Nürnberger Aufschwung Addi und die Bader-Meyer-Bande

Der 1. FC Nürnberg träumt vor dem DFB-Pokalhalbfinale gegen Eintracht Frankfurt heute Abend vom Einzug in den Europacup. Sinnbild für den Wandel vom Chaosverein zum etablierten Bundesligisten ist ein Präsident, der einst als proletiger Sonnenkönig galt.

Von Andreas Kröner, Nürnberg


König Weißbart, Addi oder Franken-Napoléon nennen sie ihren Präsidenten in Nürnberg. Es wird gespottet, er trage Schuhe mit hohen Absätzen, um seine 1,63 Meter Körperkleine zu kaschieren. Keinen seiner 200 Anzüge zieht er öfter als einmal im Monat an. Und wenn Michael Adolf Roth ein Mikrofon unter die Nase gehalten bekommt, wirkt er bisweilen nicht nur eitel und größenwahnsinnig, sondern einfach peinlich: "Ich hab einen Waffenschein und a Pisdoln", tobte er nach einer 1:2-Niederlage gegen den VfB Lübeck in tiefstem Fränkisch, "einigen Spielern würd ich am liebbstn einmal durchpfeifen durch denen ihr Hirn."

Nürnberg-Präsident Roth: "So schön war es noch nie"
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Nürnberg-Präsident Roth: "So schön war es noch nie"

Der Ausspruch ist drei Jahre alt und hat Roths bundesweites Image als proletiger Sonnenkönig zementiert. Doch seitdem hat sich viel geändert. "Ich bin ruhiger geworden und nicht mehr so ein Heißsporn wie früher", sagt Roth. Statt wie ein Marktschreier zu poltern, zieht der millionenschwere Unternehmer heute vorzugsweise im Hintergrund die Fäden. Den Schuldenberg des Vereins hat er abgebaut, ein modernes Management installiert und das Stadion modernisiert. Vor allem aber ist der 71-Jährige geduldiger geworden: In den letzten sieben Jahren gab es nur zwei Trainerwechsel – ein Novum in Franken. Aus dem "Chaotenverein" (Roth) ist ein solide wirtschaftender Club geworden, der sich in der Bundesliga etabliert hat – ein Unterfangen, an dem vergleichbare Vereine wie Köln, Bielefeld oder 1860 München regelmäßig scheitern.

Als Vater des Erfolgs sehen viele Hans Meyer, der Roth in der medialen Aufmerksamkeit den Rang abgelaufen hat. Fade Interviews verwandelt der Trainer stets in komödiantische Frage- und Gegenfrage-Shows: Bräuchte der FCN als Europacupteilnehmer weitere Zugänge? "Warum? Wen würden Sie denn dafür aus der Mannschaft schmeißen?" Vielleicht einen Stürmer? "Sie haben Recht. Ich werde zum Präsidenten gehen. Um den Europacup zu gewinnen, werden wir richtig investieren." Und ohne Europacup-Sieg? "Wenn Markus Schroth bleibt, würden wir Luca Toni sausen lassen."

So mögen sie Meyer in Nürnberg. Zusammen mit Manager Martin Bader hat der Trainer in Nürnberg ein solides Fundament für die Zukunft geschaffen: Seit drei Jahren wird das Nachwuchs- und Scoutingsystem stetig verbessert. Die Eigengewächse Dominik Reinhard und Andreas Wolf sind Stammkräfte in der besten Abwehr der Liga (26 Gegentore). Milchbubi-Gesicht Chhunly Pagenburg, das nach seinem Siegtor gegen Aachen strahlend in den Katakomben stand ("Ein geiles Gefühl"), ist seit seinem 13. Lebensjahr "Clubberer". Neben ihm kicken internationale Klassespieler wie Tomas Galasek, Ivan Saenko oder Javier Pinola, für die der Club allesamt kaum etwas bezahlt hat. Welches Potential hat das Team erst, wenn auch noch die verletzten Stars Robert Vittek und Marek Mintal zurück sind?

Früher waren Heimspiele für die Fans eine Qual wie Elfmeterschießen für die englische Nationalmannschaft. Heute bestaunen die Anhänger modernen Konzeptfußball in einem kompakten 4–3–3–System. Über den 1:0-Sieg gegen Aachen philosophiert Meyer anschließend im Stile eines Ober-Gurus im schlabberigen FCN-Trainingsanzug; Manager Bader feiert ihn locker mit Zigarette und Bier. Der etwas abseits stehende Präsident Roth betrachtet das Geschehen zufrieden und platzt dabei beinahe vor Stolz: "So schön war es noch nie, Club-Präsident zu sein." Heute Abend (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) kann Nürnberg gegen Eintracht Frankfurt den Einzug ins DFB-Pokalfinale schaffen.

Addi und die Bader-Meyer-Bande, wie Fans schon mal über das Triumvirat mit den anarchischen Zügen witzeln, haben ein neues Machtgefüge geschaffen, das dem Verein gut tut. Dabei hat der Präsident zurückgesteckt. "Ich mische mich heute nicht mehr so stark ins Tagesgeschäft ein. Wenn es andere genauso gut oder besser können, verlasse ich mich gerne auf meine Mitarbeiter", erzählt Roth, der sich früher selbst bei den VIP-Parkplatztickets einmischte und entscheidende Positionen beim FCN mit Lakaien aus seiner Teppichboden-Firma Aro besetzte. Heute vertraut er Menschen wie dem Sportökonomen Bader und Geschäftsführer Ralf Woy, einem Banker: "Das sind nicht irgendwelche ehemaligen Spieler, sondern Leute mit einer soliden Ausbildung."

Die Gesprächsrunde mit Trainer, Manager und Präsident, in der einmal wöchentlich die wichtigsten Entscheidungen fallen, gibt es zwar schon länger. Jetzt diskutieren die Beteiligten jedoch erstmals auf Augenhöhe. "Hans Meyer muss aufgrund seines Renommees auf nichts Rücksicht nehmen. Das war für seine Vorgänger Klaus Augenthaler und Wolfgang Wolf schwerer. Meyer kann sich sagen: Der braucht mich mehr als ich ihn", erzählt Hans Böller, Sportchef der "Nürnberger Nachrichten". Roth bestätigt das indirekt, wenn er von Meyers Sachverstand schwärmt und über seine Vorgänger schimpft: "Wir hatten Trainer und Manager – um Gottes Willen – um die würde ich heute einen großen Bogen machen." Dass auch er selbst Fehler machte, als er Trainer so schnell wechselte wie andere ihre Unterwäsche, räumt er ein: "Einige Dinge würde ich heute anders handhaben."

Ruhe und Pragmatismus sind eingekehrt beim FC Nürnberg. Mit dem Gladbacher Peer Kluge und Bochums Zvejzdan Misimovic wird die Mannschaft nächstes Jahr kontinuierlich verstärkt. Jaromir Blazek von Sparta Prag wird so gut wie sicher neuer Stammtorwart für den nach Stuttgart wechselnden Raphael Schäfer. Doch auch im Falle einer Europacup-Teilnahme will man in Nürnberg bescheiden bleiben. Die gleichmäßige Gehaltsstruktur wird beibehalten, sagt Roth, und, dass er auch zufrieden sei, "wenn wir die nächsten zwei Jahre in der Bundesliga zwischen Platz sechs und zehn landen".

Mit solch moderaten Tönen aus dem Frankenland können nicht alle im Umfeld etwas anfangen. Die Fans haben bereits einen neuen Schlachtruf, den sie auch einem Lieblingsfeind widmen, der plötzlich in Sichtweite gerückt ist: "Bayern und der Club, spielen im Uefa-Cup."



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