Öffentliches DFB-Training Helden in Geschenkpapier

Wenn Jürgen Klinsmann nach dem schwachen Testspiel gegen Japan auf eine Versöhnung mit den deutschen Fans gehofft hatte, so durfte er beruhigt sein: Das öffentliche Training in Düsseldorf hat gezeigt, dass sich der Bundestrainer keine Sorgen um die Liebe der Fans machen muss.

Aus Düsseldorf berichtet


Als Deutschland nach Düsseldorf kommt, zieht sich der Himmel zusammen. Dunkle Wolken schieben sich vor die Sonne, es riecht nach Regen. Ein Wurm aus zehntausenden Menschen schlängelt sich in Richtung Stadion, in dem gleich die deutsche Nationalmannschaft ein öffentliches Training abhalten wird. Die Menschen tragen Deutschland-Schals und Deutschland-Mützen, einige Gesichter sind bemalt, andere haben sich schön gemacht. Wie vor einem wichtigen Ereignis.

Die LTU-Arena taucht auf, sie ist in eine Plane gepackt und sieht fast aus wie ein Geschenk. Sie ist die Heimat des Regionalligisten Fortuna Düsseldorf und der Klotz wurde gebaut für einen Traum. Irgendwann soll hier wieder der große Fußball gespielt werden. Derzeit ist es ein Geschenk, das keiner braucht. Es passt so gut zum Club wie der Traum vom WM-Titel zur deutschen Mannschaft.

Das Stadion ist schon fast gefüllt, später sind es 42.200 Fans und man wird von einem Besucherrekord bei einem Training der DFB-Elf schreiben. In Block 117, weit oben unter dem Dach, steht ein kleiner, rundlicher Mann mit grauen Haaren und gibt Kommandos. Er trägt das WM-Logo auf der orangefarbenen Weste, er ist ein Ordner, Steward Nummer 2857. "Immer weitergehen", sagt er, dabei wedelt er mit dem Arm wie einer, der den Boden fegt.

Doch niemand geht weiter hier oben, von der Balustrade hat man einen zu guten Blick auf das Feld, auf die zwei Tore, 23 Nationalspieler und drei Trainer in roten Jacken. Der Ordner schaut milde, er erinnert ein bisschen an den "Alten" aus dem ZDF-Vorabendprogramm. "Weitergehen, jetzt aber", ruft der Alte. Die Leute schauen verwirrt auf den Ordner, der in diesem Moment wie ein Mann aus einer früheren Zeit wirkt. Als alles noch seine Ordnung hatte.

"Die waren damals auch nicht besser"

Unten auf dem Platz hält Timo Hildebrand den ersten Ball des Trainingsspiels, das ein gutes werden wird. Das Leibchenteam um Michael Ballack erarbeitet sich schnell ein kleines Übergewicht, doch für das erste Tor sorgt Torsten Frings. Im Test gegen Japan war er noch blass geblieben, das Publikum spürt, wie wichtig dieser Treffer für Frings' Selbstbewusstsein ist und applaudiert laut. Es wird ohne Abseits gespielt und in den Zweikämpfen Zurückhaltung geübt. Dafür kommen die meisten Pässe an.

Was bringt diese öffentliche Einheit? Ist es eine Rückversicherungsaktion nach dem 2:2 gegen Japan, dass Deutschland hinter seinem Team steht? Oder eine Wiedergutmachung? Und warum gehen 42.200 Menschen an einem Werktag in ein Stadion, um für eine Stunde aus hundert Metern Entfernung zuzuschauen, wie die DFB-Kicker rumalbern und sich die Bälle zuspielen?

In Düsseldorf wird klar, was mit diesem Land passiert ist so kurz vor der WM. Die Menschen sehnen das Turnier herbei, es ist die vage Hoffnung, dass es was werden könnte mit dem  Titel. Man liebt die Spieler auch dafür, dass sie einem diesen Traum geschenkt haben. Am Spielfeldrand stehen Ordner Spalier, die Hände hinter dem Rücken. Sie bilden einen Menschenzaun, der die Gladiatoren in der Arena schützt. Die Massen könnten von den Rängen auf den Rasen stürmen und ihre Helden begraben. Der Druck muss verdammt groß sein für die da unten.

Steward 2857 hat jetzt kurz seine Ruhe. Er lehnt an der Balustrade und schaut sich die Menschen auf den Rängen an. Früher hat er in der A-Jugend von Alemannia Aachen gespielt, erzählt er. Für die Bundesliga hat es nicht gereicht, die Landesliga sei aber eine herrliche Zeit gewesen. "Wir haben jeden Tag Fußball gespielt." Danach hat er 36 Jahre auf dem Bau geschuftet und sich die Knie kaputt gemacht.

Jetzt kommt die WM, sein Schwiegersohn hat ihm einen Decoder geschenkt, er kann jedes Spiel schauen. "Zwischen 1974 und 1996 habe ich die deutschen Spiele aufgenommen, und ich sage Ihnen: Die waren damals auch nicht besser als das aktuelle Team." Der Alte hört kurz seinen Worten hinterher. Unten trifft Arne Friedrich gerade zur Führung für die Leibchen, und Michael Ballack schlenzt den Ball kunstvoll ins lange Eck. Vielleicht wird ja wirklich alles gut.

Am Ende bedankt sich Ballack für die Unterstützung, natürlich seien die Fans das Wichtigste. Was Verehrte eben ihren Verehrern so sagen. Danach schießen die Spieler noch gelbe Fußbälle auf die Ränge wie Luftballons mit Wunschzetteln, Kinderstimmen kreischen, es ist sehr laut in diesem Moment und es ist sehr WM. Niemand hört auf die Kommandos von Steward 2857, der mit den Armen fuchtelt und aussieht wie ein Imker, dem seine Bienen um die Ohren fliegen.

Als Deutschland Düsseldorf verlässt, haben sich die Wolken geöffnet. Es gießt in Strömen, ein richtig miserables Wetter. Aber niemanden stört es.

insgesamt 934 Beiträge
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Seite 1
Silvia, 23.03.2006
1.
---Zitat von sysop--- Kann Deutschland Weltmeister werden? ---Zitatende--- Nichts ist unmöglich ... ;-)
morandello, 23.03.2006
2. Realitätsverlust
Die Oeffentlichkeit reagiert extremer als in lateinamerikanischen Ländern-vor der Pause Konsternation und Depression. Dieser Sieg gegen die ersatzgeschwächten Amerikaner liess plötzlich viele wieder vom WM-Titel träumen. Klinsmann leidet meiner Meinung nach unter Realitätsverlust. Deutschland ist nicht so schlecht wie es nach Italien gemacht wurde, aber auch nicht so gut wie es jetzt wieder erscheint.
Haio Forler 23.03.2006
3.
---Zitat von sysop--- Nach der Italien-Pleite folgte der hohe Sieg gegen die USA. Hat Bundestrainer Jürgen Klinsmann mit seinem Team die Kurve doch noch gekriegt? Wie sehen Sie unsere Chancen bei der kommenden WM? Kann Deutschland Weltmeister werden? ---Zitatende--- Die Kurve ist noch ziemlich lang. Zu lang.
Umberto, 23.03.2006
4.
---Zitat von sysop--- Nach der Italien-Pleite folgte der hohe Sieg gegen die USA. Hat Bundestrainer Jürgen Klinsmann mit seinem Team die Kurve doch noch gekriegt? Wie sehen Sie unsere Chancen bei der kommenden WM? Kann Deutschland Weltmeister werden? ---Zitatende--- Die Chancen bei der kommenden WM sehe ich durch das gestrige Spiel nicht gewachsen. Sie sind aus der Kurve nicht rausgeflogen, aber ob sie die gekriegt haben? Eher auch nicht. Weltmeister werden kann die Mannschaft trotzdem, wenn alle Gegner beim Turnier beim Spiel gegen D "von der Rolle" sind.
sharala, 23.03.2006
5. Fussball-Fieber..
Warum ist es eigentlich so wichtig, wer gewinnt oder verliert? Ich schaue mir die Spiele an, weil es Spass macht, nicht weil ich jemanden bestimmten siegen sehen will. Leider ist auch der Spass nur noch selten zu haben, weil alle dermaßen unter Streß stehen, gewinnen zu müssen (vom Trainer bis zum letzten Spieler und zwar in allen Mannschaften), dass von Leichtigkeit, Freude und Spiellust nichts mehr übrig bleibt. Fussball scheint den Selbstwert der ganzen Nation zu bestimmen, gewinnt das Team sind alle selig, verliert es, wird jeder zerissen, der dafür verantwortlich gemacht werden kann. Gibt es nichts anderes, an dem der Selbstwert festgemacht werden kann oder ist er so im Keller, dass nur die Fußball"götter" wieder raushelfen können?
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