Oenning-Rauswurf beim HSV Hamburger Planlosigkeit

Der Hamburger SV gibt ein erschreckendes Bild ab: Sportlich läuft es desolat, nun blamieren sich auch noch die Verantwortlichen. Dem Treueschwur für Trainer Oenning folgt zwei Tage später der Rauswurf. Vor allem die Glaubwürdigkeit von Sportchef Arnesen ist stark beschädigt.
HSV-Sportchef Arnesen: Versprechen nach zwei Tagen gebrochen

HSV-Sportchef Arnesen: Versprechen nach zwei Tagen gebrochen

Foto: Martin Rose/ Bongarts/Getty Images

Nun fliegt Michael Oenning also doch - allerdings nicht mehr mit zum Auswärtsspiel nach Stuttgart, sondern raus. Am Samstag hatte Frank Arnesen, Sportdirektor des Hamburger SV, trotz der HSV-Niederlage gegen Borussia Mönchengladbach seinem Trainer Oenning eine Jobgarantie ausgestellt: "Wir haben kommenden Freitag ein Spiel in Stuttgart. Da sitzt Michael Oenning mit mir und der Mannschaft zusammen im Flugzeug."

An diesem Montag dann die Überraschung: Oenning muss sofort gehen. "In den letzten zwei Tagen nach der 0:1-Niederlage gegen Mönchengladbach und nach vielen intensiven Gesprächen sind wir zu der Überzeugung gekommen, dass wir diese Entscheidung treffen mussten. Wir werden uns ab heute intensiv mit der Nachfolge von Michael Oenning beschäftigen", so Arnesen.

Dass ein Trainer nach fünf Niederlagen in sechs Spielen seinen Job verliert, ist in der Bundesliga nichts Außergewöhnliches. Dass man ihm vor laufender Kamera die Treue schwört und ihn dann zwei Tage später rauswirft, kam auch schon vor. Aber es ist ganz schlechter Stil. Mit diesem Zickzackkurs hat der HSV nicht nur seinen Ruf beschädigt, sondern auch seinen Sportdirektor. Und gleichzeitig Sympathien verspielt.

Arnesen verantwortlich für die Zusammenstellung des Kaders

Rückblick: In der vergangenen Woche hatten Arnesen und Club-Boss Carl Edgar Jarchow versucht, den Druck von Oenning zu nehmen. "Wir müssen nicht gewinnen", hatte Arnesen gesagt: "Für mich ist es wichtig, dass ich eine Mannschaft sehe, die Leidenschaft zeigt und 100 Prozent auf dem Platz gibt." Zugegeben, ganz uneigennützig ist diese Zurückhaltung in einer so extremen Situation sicher nicht gewesen. Schließlich ist Arnesen als Sportchef weitestgehend verantwortlich für die Zusammenstellung des Kaders, der mit nur einem Punkt auf dem letzten Tabellenplatz steht.

Und dieses von Arnesen mitverantwortete Team trat gegen Mönchengladbach erneut desolat auf. Oenning stellte zu defensiv auf, besetzte Schlüsselpositionen falsch. Der HSV brachte es auf eine Torchance in 90 Minuten. Von Verbesserung oder gar Leidenschaft fehlte jede Spur. Genau aus diesem Grund hatten viele die Trennung von Oenning schon am Samstagabend erwartet. Und viele hätten sie zu diesem Zeitpunkt wohl auch verstanden.

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Doch Arnesen war vor die Kamera getreten und hatte seinem Trainer ein Versprechen gegeben, dass er nur zwei Tage später brach. So etwas kommt auch bei der Mannschaft nicht gut an. Schließlich lebt jeder Sportdirektor bei Verhandlungen von seiner Glaubwürdigkeit. Diese hat Arnesen durch die Entscheidung, sich jetzt doch schon vor Freitag von Oenning zu trennen, stark beschädigt. Zumal er am Montag sagte: "Nach dem ersten Spiel in Dortmund habe ich keine großen Fortschritte mehr gesehen."

Es bleiben Fragen: Wieso haben sich die Verantwortlichen des HSV nicht diese Woche Zeit genommen und einen Plan B verfolgt? Warum haben sie nicht nach einem geeigneten Kandidaten gesucht für den (nicht ganz unwahrscheinlichen) Fall einer weiteren Niederlage beim VfB Stuttgart?

"Oenning ist unser Plan A, B und C", hatte Arnesen noch am Wochenende gesagt. Derzeit scheint es allerdings so, als hätte man beim HSV überhaupt keinen Plan mehr. Das fing bei der Auswahl des völlig fußballfremden Jarchows für das Amt des Club-Chefs an, setzte sich über die schon fast abenteuerliche Zusammenstellung der Mannschaft aus Reservisten des FC Chelsea fort und fand seinen Höhepunkt zuletzt in den Aussagen Jarchows, dass man diese Saison nicht gegen den Abstieg spiele.

"Mit dem Thema Abstieg befasse ich mich überhaupt nicht", hatte Jarchow vor der 0:2-Niederlage am fünften Spieltag bei Werder Bremen gesagt. "Das habe ich bisher nicht getan und werde es auch weiterhin nicht tun." Der Abstieg werde laut Jarchow beim HSV kein Thema sein. So, wie der Rauswurf Oennings am Samstag auch kein Thema war.

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