Nürnberger Aufstieg Das Ende der "kollektiven Depression"

Betriebsunfall korrigiert: Nürnberg ist zurück in der Ersten Bundesliga. Tausende Fans feierten das Team nach dem Erfolg gegen Cottbus, sicherten sich Rasenstücke und genossen 10.000 Liter Freibier. Coach Oenning - sonst eher bescheiden - verglich sich mit Meistertrainer Magath.

Michael Oenning ist normalerweise kein Mann, der auf den Putz haut und kesse Sprüche klopft. Am Abend des Aufstiegs des 1. FC Nürnberg aber überkam es auch den Cheftrainer der Franken. "Wir waren kurz weg, jetzt sind wir wieder da" leuchtete auf der Videotafel als der talentierte Klavierspieler im Oberrang hoch über dem Anhang zum Mikrofon griff. Unter ihm standen zehntausende Fans, die ihn mit frenetischem Beifall und minutenlangen Sprechchören empfingen, gierig auf die Botschaft des 43-Jährigen wartend. "Man soll ja vorsichtig sein mit Versprechungen", teilte er ihnen mit. "Aber mit dieser Mannschaft werden wir nächste Saison noch viel Freude haben."

Die Fans hatten diese schon mit Abpfiff der nun vergangenen Spielzeit: 10.000 Liter Freibier gab es, als "der Club" ein Jahr nach seinem Abstieg in die Erste Liga zurückkehrte.

"Jetzt", sagte Manager Martin Bader und roch nach diversen Bier- und Sektduschen wie alle Aufsteiger streng, "haben wir gehalten, was wir vollmundig versprochen hatten, wir haben den Betriebsunfall von vor einem Jahr korrigiert". Nach Siegen in den Relegationsspielen über Energie Cottbus ist die "zweite Liga Geschichte". Dem 3:0 aus dem Hinspiel in Cottbus folgte am Sonntag ein 2:0. Mit dem Abstieg der Lausitzer wird in der kommenden Saison erstmals seit vier Jahren kein Club aus der ehemaligen DDR in der Bundesliga spielen.

In Nürnberg interessierte das so gut wie niemand: Aus den Lautsprechern der Arena donnerte der fränkische Fanklassiker "Die Legende lebt", als der Zwischenruf des Stadionsprechers, doch bitte auf den Tribünen zu bleiben, ungehört verhallte. Die Fans stürmten über Gitter und Zäune hinweg den Rasen. Schnell waren Tausende auf dem Spielfeld und tanzten. In der Stadt gab es Hupkonzerte, spontane Feten in der Fußgängerzone. Die meisten aber feierten rund um das Stadion. "Wir haben den Leuten aus der kollektiven Depression geholfen", sagte Bader.

Viele FCN-Spieler warfen Aufstiegs-T-Shirts ins Volk, die fränkischen Fußballfreunde rissen Rasenstücke heraus, um sie Zuhause im eigenen Garten einzupflanzen. "Nie mehr zweite Liga", sang der große Chor auf dem Rasen. "Es ist ein besonderer Tag für uns alle, aber wir werden in der ersten Saison gegen den Abstieg spielen, nur darum geht es", sagte Manager Bader.

Er klang, als sei er durchaus zuversichtlich, diese Herausforderung bestehen zu können. Zumal nun sicher ist, dass erfahrene Kicker wie Marek Mintal, Raphael Schäfer, Javier Pinola und Andreas Wolf bleiben werden und die Nürnberger für Angriff und Mittelfeld weitere Verstärkungen suchen können. Man werde aber höchstens zwei bis drei Neue holen, "weil man etwas Intaktes pflegen sollte, auch, wenn wir über uns hinaus gewachsen sind" so Trainer Oenning.

Denn noch in der Winterpause schien Rang drei utopisch - und damit die Chance über die Relegation in die Bundesliga aufzusteigen. Doch dann wuchsen die Nürnberger zu einer Mischung aus "Alphatieren" und Nachwuchskickern zusammen und starteten eine Serie.

Relegation 2009

Erstligist - Zweitligist
Cottbus - Nürnberg 0:3 (0:1)
Nürnberg - Cottbus 2:0 (2:0)
Zweitligist - Drittligist
Paderborn - Osnabrück 1:0 (0:0)
Osnabrück - Paderborn 0:1 (0:0)

Gegen einige Widerstände hatte Bader zu Beginn der Spielzeit auf die Karte Oenning gesetzt, beförderte den damaligen Assistenten des nach zwei Spieltagen entlassenen Cheftrainers Thomas von Heesen. Selbst der impulsive Präsident Michael A. Roth trug die besonnene Linie trotz einiger Restzweifel mit. "Da haben einige schon geschaut als ich mit dem Namen kam", sagte Bader.

"Um den Weg mit jungen Leuten zu gehen, musst du einen Trainer haben, der dafür ein Faible und die Ruhe weg hat. Seit ein paar Jahren setzen wir verstärkt auf die Jugend. Es ist für mich ein Markenzeichen des Clubs", so Bader. Heute hat der einstige "Trainer ohne Namen" einen Vertrag bis 2011 und seine erste Reifeprüfung bestanden. Der Manager, so heißt es, wird nächste Woche bis 2012 verlängern.

Und auch der Verein ist gesund: Der mächtige Teppichmogul Roth, jahrelang finanzielle Lebensversicherung des Vereins, bekam seine Einlagen bereits im vergangenen Winter vollständig zurück. In der kommenden Saison wird der Etat des Club von 24 auf knapp über 30 Millionen steigen, ohne, dass Gelder des Präsidenten darin enthalten wären. Auch er wollte den Verein von sich unabhängig machen. "Ich bin von A bis Z zufrieden", sagte Roth.

Spät am Abend wagte auch Michael Oenning noch einen Ausblick in die Zukunft und dachte dabei auch einmal an sich. Er holte tief Luft und sagte mit einem Grinsen im Gesicht: "Jeder Trainer hat einmal klein angefangen, Felix Magath war auch einmal hier"

1. FC Nürnberg - Energie Cottbus 2:0 (2:0)

Tore
1:0 Eigler (29.)
2:0 Mintal (37.)
Nürnberg: Schäfer (87. Klewer) - Diekmeier, Reinartz, Pinola, Bieler - Mnari - Kluge, Mintal (74. Risse), Gygax (63. Frantz) - Boakye, Eigler.
Cottbus: Tremmel - Pavicevic (84. da Silva), Radeljic (46. Burca), Cagdas, Cvitanovic - Kurth, Rost - Rivic, Skela, Shao (62. Sörensen) - Petersen.
Schiedsrichter: Thorsten Kinhöfer
Zuschauer: 46.780 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Cagdas, Bokye - Burca