Berliner Olympiastadion Unbeliebt und unverzichtbar

Hertha BSC wünscht sich eine reine Fußballarena, die Stadt will den Klub unbedingt im Olympiastadion halten. Doch ein Umbau wäre sehr teuer - und hart für andere Sportarten.

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Für viele deutsche Vereine mag das Berliner Olympiastadion ein Sehnsuchtsort sein, zumindest seit 1985, seit es Austragungsort des DFB-Pokalfinals ist. Als Endspielteilnehmer, so wie der BVB und Frankfurt am Samstagabend (20 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE), wäre Hertha BSC sicher auch gern mal dabei. In der Liga aber tut sich der Berliner Klub mit seinem Stadion schwer.

Das ist schon länger ein offenes Geheimnis, besonders deutlich wurde es Ende März, als der Klub eine Machbarkeitsstudie für einen Stadionneubau an zwei möglichen Standorten vorstellte, einmal in direkter Nachbarschaft des Olympiastadions, einmal in dem an die Hauptstadt angrenzenden brandenburgischen Städtchen Ludwigsfelde.

Es war der bislang letzte Affront in dem Streit, der spätestens seit dem Frühjahr vergangenen Jahres mehr oder weniger offen zwischen dem Klub und dem Berliner Senat ausgetragen wird - und der schon im Mai 2016 fast eskalierte. Bei den Verhandlungen über die Verlängerung des zur Saison 2016/2017 auslaufenden Mietvertrags verlangte die Betreibergesellschaft des Olympiastadions, die im Besitz Berlins befindliche Olympiagesellschaft GmbH, 7,5 Millionen Euro pro Jahr - fast das Doppelte des bis dahin gültigen Mietpreises.

Hertha BSC zahlt Billigmiete

Zudem sollte der Verein sich für mindestens 15 Jahre an das Olympiastadion binden sowie die Cateringrechte an die Betriebsgesellschaft abgeben. Wenige Wochen zuvor gab Hertha BSC bekannt, dass man mit dem Bau eines reinen Fußballstadions liebäugele und sich dementsprechende Gedanken mache.

Für die Stadt Berlin als Besitzer des Olympiastadions hätte ein Auszug von Hertha BSC fatale Folgen. Der Bundesligist ist der Hauptnutzer der denkmalgeschützten Sportarena und somit die Haupteinnahmequelle der Betreibergesellschaft. Und dies trotz einer Miete, die mit bisher vier Millionen Euro jährlich unter dem Durchschnitt lag, den Bundesligisten für Miete oder Kreditraten aufbringen müssen. Zum Vergleich: Pokalfinalist Eintracht Frankfurt überweist jährlich neun Millionen Euro an die Stadt Frankfurt für die Nutzung der Commerzbank Arena.

Mit dem neuen, ab der kommenden Saison bis zum Jahr 2025 gültigen Vertrag, erhöht sich für Hertha die Miete auf 5,25 Millionen Euro. Zusätzlich wird die Betreibergesellschaft an den Einnahmen aus dem Cateringbereich beteiligt, was der Olympiastadion GmbH rund eine weitere Million Euro pro Jahr einbringen wird.

Doch mit der vor einigen Wochen vorgestellten Machbarkeitsstudie veränderten sich die Kräfteverhältnisse in dem Streit zwischen Hertha BSC und dem Berliner Senat gewaltig. Plötzlich diktierte der Klub, dem die Stadt Berlin während der zwei Spielzeiten in der 2. Fußballbundesliga bei der Stadionmiete noch entgegenkam, die Bedingungen. Und die Politik spurte sofort.

"Daran muss jedem gelegen sein"

"Völlig klar ist: Hertha BSC gehört nach Berlin", erklärte sofort Andreas Geisel, Berlins Senator für Inneres und Sport. Nicht viel besonnener reagierte Frank Steffel, ehemaliger Spitzenkandidat der CDU zum Abgeordnetenhaus und heutiger Obmann im Sportausschuss des Bundestags. "Zu einem starken Hauptstadtverein gehört ein attraktives Stadion - in der Stadt. Daran muss jedem gelegen sein", so der CDU-Politiker.

Ende vergangener Woche wurde dann tatsächlich eine weitere Machbarkeitsstudie vorgestellt - und zwar zum Umbau des Olympiastadions in eine reine Fußballarena. Doch was für "Hertha BSC und seine Fans die favorisierte Lösung ist", wie Hertha-Manager Michael Preetz gegenüber dem RBB erklärte, ist für die deutsche Leichtathletik ein Schlag ins Gesicht.

"Mit dem Umbau würde Deutschland sein letztes Tor zur internationalen Leichtathletik verlieren. Welt- und Europameisterschaften wären hierzulande nicht mehr möglich", so Gerhard Janetzky, ehemaliger Meetingdirektor des Istaf und heutiger Präsident des Berliner Leichtathletikverbandes zum SPIEGEL. Auch für das renommierte Leichtathletik-Meeting Istaf, das jährlich Tausende ins Stadion lockt, hätte der Umbau enorme Konsequenzen. "Für das Istaf wäre es der Todestoß", so Janetzky.

2006 wurde die Arena umgebaut, nun drohen erneut hohe Kosten

Bedenken, für die man sich beim Berliner Senat offenbar nicht interessiert. Dies zeigt schon die Art und Weise, mit der die Leichtathleten von den möglichen Umbauplänen erfuhren. "Von diesen erfuhr ich aus der Presse. Ausgerechnet eine Stunde nachdem wir mit dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller und Staatssekretär Christian Gaebler in einer Sitzung die Vorbereitungen für die im nächsten Jahr stattfindende Europameisterschaft besprochen haben", sagt Janetzky.

Neben der Monokulturisierung des Sports spricht noch ein weiteres starkes Argument gegen die Umbaupläne des Olympiastadions, nämlich das Geld. Auf mindestens 150 Millionen Euro schätzt Innensenator Geisel die Umbaukosten. Eine Summe, die ansteigen dürfte, falls das Olympiastadion beispielsweise eine ausfahrbare Tartanbahn bekommen sollte, von der Bürgermeister Müller träumt. Zusätzliche Kosten würden entstehen durch die Sanierung des Ludwig-Jahn-Sportparks in Prenzlauer Berg, das nach der Vorstellung des Senats zukünftig als neues Leichtathletikzentrum und eventuelle Spielstätte für Hertha BSC während des Umbaus dienen soll - falls nicht direkt vor dem Olympiastadion ein temporäres Stadion errichtet werden sollte.

Insgesamt viel Geld für ein öffentliches Stadion, das erst für die WM 2006 für rund 240 Millionen Euro saniert wurde. Und dies in einer Stadt, die selbst mit leeren Kassen, großen sozialen Problemen und unfertigen Großbauprojekten wie dem BER zu kämpfen hat. Und dies alles zum Wohle eines kommerziellen Fußballklubs.

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triqua 26.05.2017
1.
Ludwigsfelde als Standort des neuen Stadions? Gelächter ... Die Fans des Vereins kommen ausschließlich aus dem Nordwesten der Stadt, in der Regel aus Spandau, Reinickendorf, Wedding und Teilen Charlottenburgs ... Dann hört es jedoch auch schon auf ... Ludwigsfelde ist nur eine Nebelkerze des Vereins, das weiß auch der Senat. Die Hertha wird dennoch nun ihr Stadionumbau auf Kosten anderer Sportarten bekommen ... Im Berliner Senat ist es gute Tradition, das Geld anderer, namentlich Steuergelder, zum Fenster hinaus zu werfen ...
kevinschmied704 26.05.2017
2. das is unwahr,
das kann man eventuell den nicht berlinern erzählen. die Wahrheit ist aber, die Leichtathletik hat deutlich weniger Fans und jeder Wettbewerb ist viel zu teuer. da man das Stadium komplett öffnen muss usw. das kostet! darüber hinaus, hat die Jahn Sportanlage genug platz für Athleten aus den aussterbenden Sportarten der olympiade. wenn man keine Ahnung hat, einfach mal....
traurigeWahrheit 26.05.2017
3. Es stimmt nicht,
das es in Deutschland keine Leichtathletikmeisterschaften von Weltrang mehr geben würde, das Olympiastadion in München z.B. wäre perfekt dafür. Insofern sticht das Argument der Randsportler nicht, es gäbe keine Tartanbahn von internationalem Rang mehr in Deutschland. Für mich ist nur eins entscheidend: Das Hertha BSC selbst für die Umbaukosten aufkommt. Als wichtigster Mieter hat Hertha ein Recht darauf, das Stadion so zu nutzen, wie es für den Verein am besten ist. Also lasst sie machen! Kann man nur hoffen, das Hertha am Umbau nicht so zugrunde geht wie der FCK. Steuergelder für Millionärsarbeitplätze im Pleite-Berlin halte ich für unvorstellbar. Okay, im roten Berlin ist schlimmstenfalls auch das möglich.
cs01 26.05.2017
4.
Gestattet Hertha doch einfach, sich vom eigenem (oder besser gesagt geliehendem )Geld ein eigens Stadion zu bauen. Keine Kosten für den Steuerzahler und fertig.
Bastian__ 26.05.2017
5. wenn Herta einen Neubaus stemmen kann ...
Wenn Herta einen Neubau für mehr als 100 Mio Euro stemmen kann, soll man doch Herta dieses machen lassen. Aber ohne Zuschüsse von Bund oder Land/Stadt für die neue Arena. Mit dem Geld von Bund und Land/Stadt sollte lieber der Breitensport gefördert werden, als der Kommerz-Sport.
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