Ost-Phobie in Essen Als die DDR Stadionverbot bekam

Wo sind wir nur hingekommen? Kein Ruck geht durchs Land, sondern ein Riss. Ost gegen West, Arm gegen Reich. Jetzt ist der Streit um die Verteilungsgerechtigkeit auch im Fußball angekommen. Stellvertretend für die Republik duellieren sich die Zweitligisten Energie Cottbus und Rot-Weiß Essen. Eine Bestandsaufnahme.

Von


DDR-Fahne (im Cottbuser Stadion der Freundschaft): "An jeder Straßenecke verkauft"
DDP

DDR-Fahne (im Cottbuser Stadion der Freundschaft): "An jeder Straßenecke verkauft"

Hamburg - Die Botschaft war eindeutig. "Das Mitführen von DDR-Symbolen wird nicht gestattet", hieß es in der Mitteilung, die die Essener an ihren Ligarivalen aus der Lausitz geschickt hatten. Die Begründung für das Verbot entbehrte nicht einer gewissen Logik. "Es werden vermehrt Symbole gezeigt, um die Fans aus dem Westen zu provozieren. Zudem spielt die teilweise provokant von den ostdeutschen Fans vorgetragene DDR-Nostalgie eine nicht unerhebliche Rolle beim gegenwärtigen Ost-West-Konflikt, was die Verteilung staatlicher Ressourcen angeht."

Verfasst hatte das Schreiben Dieter Uhlenbroich, Sicherheitsbeauftragter bei Rot-Weiß Essen. Es ist ein im Profifußball üblicher Vorgang, dass der gastgebende Verein seinem Gegner die Bestimmungen mitteilt, die mitreisende Fans zu beachten haben. In der so genannten Einsatzanordnung wird unter anderem geregelt, ob Luftballons im Stadion mit Gas befüllt werden dürfen oder welche maximale Länge und Dicke mitgebrachte Fahnenstangen aufweisen können. Das Tragen von DDR-Symbolen war bisher jedoch in keinem Stadion untersagt.

"Hohes Maß an Selbstständigkeit"

"Wir waren deshalb natürlich überrascht", sagt Energie-Pressesprecher Ronny Gersch gegenüber SPIEGEL ONLINE, "die Entscheidung der Essener war einfach nicht nachzuvollziehen." Mit den speziellen Styling-Richtlinien aus dem Ruhrgebiet hatte er nicht gerechnet. "Zumal wir in unserer Fankurve vielleicht eine DDR-Fahne und zehn Leute haben, die Retroshirts mit dem DDR-Schriftzug tragen", so Gersch, "die werden doch heute an jeder Ecke verkauft." Cottbus reagierte nach Erhalt des Schreibens umgehend, veröffentlichte es auf der Vereinshomepage - und die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten.

Vote
DDR-Nostalgie

14 Jahre nach ihrem Ende erfreut sich die DDR wieder wachsender Beliebtheit. Nicht nur auf Retroshirts wird Hammer und Zirkel gehuldigt - doch es regt sich auch Widerstand. Symbole einer Diktatur dürften nicht gezeigt werden. Was ist Ihre Meinung? Soll der DDR-Nostalgie per Gesetz ein Ende bereitet werden?

Der Essener Präsident Rolf Hempelmann meldete sich gestern am frühen Abend zu Wort und nahm seinen Sicherheitsbeauftragten in einer knappen Stellungnahme in Schutz. "Dieter Uhlenbroich leistet hier seit zwei Jahren gute Arbeit. Dazu gehört auch ein hohes Maß an Selbstständigkeit", verkündete Hempelmann und versprach: "RWE wird sich bemühen, Irritationen auszuräumen und eine Eskalation zu verhindern. Nur das war auch die Intention des Schreibens."

Einsatzordnungen mit politischem Inhalt

Der Essener Sicherheitsbeauftragte Uhlenbroich also ein Einzeltäter, der etwas zu selbstständig agierte? Der in Treu und Glauben deeskalierend wirken wollte? Es ist zumindest ungewöhnlich, dass die Anweisung nicht mit der Essener Vereinsführung abgesprochen wurde. Wie der Sprecher eines Bundesligavereins SPIEGEL ONLINE bestätigte, werden Einsatzanordnungen von der Vereinsführung abgesegnet - vor allem dann, wenn es um solche mit politischem Inhalt geht.

In dieser noch sehr jungen Zweitliga-Saison waren mit Erzgebirge Aue (1:5) und Rot-Weiß Erfurt (0:0) bereits zwei Ostvereine im Essener Georg-Melches-Stadion zu Gast. Auf Fernsehbildern sind zwar DDR-Fahnen zu sehen, aber von "Provokationen", die über das in Stadien übliche Maß hinausgehen, fehlt jede Spur. Dass es bei den Auftritten der Ostclubs keine ideologischen Exzesse gegeben hatte, wusste wohl auch RWE-Boss Hempelmann. Heute machte er einen Rückzieher.

RWE-Chef Hempelmann: "Ich habe immer zwischen meinem Amt bei RWE und der Politik getrennt"
DDP

RWE-Chef Hempelmann: "Ich habe immer zwischen meinem Amt bei RWE und der Politik getrennt"

Erst erklärte er im Deutschlandfunk, dass Uhlenbroichs Bestreben, "politische Äußerungen aus dem Stadion zu verbannen" zwar richtig gewesen sei, sich aber unter den gegebenen Umständen das Verbot von DDR-Folklore im Stadion "nicht mehr aufrechterhalten" lasse. Dann kam es in einer gemeinsamen Presseerklärung - für Energie zeichnete Präsident Dieter Krein - sogar zur großen Verbrüderung: "Entstandene Irritationen im Zusammenhang mit der Vorbereitung des Spiels sind in gutem Einvernehmen ausgeräumt."

Politik hat im Stadion nichts zu suchen

Alles auf Anfang also in Essen, alle Energie-Fans dürfen am kommenden Sonntag ihre nostalgischen DDR-Shirts tragen und die Hammer-und-Zirkel-Fahnen schwenken. Und die Ost-Phobie tief im Westen ist so schnell verschwunden, wie sie aufgetaucht war.

Mit den Kommunalwahlen am Sonntag in einer Woche in Nordrhein-Westfalen, wo es dank Landesvater Peer Steinbrück mittlerweile zum guten Ton gehört, gegen die "Ungleichverteilung staatlicher Ressourcen" zu agitieren, haben die Irritationen um das Stadionverbot für die DDR aber offenbar nichts zu tun. Gegenüber SPIEGEL ONLINE erklärte der Präsident heute mit Nachdruck, er habe immer "für die Trennung seiner ehrenamtlichen Tätigkeit von seinem politischen Amt" gesorgt und dies auch in den Statuten seines Vereins festgehalten, dass "Politik im Stadion nichts zu suchen" habe.

Vielleicht hat sich der Streit um die DDR-Folklore aber sowieso bald erledigt. Der CDU-Politiker Günter Nooke wehrt sich gegen die kommerzielle Ausschlachtung der DDR-Symbolen und will klären lassen, ob das Zeigen von Hammer-und-Zirkel-Fahnen überhaupt erlaubt ist. Die Bundesjustizministerin werde dazu voraussichtlich im Herbst eine Stellungnahme abgeben, teilte sein Referent mit. Die DDR-Symbole könnten demnächst also nicht nur hin und wieder das Verhältnis von Fußballvereinen beeinträchtigen, sondern sogar die Gerichte beschäftigen.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.