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Oranje-Depression

Niederlande verlieren nach 2:0-Vorsprung

Tschechien hat als erstes Team der Euro 2004 das Viertelfinale erreicht. In einem großartigen Spiel gegen die Niederlande ließ sich das Team von Karel Brückner selbst von einem frühen Rückstand nicht aus der Ruhe bringen. Das Oranje-Team kann die nächste Runde nur noch mit fremder Hilfe erreichen.

Samstag, 19.06.2004   21:32 Uhr

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Aveiro - Vladimir Smicer hat den Titelaspiranten Tschechien bei der Fußball-EM in Portugal mit einem späten Tor ins Viertelfinale geschossen. Mit seinem Treffer in der 88. Minute sicherte der Stürmer vom FC Liverpool dem Europameister von 1976 nach einem 0:2-Rückstand einen 3:2 (1:2)-Sieg gegen die Niederlande und als erstem Team den Einzug in die Runde der letzten Acht. Die Mannschaft von Trainer Karel Brückner ist damit im abschließenden Vorrundenspiel der Gruppe D am Mittwoch (20.45 Uhr) gegen die DFB-Auswahl nicht mehr vom ersten Platz zu verdrängen.

Die Niederlande ist nach dem 1:1 gegen die deutsche Elf im ersten Gruppenspiel nun auf Schützenhilfe angewiesen. Denn das Team des umstrittenen "Bondscoaches" Dick Advocaat muss nicht nur am Mittwoch (20.45 Uhr) gegen Euro-Neuling Lettland gewinnen, sondern auch darauf hoffen, dass die deutsche Elf zeitgleich nicht die Tschechen besiegt.

"Sehr schöner Fußballabend"

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Wilfred Bouma in der vierten und Torjäger Ruud van Nistelrooy in der 19. Minute brachten die "Elftal" nach einem Traumstart mit 2:0 in Führung. Doch der Dortmunder Jan Koller (23.) und Milan Baros vom FC Liverpool (70.) schafften für das Brückner-Team den Ausgleich. In der 75. Minute verloren die Niederländer auch noch Johnny Heitinga durch Gelb-Rot wegen wiederholten Foulspiels. "Wir haben einen sehr schönen Fußballabend gesehen. Wir haben es wieder umgedreht, wie schon gegen Lettland. Das können nur ganz große Mannschaften. Wir haben es geschafft, das werde ich genießen und nicht an Deutschland denken", kommentierte der Dortmunder Tomas Rosicky.

Advocaat, der in den Niederlanden unter heftigem Beschuss steht und von den Fans ausgepfiffen wurde, sorgte erneut für Diskussionen. Zwar brachte der 56-Jährige Clarence Seedorf und Arjen Robben für Boudewijn Zenden und Rafael van der Vaart und wurde mit starken Leistungen der beiden belohnt. Doch eine halbe Stunde vor Schluss holte er den bis dahin überragenden Robben vom Platz, und die Niederlande verlor noch das Spiel. "Natürlich bin ich enttäuscht, dass ich ausgewechselt wurde. Ich weiß nicht warum, dass muss der Trainer wissen", schimpfte Robben.

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"Wir hatten alle Chance, das 3:0 oder 4:0 zu machen", verteidigte jedoch Advocaat seine Taktik, "selbst mit zehn Mann, konnten wir noch das 3:2 schießen. Dann gab es einen Ballverlust, und wir kassieren das 2:3. Alles, was schief laufen konnte, ist schief gelaufen." Immerhin gab Advokaat zu, dass sich die Auswechslung von Robben sich nicht gut auf das Spiel seiner Mannschaft ausgewirkt hat. Dagegen wollte Brückner mit der Gelassenheit des Gewinners keine großen Worte verlieren: "Ich möchte das Spiel nur ganz kurz beschreiben: Gute Arbeit! Nach dem 0:2 habe ich meine Jungs aufgefordert, ihr eigenes Spiel zu spielen, damit der Gegner sich nach uns richten muss und wir stärker sind."

Angriffswirbel der Niederländer

Das 0:0 der deutschen Mannschaft zuvor gegen Lettland schien die beiden Konkurrenten in Aveiro zu beflügeln. Von Beginn an entwickelte sich ein hochklassiges und abwechslungsreiches Spiel mit Vorteilen auf Seiten der Niederländer, die nach dem 1:1 zum Auftakt gegen Deutschland unbedingt ihre Klasse demonstrieren wollten.

Nach dem Führungstor von Bouma war es Seedorf in der 15. Minute, der aus 18 Metern nur knapp das Tor verfehlte und damit nach einer ersten Freistoß-Chance (Außenpfosten) in der achten Minute seinen Einsatz ebenso rechtfertigte wie Robben. Tschechien hatte trotz seiner überragenden Fußballer zunächst Mühe, den Angriffswirbel der Niederländer zu stoppen.

Tomas Rosicky, Pavel Nedved und Karel Poborsky entwickelten zunächst noch nicht den von Trainer Karel Brückner geforderten Offensivdrang. Fast logisch fiel der zweite Treffer für "Oranje", als van Nistelrooy nach Flanke von Robben sein zweites EM-Tor erzielte. Allerdings stand der ManU-Stürmer beim Pass auf Robben klar im Abseits.

Entscheidung kurz vor Schluss

Nur vier Minuten später gelang Koller allerdings der Anschlusstreffer, als Philip Cocu einen Rückpass Milan Baros in die Füße spielte, der nach einem Solo in den Strafraum geschickt auf den Dortmunder verlängerte. Das 3:1 verpasste Edgar Davids zwei Minuten vor dem Pausenpfiff nur knapp: Sein Schuss aus 18 Metern landete am Pfosten.

Nach dem Seitenwechsel ging es mit dem gleichen hohen Tempo weiter. Poborsky scheiterte mit einem Schuss aus halbrechter Position an Niederlandes Torhüter Edwin van der Sar (47.). Auf der Gegenseite rettete Cech nach einem Kopfball van Nistelrooys aus kurzer Distanz (57.). Nach der Auswechslung Robbens zogen sich die Niederländer immer mehr zurück und wurden bestraft. Pavel Nedved traf in der 86. Minute mit einem Fernschuss aus 35 Metern zudem noch die Latte. Zwei Minuten später stürzte Smicer mit seinem Siegtreffer die niederländische Fangemeinde in tiefste Depression.

Niederlande - Tschechien 2:3 (2:1)
1:0 Bouma (4.)
2:0 van Nistelrooy (19.)
2:1 Koller (23.)
2:2 Baros (71.)
2:3 Smicer (88.)
Niederlande: van der Sar - Heitinga, Stam, Bouma, van Bronckhorst - Seedorf (86. van der Vaart), Cocu, Davids - van der Meyde (79. Reiziger), van Nistelrooy, Robben (59. Bosvelt)
Tschechien: Cech - Grygera (25. Smicer), Ujfalusi, Jiranek, Jankulovski - Galasek (62. Heinz), Poborsky, Rosicky, Nedved - Koller (75. Rozehnal), Baros
Schiedsrichter: Manuel Enrique Mejuto Gonzalez (Spanien)
Zuschauer: 30.000 (ausverkauft)
Gelb-Rote Karte: Heitinga wegen wiederholten Foulspiels (75.)
Gelbe Karten: Seedorf - Galasek

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