Offenbachs Pokaltriumph Kick für die Kickers

So sieht ein Pokalmärchen aus. Drittligist Kickers Offenbach düpiert den haushohen Favoriten Dortmund - dank eines Torwarts, der zuvor die Schwächen des Gegners googelte. Und mit Fans im Rücken, die sich nichts mehr wünschen als eine Rückkehr zu glorreichen Zeiten.

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Von Felix Meininghaus, Offenbach


Pokalabende wie dieser brauchen einen Helden. Offenbachs Held hieß Mittwochnacht Robert Wulnikowski.

Der Torwart spielte beim Sensationssieg gegen Dortmund schon während der regulären Spielzeit und der Verlängerung überragend. 120 Minuten lang trotzten die Kickers dem übermächtigen Kontrahenten ein torloses Remis ab, auch dank ihm. Dann begann vor 25.000 euphorisierten Zuschauern der Showdown des Elfmeterschießens. Und Wulnikowski hielt zweimal. Lucas Barrios und Robert Lewandowski hatten keine Chance gegen ihn. Am Ende stand es 4:2.

Der Mann im Tor hatte die Partie entschieden und der Drittligist tatsächlich Dortmund bezwungen, den haushohen Favoriten und Tabellenzweiten der Bundesliga - der allerdings in Offenbach noch nie ein Pflichtspiel gewonnen hat. Auch diesmal nicht.

Kein Wunder, dass die Szenen nach dem letzten Elfmeter für Wulnikowski gefährlicher waren als alle Angriffsbemühungen der Borussia. Mindestens 15 Mann begruben den Torhüter jubelnd unter sich. Trainer Wolfgang Wolf war außer sich vor Freude: "Er hat alles gehalten, was zu halten war."

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Und während um Wulnikowski herum alles im Triumphgeheul versank, blieb der Mann des Abends die Ruhe selbst. Natürlich sei solch ein Elfmeterschießen auch Glücksache, sagte Wulnikowski. "Aber ich war vorbereitet." Nicht wie Jens Lehmann beim WM-Sommermärchen 2006 mit einem Spickzettel, der ihm vom Torwarttrainer zugesteckt wurde - in Offenbach muss sich ein Keeper selbst schlau machen. Und zwar im Internet. Dort, berichtete Wulnikowski, habe er sich über die bevorzugten Ecken der Dortmunder Schützen informiert.

Große Spieler, marodes Stadion

Vielleicht ist dieser Abend für die Kickers ja so etwas wie ein Erweckungserlebnis. Der Verein hat eine so treue wie leidgeprüfte Anhängerschaft, und deshalb werden Siege wie jener gegen Dortmund inbrünstig zelebriert. In seiner langen Geschichte hat Offenbach große Spieler wie Rudi Völler, die Kremers-Zwillinge, William "Jimmy" Hartwig, Erwin Kostedde, Siggi Held und Dieter Müller hervorgebracht. Trotzdem wanderten die Kickers immer zwischen den Ligen.

Jahrelang spielte der Club in den siebziger Jahren in der Bundesliga mit. Der größte Erfolg war der Pokalsieg 1970 gegen den 1. FC Köln. Wenn der damalige Trainer Alfred "Aki" Schmidt von jenem Abend erzählt, zuletzt kurz vor der Partie gegen Dortmund, dann scheint die Zeit stehen geblieben.

Das gleiche Gefühl beschleicht Besucher des Stadions am Bieberer Berg - eine Spielstätte mit dem maroden Charme einer Epoche, in der Fußballplätze mit Tribünen noch schlicht Stadion oder Kampfbahn genannt wurden, nicht Arena. "Root Football" nennt der Liebhaber diesen ursprünglichen Zustand.

Das mag durchaus seinen Reiz haben, zeitgemäß ist es nicht. Inzwischen regt sich aber so etwas wie Aufbruchstimmung. Im kommenden Jahr beginnt der Umbau des Stadions, dann soll der Club nach dem Willen der Macher eine Etage höher in der zweiten Liga antreten. Denn dort gehören die Kickers nach ihrem Selbstverständnis hin. Bisher sieht es gut aus. Das Team liegt in der Tabelle der dritten Liga ganz vorn. 9000 Zuschauer kommen im Schnitt pro Partie, ein Topwert in Liga drei.

"Da haben mich alle ausgelacht"

Erfolge sind dringend erwünscht, denn traditionell ist Offenbach im Rhein-Main-Gebiet hinter dem ewigen Rivalen Eintracht Frankfurt die Nummer zwei. Dass die Kickers nun auch von Mainz 05 und dem FSV Frankfurt abgehängt wurden, schmerzt die Fußballseele hier gewaltig. Der Sieg gegen Dortmund bringt da Zuversicht. Und Geld. Mit mindestens 700.000 Euro beziffert Präsident Dieter Müller die Mehreinnahmen durch den Pokal. "Für einen Verein wie unseren ist das wahnsinnig viel." Als der ehemalige Nationalstürmer im Presseraum Auskunft über sein Gefühlsleben gab, leuchteten seine Augen: "Dieser Sieg entschädigt für viele nicht so schöne Stunden. Nichts gegen Burghausen, aber wenn du da hinfährst, denkst du schon manchmal: Eigentlich gehörst du hier nicht hin."

Bevor er beseelt in die Nacht entschwand, erzählte Müller noch, wie er wenige Stunden vor dem Pokalspiel bei der Aufsichtsratsitzung der einzige standhafte Optimist gewesen sei. "Als ich gesagt habe: Wir gewinnen heute, haben mich alle ausgelacht."

insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
bilch_76, 28.10.2010
1. Von wg gugl
---Zitat--- Und Wulnikowski hielt zweimal. Lucas Barrios und Robert Lewandowski hatten *keine Chance* gegen ihn. ---Zitatende--- Keine Chance? Die haben beide grottenschlecht geschossen, der Herr Verfasser, Augen im Kopf? War nicht schwer zu erkennen. Wären beide Schüsse platziert gewesen, hätte auch google nicht geholfen, was ein Blödsinn... Der Torhüter hat nur dann eine Chance, an den Ball zu gelangen, wenn der Schütze unplatziert und/oder schlecht schießt. Eine Binse.
Andreas Rolfes 28.10.2010
2. Auslachen
[QUOTE]"Als ich gesagt habe: Wir gewinnen heute, haben mich alle ausgelacht."[QUOTE] Auslachen ist ein gutes Stichwort. Das können die gebeutelten Schalker nun mal die Biene Majas.
SteveFfm, 28.10.2010
3. .
Herzlichen Glückwunsch von einem Eintracht-Fan auf die andere Seite des Mains! Spitze gemacht, ganz ehrlich! Vielleicht kommt es wieder zum Derby :)
p13 28.10.2010
4. ....
Zitat von SteveFfmHerzlichen Glückwunsch von einem Eintracht-Fan auf die andere Seite des Mains! Spitze gemacht, ganz ehrlich! Vielleicht kommt es wieder zum Derby :)
Oh, vielen Dank. Das finde ich jetzt richtig nett. Aber ebenso herzlichen Glückwunsch dazu, den HSV weggefegt zu haben. Derby? Gerne. Aber lieber auf neutralem Platz und eher so im Mai. ;-)
carlo1402 28.10.2010
5. Freude
Welch Freude! Dortmund rausgekickt, Tabellenführer. Kickersherz, was willst du mehr? Als nächsten Gegner bitte S04. Glückwunsch auch an die SGE, ein schöner Spieltag für Hessens Vereine.
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