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12. März 2015, 09:24 Uhr

Viertelfinaleinzug

Paris entdeckt Mourinhos Schwäche

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Paris St. Germain spielte fast die gesamte Spieldauer ohne Zlatan Ibrahimovic, lag zweimal zurück - und setzte sich in der Champions League trotzdem gegen den FC Chelsea durch. Wie konnte es dazu kommen? Die Taktik-Analyse.

Diego Costas Handflächen klatschten gegeneinander. Mit einer impulsiven Geste reagierte der Chelsea-Stürmer auf das, was gerade geschehen war. Es lief die 32. Minute des Achtelfinal-Rückspiels in der Champions League zwischen Chelsea und Paris St. Germain, und Zlatan Ibrahimovic, der Schlüsselspieler der Pariser, hatte die Rote Karte gesehen.

Die Aufgabe, das 0:0 zu halten, das nach dem 1:1 im Hinspiel zum Weiterkommen genügt hätte, würde nun einfacher werden, schien Diego Costa zu denken. Er irrte. Das 2:2 nach Verlängerung seiner Mannschaft bedeutete das Aus für die "Blues". Trotz rund 90-minütiger Überzahl. Was war da geschehen?

Paris, im 4-3-3 gestartet, formierte sich nach dem umstrittenen Platzverweis gegen Ibrahimovic in einer Art 4-3-2, in dem die Position des linken Stürmers wegfiel. Edinson Cavani, der dort begonnen hatte, hielt sich nun im Zentrum auf. Sobald Chelsea den Freiraum nutzen wollte, eilte Cavani bis an den eigenen Strafraum zurück. Weil auch Blaise Matuidi im halblinken Mittelfeld ein enormes Pensum abspulte, Chelsea den Ball zudem sehr langsam laufen ließ, machte sich das Fehlen des elften Mannes kaum bemerkbar.

PSG kehrt das Mourinho-Prinzip um

In Unterzahl sah sich PSG gezwungen, etwas defensiver zu spielen und nicht, wie üblich, das Mittelfeld zu dominieren. Zwar gab es Phasen, in denen die Franzosen höher verteidigten; mitunter ließen sie sich jedoch bereitwillig bis in den eigenen Strafraum zurückdrängen. Dort verteidigten sie mit vier Abwehrspielern, die von drei Mittelfeldspielern, die die Schnittstellen versperrten, unterstützt wurden. Beide Reihen hielten den Abstand untereinander derart kurz, dass ein massiver Block entstand, der die Gastgeber vor große Probleme stellte.

So nötigte Paris den Gegner zu etwas, das von José Mourinho trainierte Mannschaften nicht so gerne wollen: Er musste das Spiel machen. Mourinho ist ein Meister darin, die Schwächen eines Kontrahenten zu erkennen und auszunutzen. Paris kehrte das Prinzip um und legte die vielleicht einzige taktische Schwäche des Trainers offen, nämlich die, dass seinen Teams gegen gut organisierte Gegner die Mittel fehlen, um aus dem Spiel heraus gefährlich zu werden.

Abwehrchef Thiago Silva als Spielertrainer

Auch die Härte, mit der die PSG-Profis vorgingen, und die guten Standards erinnerten an Mourinho-Fußball. Nur in Ansätzen gelang es Chelsea, zu kombinieren. Zu Chancen kamen die Engländer kaum. Beide Tore resultierten aus Standardsituationen. Dem 1:0 ging ebenso ein Eckball voraus wie dem Elfmeter, der zum 2:1 führte. Ansonsten verlagerten die Gastgeber den Ball in gemächlichem Tempo hin und her.

Dass PSG so stark organisiert war, lag zu großen Teilen am Abwehrboss Thiago Silva. Der Brasilianer fungierte als eine Art spielender Trainer. Permanent kommunizierte er mit seinen Nebenmännern, zog sie mit seinen Gesten zur Seite oder nach vorne, als wären sie Figuren auf einem Schachbrett. Manchmal sprintete der 30-Jährige in harmlos anmutenden Situationen plötzlich los. Einen Augenblick später hatte er einen Pass abgefangen. Thiago Silva ist wie wenige andere Verteidiger in der Lage, das gegnerische Angriffsspiel zu lesen.

Auf 19 Abwehraktionen kam Thiago Silva insgesamt, kein Spieler erreichte einen höheren Wert. Zum Vergleich: Chelseas Innenverteidiger John Terry und Gary Cahill kamen zusammengenommen auf 15 Abwehraktionen. Dass er den Elfmeter, der zum 2:1 führte, mit einem Handspiel im Strafraum verursacht hatte, schien ihn derart anzustacheln, dass er in der Schlussphase zu gleich zwei Großchancen kam, von denen er die zweite zum Ausgleich verwertete.

Gehört PSG nun zu den Favoriten?

Der Erfolg in Unterzahl wirft die Frage auf, ob PSG sogar deutlich weiter kommen kann als in die Runde der besten Acht. Dort war in den vergangenen beiden Saisons jeweils Schluss für sie gewesen. Dass dem Team in dieser Saison der große Wurf gelingt, also der Einzug ins CL-Finale, wäre aber eine Überraschung. Denn PSG hat Defizite, die auch gegen Chelsea zum Vorschein kamen.

Da ist die Abhängigkeit von Ibrahimovic. Dass in dessen Abwesenheit zwei Eckbälle für Tore herhalten mussten, sollte aufgrund der Unterzahl zwar nicht überbewertet werden. Die Bedeutung des Schweden für das Team ist jedoch frappierend. Er ist Torjäger und Passgeber zugleich, beeinflusst die gesamte Offensive. Zumindest im nächsten Spiel wird er in jedem Fall gesperrt fehlen.

Auch gegen den Ball gibt es kleinere Schwierigkeiten. Bereits mit elf Spielern fehlte der Mannschaft von Trainer Laurent Blanc gegen Chelsea der Plan, wie man den Ball gewinnen wollte. Durch ihre Mannorientierungen schaffen es die Pariser zwar, ein sehr unangenehmer Gegner zu sein, der oft Zugriff herstellt. Speziell gegen die Bayern werden sie jedoch ein Duell um die Spielkontrolle verlieren, weil sie, anders als die Münchner, die Balleroberung nicht perfektioniert haben. Ob die Abwehr dann besteht, gegen eine Offensive, die schneller und koordinierter funktioniert als die Chelseas, darf bezweifelt werden. Trotz Thiago Silva.

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