Torhüter Kahn nach seinem Karriereende Der bewegte Mann

Oliver Kahn kehrt zurück ins Fußballgeschäft - aber der frühere Bayern-Keeper war auch nie wirklich weg. Ein Rückblick auf wilde Jahre, in denen Kahn sich in erstaunlich vielen Disziplinen ausprobiert hat.
Der ehemalige Bayern-Profi Oliver Kahn

Der ehemalige Bayern-Profi Oliver Kahn

Foto: Andreas Gebert/dpa

Es ist nicht so, dass Fußballfans Oliver Kahn im Bundesligaalltag wirklich vermissen lernen konnten. Es ist nicht so, dass Kahn erst jetzt, mit der Vorstellung als kommender Vorstandsvorsitzender des FC Bayern, wieder die Fußballbühne betritt. Wo immer es in den vergangenen Jahren Fußball gegeben hat, war Kahn oft auch da. Der frühere Nationaltorwart hat nach seinem Karriereende 2008 zahlreiche Positionen übernommen, Geschäfte betrieben, Ratschläge erteilt. Der Ball war immer in der Nähe.

Kahn, der Botschafter

Mentale Stärke gehört zum großen Einmaleins deutscher Nationalspieler, das wissen Fans der DFB-Auswahl spätestens seit der EM 2008. Damals hatte Kahn den Expertenposten beim ZDF für deutsche Länderspiele übernommen. Während der ARD-Experte Mehmet Scholl vier Jahre später den Zuschauern von einem "wund gelegenen" Mario Gomez (2012) erzählte, ordnete der analytische Kahn oft eher den mentalen Druck bei einer Endrunde ein.

Kahn ist aber nicht nur der Experte am ZDF-Mikrofon, er ist auch derjenige, der beinahe in jedem Werbespot beim TV-Sender Sky auftaucht. Stichwort: "Ihre Wette in sicheren Händen." Der Markenbotschafter Kahn sollte 2009 auch Juror einer chinesischen Castingshow werden. "China sucht den Super-Torwart", hieß das geplante Format, das am Ende doch nicht ausgestrahlt worden ist. Aber die Expertise des Oliver Kahn blieb gefragt. 2017 bat der saudi-arabische Fußballverband Kahn bei der Ausbildung junger Torhüter um Hilfe. Dafür wurde sogar eine Akademie mit dem Namen "Oliver Kahn International Academy" gegründet.

Kahn, der Autor

Dass an Mentor Kahn auch ein Philosoph verloren gegangen ist, verdeutlichte er 2006 mit einem Ausflug in die Welt der Poesie. In einer ZDF-Dokumentation las Kahn "Der Panther" von Rainer Maria Rilke, und er fand sich in diesem Gedicht auch in seiner Rolle als Torhüter wieder: "Was ist mein Käfig?", fragte der nachdenkliche Keeper in seiner Interpretation. "Ist es der Sechzehner?"

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Kahn konnte auch plakativer, und sein legendäres Zitat "Eier, wir brauchen Eier" (2003) wäre ein würdiger Buchtitel geworden, doch das "Wir" sollte in der Karriere des Buchautoren Kahn nur eine untergeordnete Rolle spielen.

2004 würdigte Kahn mit "Nummer eins" seine zu diesem Zeitpunkt noch aktive Torwartlaufbahn. Vier Jahre später brachte der Wachrüttler und Motivator mit "Ich. Erfolg kommt von innen" ein zweites Werk auf den Markt. 2010 folgte dann sogar ein drittes Stück, ein Jugendbuch: "Du packst es! Wie du schaffst, was du willst". Wer nun wissen will, wie er es packt: Laut Klappentext kann man das unter dupackstes@oliver-kahn.de nachfragen.

Kahn, der Kläger

Recht und Unrecht waren wie Parade und Gegentor ständige Begleiter der Kahnschen Torhüterkarriere. Im März 2001 war Kahn mit Gelb-Rot bei einem Bundesligaspiel in Rostock vom Platz geflogen - wegen Handspiels. Wegen Handspiels? Kahn war in der Schlussminute in den gegnerischen Strafraum gelaufen, um mitzuhelfen, die drohende Bayern-Niederlage bei Hansa noch zu verhindern. Und Kahn erzielte tatsächlich das 3:3, allerdings bugsierte er den Ball mit der Hand ins Tor. Ein kurioser Platzverweis, befand der Keeper und tragische Held Kahn damals: "Das ist ein Reflex gewesen. Das ist in uns Torhütern drin."

Auch später sollten Kahns Klagen Aufmerksamkeit erregen, dann aber abseits des Fußballplatzes. 2011 musste der Ex-Nationaltorwart 125.000 Euro wegen versuchter Steuerhinterziehung zahlen, er hatte am Münchner Flughafen anmelde- und steuerpflichtige Designerkleidung nicht angegeben (diese Straftat sollte zwei Jahre später dann auch sein Vorgänger als Bayern-Boss, Karl-Heinz Rummenigge, mit zwei Luxusuhren begehen).

2018 wechselte Kahn die Rollen: Diesmal verklagte er - und zwar einen Handschuhhersteller. Dieser hatte seine Produkte unter dem Markennamen "T1tan" vertrieben. "Nummer eins", "Titan", da war doch etwas: Kahn erinnerte sich an seine Torwartkarriere, an seine vielen Paraden, an seine Mann gewordene Abwehrkraft aus Metall. Er sah jedenfalls seine Namensrechte verletzt. Es kann eben nur den einen Torwart-Titan geben. Im November vergangenen Jahres endete der Streit mit einem Vergleich.

Kahn, der Gründer

Nie lockerlassen, immer Spannung halten, das ist wohl in jedem Sportlerleben eine der zentralen Aufgaben. Kahn hatte dieses Motto auch nach seiner Karriere nicht vergessen: Im Oktober 2016 kündigte er eine neue Herausforderung an, die Ankündigung ging allerdings über fünf Tage, jeden Tag eine neue Facebook-Nachricht, stets geheimnisvoll. Er stehe vor "einer neuen Aufgabe", schrieb Kahn und postete dazu ein Foto von sich vor dem Vereinswappen des FC Bayern. Dann hieß es: "Morgen kehre ich zu meinen Wurzeln zurück". Heißmacher auf Heißmacher, Cliffhanger auf Cliffhanger, ein Hauch von Filmgeschäft.

Die dann ziemlich unspektakuläre Auflösung fiel aber eher unter die Kategorie "Goldene Himbeere": Kahn gab die Gründung seines neuen Unternehmens "Goalplay" bekannt. "Da ist das Ding", schrieb er über sein Produkt, dessen Ziel es ist, Torwarttalente online zu fördern. Mit dem PR-Countdown hinterließ Kahn am Ende eher einige enttäuschte Bayern-Fans, die mit seinem Einstieg in eine verantwortliche Position beim FC Bayern gerechnet hatten.

Dieser Tag ist nun allerdings gekommen. "Heute beginnt es mit 100 Prozent Bayern München", sagte der inzwischen 50 Jahre alte Ex-Nationaltorhüter bei seiner Vorstellung.

SPIEGEL ONLINE

Kahn soll Anfang 2022 Rummenigge an der Spitze des Vorstands ablösen. Dann soll aus dem Tausendsassa Kahn wieder die "Nummer eins" werden.