Österreich-Teamchef Hickersberger "Mit Schwachsinn beschäftige ich mich nicht"

Österreich nimmt erstmals seit der WM 1998 an einem großen Turnier teil. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht Teamchef Josef Hickersberger über die Chancen seiner Mannschaft, sein Verhältnis zu Deutschland und seine Erinnerungen an Cordoba.


SPIEGEL ONLINE: Herr Hickersberger, spätestens seit dem 5:1-Testspiel-Sieg gegen Malta am vergangenen Samstag befindet sich Österreich im EM-Fieber. Bekommen Sie diese Vorfreude überhaupt mit oder sind Sie dafür zu sehr mit Ihrer Mannschaft beschäftigt?

Hickersberger: Ich kann nicht so richtig daran teilnehmen, da wir ständig im Trainingslager sind und ich mich mit meinem Team auseinandersetze. Aber wir spüren natürlich auch, dass das Stimmungsbarometer im Land steigt.

Teamchef Hickersberger: "Wir bleiben der große Außenseiter"
AP

Teamchef Hickersberger: "Wir bleiben der große Außenseiter"

SPIEGEL ONLINE: Dabei sind die Voraussetzungen für eine erfolgreiche EM denkbar schlecht: Ihre Mannschaft wird in der aktuellen Fifa-Weltrangliste auf Platz 101, vor Tansania und hinter Algerien geführt. Trotzdem ist die Erwartungshaltung bei einem Turnier im eigenen Land groß. Wie gehen Sie damit um?

Hickersberger: Ich schaue auf meine persönliche Erwartungshaltung und die ist von Realismus geprägt. Natürlich weiß ich, dass wir Heimvorteil genießen. Deutschland ist vor zwei Jahren in einem wichtigen Moment ein entscheidendes Tor gegen Polen gelungen. Wenn uns so etwas widerfährt, dann kann man von einer Euphorie getragen werden. Aber wir machen uns gerade intern nichts vor – wir bleiben der große Außenseiter. In unserer Gruppe haben Kroatien, Polen und eben Deutschland an der WM 2006 teilgenommen und besitzen daher erheblich mehr Turniererfahrung als wir.

SPIEGEL ONLINE: Warum schafft Österreich trotzdem den Einzug ins Viertelfinale?

Hickersberger: Ein gutes Resultat im ersten Spiel gegen Kroatien kann eine Initialzündung auslösen. Es gibt genügend Beispiele aus der Vergangenheit, Mannschaften, die man nicht auf der Rechnung hatte und die im Turnier eine gute Rolle gespielt haben. Ich denke da an Europameister Dänemark 1992 oder die Riesenüberraschung, die den Griechen 2004 in Portugal gelang.

SPIEGEL ONLINE: Wie stehen Sie zur Forderung des Internet-Portals Rückgrat, wonach Ihre Mannschaft aufgrund fehlender Klasse auf die EM verzichten soll?

Hickersberger: Mit Schwachsinn beschäftige ich mich nicht. Für mich ist so etwas nicht relevant. Wenn sich Leute in Internet-Foren auslassen, dann ist das für mich so wie früher mit anonymen Briefen – man kann sie lesen, muss es aber nicht tun.

SPIEGEL ONLINE: Die deutsche Elf ist Ihr dritter Gruppengegner. Sie waren selbst, als Spieler und Trainer, in der Bundesrepublik tätig. Wie schätzen Sie den deutschen Fußball von damals und von heute ein?

Hickersberger: Ich war unter anderem von 1972 bis 1978 in Deutschland. Damals hatte der deutsche Fußball wahrscheinlich seine beste Phase überhaupt. Bei der EM 1972 und der WM 1974 stellten die Deutschen die beste Mannschaft, die sie je hatten. Zudem spielten Beckenbauer, Netzer oder Müller, all diese Persönlichkeiten, in der heimischen Liga. Deshalb war sie für mich damals die stärkste der Welt. Inzwischen hat sich das verschoben: Die Premier League oder die Primera División ist der deutschen Meisterschaft gerade im finanziellen Bereich etwas davongelaufen. Dennoch ist für mich persönlich die Bundesliga etwas Besonderes. Ich bin ein Kind dieser Liga und habe sie immer im Auge behalten.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie dadurch für die EM profitieren?

Hickersberger: Das kommt mir jetzt schon zugute, da ich die deutsche Mannschaft viel besser kenne als zum Beispiel die kroatische oder die polnische. Darum freue ich mich besonders auf dieses Duell. Aber ich hoffe, dass es in dieser Partie für beide Teams um nichts mehr geht, da sie sich schon für das Viertelfinale qualifiziert haben.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass die Qualität in Ihrer Mannschaft steigt, wenn wieder mehr Spieler den Schritt ins Ausland wagen?

Hickersberger: Davon bin ich überzeugt! Wir hatten immer eine starke Auswahl, wenn wir gute Legionäre besaßen. Das war in den siebziger Jahren so. Das galt auch für die Zeit mit Toni Polster oder Andreas Herzog. Im Sog solcher Spieler können sich die anderen entwickeln. Daher ist diese EM für uns eine Chance, eine historische Gelegenheit. Wir können auf uns aufmerksam machen. Das versuche ich meinen Spielern immer wieder zu vermitteln.

SPIEGEL ONLINE: Beim Wunder von Cordoba 1978, Österreichs 3:2-Sieg über Deutschland, standen Sie als Spieler auf dem Rasen - auch damals waren die Erwartungen an Ihr Team gering. Inwiefern spielt Cordoba für die bevorstehende Begegnung gegen Deutschland eine Rolle?

Hickersberger: Ich glaube nicht, dass der Sieg im Mittelpunkt stand. Wir sind damals als krasser Außenseiter zur WM nach Argentinien gefahren. Wir wurden mit Brasilien, Spanien und Schweden in eine starke Gruppe eingeteilt. Niemand hat uns zugetraut, dass wir sie überstehen. Eine österreichische Bank hat damals sogar versprochen, im Falle des Weiterkommens die Spielerfrauen nach Argentinien zu fliegen. Und dann waren wir die erste Mannschaft, die sich qualifiziert hat. Gerade in der aktuellen Situation müssen wir uns an so ein Ereignis erinnern: Wir müssen daran glauben, dass alles möglich ist.

Das Interview führte Roger Stilz



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.