SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

07. November 2018, 10:55 Uhr

PSGs Unentschieden in Neapel

Tuchel und die Quadratur des Kreises

Aus Neapel berichtet

Paris Saint-Germain will die Champions League gewinnen - doch von diesem Ziel ist der Klub nicht nur sportlich weiter entfernt als je zuvor. Was heißt das für Trainer Thomas Tuchel, der mit so großen Erwartungen geholt wurde?

Als Schiedsrichter Kuipers beim 1:1 (0:1) im Stadio San Paolo zu Neapel in der Nachspielzeit Neymar die Gelbe Karte zeigte, kamen Erinnerungen an die für den Brasilianer so enttäuschende WM 2018 hoch. Neymar, der Mann für die Theatralik in Russland, hatte sich im zweiten Gruppenspiel eine Privatfehde mit Kuipers geleistet, fühlte sich im gesamten Turnier nicht genügend geschützt und hatte seine Genialität nur teilweise aufblitzen lassen.

Im vierten Gruppenspiel der Champions League gegen die SSC Neapel (hier geht es zu den Ergebnissen) lieferte Neymar eine starke erste Hälfte ab, war an fast allen gefährlichen Aktionen von Paris Saint-Germain beteiligt und führte sein Team zu einer verdienten Halbzeitführung. Doch nach der Pause ließ er sich die Spielfreude nehmen. Von aggressiveren Napoli-Spielern, aber auch von Kuipers, der drei Situationen in Neymars Augen falsch bewertete. Neymar musste von Mitspieler Kylian Mbappé einmal weggezogen werden, nach seiner Verwarnung klatschte er höhnisch Beifall.

Das Dilemma seines Klubs PSG hat einige Facetten, Neymar ist eine nicht unbedeutende. Spielt der von seinen Mitspielern häufig gesuchte Dribbler groß auf, ist die Mannschaft schwer zu stoppen, wie die zwölf Siege in zwölf Spielen in der Ligue 1 zeigen. Doch Neymar alleine wird dem aus Katar ambitioniert geführten Verein nicht die Champions League gewinnen. Das ist aber das erklärte Ziel von Klubboss Nasser Al-Khelaifi.

Wie geht es in Sachen Financial Fairplay weiter?

In den vergangenen Jahren war PSG in der Champions League nie über das Viertelfinale hinausgekommen. Was per se als Enttäuschung gewertet wurde, lag ganz entscheidend an den starken Gegnern, auf die Paris häufig sehr früh getroffen war. Ja, es gibt in der Königsklasse vier, fünf Mannschaften, die ähnlich oder eben besser besetzt sind und ebenfalls gewinnen wollen. Den Champions-League-Titel erobert man aber nicht im Sturm auf dem Transfermarkt.

Nun kommt auf die Pariser, oder die Kataris, mit der Football-Leaks-Recherche ein weiteres Problem hinzu. Wie der SPIEGEL mit seinen Partnern des Recherchenetzwerks European Investigative Collaborations (EIC) gezeigt hat, wurde PSG mit Investitionen in Milliardenhöhe gegen die Regeln des Financial Fairplays zum internationalen Topklub gezüchtet - unter Mithilfe des heutigen Fifa-Präsidenten Gianni Infantino. (Die ganze Geschichte auf SPIEGEL+).

Ob und welche Konsequenzen drohen, ist nicht klar, aber ob die Uefa in Zukunft weitere Transfers in Neymar-Dimensionen (222 Millionen Euro) genehmigt, sollte sich der Europäische Fußball-Verband gut überlegen. Zumal PSG ohnehin unter Beobachtung steht und erst vor wenigen Tagen beim Cas Beschwerde gegen weitere Uefa-Ermittlungen eingereicht hat.

Tuchel hätte gerne anders eingekauft

In dieser schwierigen Gemengelage steht Trainer Thomas Tuchel und weiß um die Ziele seiner Bosse. Er weiß aber auch um die Schwachstellen in seiner Mannschaft. Trotzdem kommt Tuchel - zumindest was Stimmen aus Deutschland anbelangt - nach jedem schlechten Ergebnis geradezu reflexartig unter Druck, obwohl Khelaifi seit der Übernahme 2011 bisher keinen seiner Trainer nach nur einem Jahr entlassen hat.

In Paris wird dagegen Sportdirektor Antero Henrique hinterfragt, der für die Zusammensetzung des aktuellen Kaders verantwortlich ist. Tuchel wollte einen robusten Sechser und Verstärkungen für die Abwehr; weil Henrique nicht lieferte, wurden stattdessen am letzten Tag des Transferfensters Juan Bernat und Eric-Maxim Choupo-Moting verpflichtet.

Seitdem soll sich die Zusammenarbeit zwischen Tuchel und Henrique auf ein Minimum beschränken. Und da der Sportchef auch die fehlende Vertragsverlängerung mit Adrien Rabiot zu verantworten hat, steht Khelaifi französischen Medien zufolge auf Tuchels Seite.

Sollte PSG (5 Punkte) in der schwierigen Gruppe mit Napoli (6) und Liverpool (6) tatsächlich ausscheiden, muss Tuchels Mission in Paris nicht automatisch beendet sein. Trotzdem wird auch er sich die Möglichkeiten anders ausgemalt haben. Der aktuelle Kader hat zu viele Schwachstellen, und weitere finanzielle Ausschweifungen sind ungewiss. Ein kommender Champions-League-Sieger sieht anders aus.

SSC Neapel - Paris Saint-Germain 1:1 (0:1)
0:1 Bernat (45.+2)
1:1 Insigne (63./Elfmeter)
Napoli: Ospina - Maksimovic (76. Hysaj), Albiol, Koulibaly, Rui - Callejón, Allan, Hamsik, Ruiz (71. Zielinski) - Mertens (83. Ounas), Insigne
PSG: Buffon - Marquinhos, Silva, Kehrer (90.+4 Choupo-Moting) - Meunier (73. Kimpembe), di María (77. Cavani), Verratti, Draxler, Bernat - Neymar, Mbappé
Schiedsrichter: Kuipers
Gelbe Karten: Ruiz / Mbappé, Kehrer, Verratti, Neymar
Zuschauer: 55.489

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung