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15. September 2018, 11:06 Uhr

Starkes Alcácer-Debüt bei BVB-Sieg

Einer für die Fantasie

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24 Minuten genügten Paco Alcácer, um in Dortmund anzukommen. Mit seinem Treffer gegen Frankfurt zieht er mit Márcio Amoroso und Pierre-Emerick Aubameyang gleich. Doch sein Trainer mahnt.

Die Feierlichkeiten waren noch nicht wirklich beendet, die Anhänger badeten noch im Glück des zweiten Saisonsieges und der kurzzeitigen Tabellenführung, da bereitete der Held des Abends seinem Trainer schon wieder ein paar ernste Sorgen.

Paco Alcácer hatte nur gute 20 Minuten gespielt, er hatte das wichtige 2:1 mit einem kunstvollen Steilpass eingeleitet und das krönende 3:1 gegen Eintracht Frankfurt selbst erzielt. Doch dann hat er "etwas im Oberschenkel gespürt", wie Lucien Favre später berichtete, ein Einsatz beim Champions-League-Auftritt in Brügge am kommenden Dienstag ist gefährdet.

Ein Debüt wie Amoroso und Aubameyang

Doch die wenigen Minuten Spielzeit reichten aus, um die Fantasie zu beflügeln. Acht Pässe spielte Alcácer, alle kamen an, und über die klubeigenen Medienkanäle gaben die Dortmunder dann stolz bekannt, dass der 25-Jährige schon jetzt einem exklusiven Kreis denkwürdiger BVB-Angreifer angehört. So wie bei Márcio Amoroso, dem Starstürmer des Meisterjahres 2002, und Pierre-Emerick Aubameyang, landete sein erster Torschuss in der Bundesliga gleich im Netz.

"Mit ihm kannst du Spaß haben, mit ihm kannst du zocken, ich denke er wird uns noch viel Freude bereiten", sagte Marius Wolf über den Neuzugang vom FC Barcelona und Sportdirektor Michael Zorc ergänzte: "Man sieht, dass er Fußball versteht, mit der Mannschaft kombinieren kann."

Favre mahnt

Nur Favre mochte nicht einsteigen in diese Hymnen des Lobes. Natürlich hatte auch ihm die Leistung des Stürmers gefallen, den viele Experten eigentlich in der Startelf erwartet hatten. Allerdings schien der Trainer sich in seiner ewigen Predigt von der Geduld bestätigt zu fühlen, nachdem der Oberschenkel des Spaniers nicht einmal diese 20 Minuten unbeschadet überstanden hat: "Er hat zwei Jahre nicht regelmäßig gespielt, es braucht noch Zeit, bis er fit ist."

Dass Alcácer dringend gebraucht wird, zeigte sich aber auch an diesem Abend. Statt mit Rasanz und Wucht, wie in den besseren Zeiten der jüngeren Vergangenheit, war dieser Auftritt vor Alcácers Einwechslung von einer für Dortmunder Verhältnisse ungewohnt großen Portion Pragmatismus geprägt.

Lange wirkte das Aufbauspiel zäh und mühsam. Es sei grundsätzlich positiv, "defensiv gut und kontrolliert zu stehen", hielt Zorc zwar Kritikern entgegen, in deren Augen die Schönheit und die Wildheit gefehlt hatte. Zugleich versicherte der Sportdirektor jedoch, dass es sehr bald wieder Spiele geben werde, in denen der BVB sich "mehr Chancen erspielt".

Kein Offensivspektakel

Wobei Lucien Favre noch nie ein Trainer war, dessen Teams Woche für Woche rauschhafte Offensivspektakel auf den Rasen zaubern. Im Zweifel setzt der Schweizer auf Stabilität, und das ist vielen kleinen Entscheidungen der Profis auf dem Platz anzusehen.

Tatsächlich hatten die Frankfurter jenseits des Gegentreffers praktisch keine einzige Torchance. Noch bemerkenswerter fand Zorc allerdings einen anderen Aspekt: Wie schon in Fürth und gegen Leipzig hatte der BVB nach eigener Führung sehr ärgerliche Ausgleichstreffer zugelassen.

Solche Rückschläge hatten das Team in den vergangenen beiden Spielzeiten häufig verunsichert, Ängste geschürt, Zweifel gesät. Nun sei die Mannschaft trotz Gegentreffer "noch mal gekommen", sagte Zorc. Das sei "ein Zeichen von Mentalität". Und von einer brillant besetzten Auswechselbank.

Beide Teams waren mit jeweils rund 120 zurückgelegten Kilometern sehr viel gelaufen, die Frische, mit denen Jadon Sancho, Axel Witsel und Alcácer das Spiel in der Schlussphase bereicherten, gehörte zu den Schlüsselfaktoren. Unter der Woche hatte Favre ja noch ein wenig über den großen Kader gejammert ("Wir sind zu viele."), weil prominente Profis wie Julian Weigl oder Shinji Kagawa nicht einmal dem Kader angehörten. Mario Götze saß im dritten Bundesligaspiel zum dritten Mal 90 Minuten auf der Bank.

Nun zeigte sich, dass viel Qualität in den hinteren Reihen sehr viel wert sein kann. Sancho bereitete das zweite und das dritte Tor vor, Witsel war sofort sehr präsent und Alcácer hat sowieso alle Erwartungen übertroffen.

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