa League plötzlich möglich

Nürnberg-Trainer Wiesinger: Europa League plötzlich möglich

Foto: Thomas Langer/ Bongarts/Getty Images

Hamburg - Es gibt Bundesliga-Trainer, die haben immer (mindestens) einen flotten Spruch auf Lager, die stürmen, springen oder stolzieren durch ihre Coaching-Zone . Die "Süddeutsche Zeitung " fragte zuletzt, ob jeder Coach wie Klopp, Tuchel & Co. "bockspringen und veitstanzen oder ein paar neunmalkluge Sprüche raushauen" muss - und betonte, dass es zum Glück auch andere Trainertypen gibt.

Wie Nürnbergs Michael Wiesinger, der nach dem Abgang von Dieter Hecking zusammen mit Armin Reutershahn das Team coacht. Und dabei alle Erwartungen übertrifft. Am Sonntag hat der "Club" 2:1 gegen Mainz gewonnen, mit den vorherigen Siegen gegen Augsburg (2:1) und Schalke (3:0) sowie dem Remis gegen Wolfsburg (2:2) hat sich Nürnberg auf Rang zehn verbessert.

Siege, die teilweise glücklich waren, Schalke vergab in der Anfangphase mehrere Großchancen, Mainz gar einen Elfmeter. Wiesinger sagte am Sonntag kritisch: "In der ersten Halbzeit waren wir nicht gut im Spiel. Da waren wir zu fehlerhaft."

Doch am Ende bleiben die Ergebnisse und eine Serie von neun neun ungeschlagenen Partien. Das hatte der Verein zuletzt in der Saison 2006/2007 geschafft - und am Ende der Spielzeit Rang sechs belegt. Die aktuellen Erfolge haben dafür gesorgt, dass das Team nur noch vier Punkte hinter Europapokalplatz sechs ist.

Das Team, das sich im DFB-Pokal gegen Regionalligist Havelse (2:3) blamiert hatte, das nach dem starken Saisonstart vier Partien in Folge verloren hatte, das an sieben Spieltagen lediglich auf Rang 15 stand. Ein Team, das neben Künstler Hiroshi Kiyotake viele zuverlässige Spieler wie Hanno Balitsch, Markus Feulner und Timmy Simons besitzt, die für die Top-Teams nicht mehr interessant sind. Und das Team, das mit Wiesinger offenbar einen ziemlich guten Trainer gefunden hat.

Wiesinger flüstert mehr, als das er spricht

Der 40-Jährige ist der wohl ruhigste Coach der Liga, bei TV- und Radiointerviews flüstert er mehr, als zu sprechen, den Mund dabei nur minimal geöffnet. Nach Toren seiner Mannschaft, auch wichtigen, bleibt er auch mal regungslos auf der Bank sitzen, Inszenierungen sind seine Sache nicht. Nach dem 1:1 in seinem ersten Bundesliga-Spiel gegen den HSV sagte er: "Ich habe einfach versucht, den Tag zu genießen." Seine Auftritte in der Öffentlichkeit sind nüchtern, Wiesinger widmet sich lieber seiner eigentlichen Arbeit.

"Ich sehe mich als Fußballlehrer. In erster Linie gehört dazu die Arbeit auf dem Platz, die mir am meisten Spaß macht", sagte er jüngst in einem "11Freunde"-Interview: "Am wichtigsten ist mir aber dabei, immer authentisch zu bleiben. Das zeichnet für mich einen guten Trainer aus."

Wiesingers Erfolg liegt auch in der Zusammenarbeit mit Reutershahn begründet. Anders als in Leverkusen, wo es in der Doppelspitze Sascha Lewandowski und Sami Hyypiä zu leichtem Kompetenzgerangel kam, ist die Aufgabenverteilung in Nürnberg klar. Wiesinger vertritt den Verein in der Öffentlichkeit, der 53-jährige Reutershahn unterstützt ihn in der täglichen Arbeit mit seiner Erfahrung. "Die kann ich mir nicht kaufen, aber die habe ich mit Armin neben mir", sagt Wiesinger.

Verhandlungen über neuen Vertrag im Mai

Dass Nürnberg den Ex-Profi am Jahresende als Hecking-Ersatz holte, wurde gemeinhin als Wagnis beurteilt. Er bekam einen Vertrag bis zum Saisonende, anschlíeßend sollte er zur U23 zurückkehren. Eine mittlerweile veraltete Planung, Manager Martin Bader hat Wiesinger jüngst als "Ideallösung" bezeichnet.

Der Trainer wurde zuletzt in einem Interview mit sportradio360.de gefragt, ob er sich eine Rückkehr zur Reserve-Mannschaft überhaupt noch vorstellen könne. "Das ist eigentlich eine gute Frage", antwortete er: "Damit habe ich mich noch nicht beschäftigt. Ich habe ganz ehrlich gesagt wenig Zeit, um mir darüber den Kopf zu zerbrechen."

Er braucht sich diese auch künftig nicht zu nehmen. Im Mai wollen sich Club und Trainer über eine Vertragsverlängerung unterhalten. Alles außer ein neuer Kontrakt als Bundesliga-Trainer wäre überraschend.

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