Parreira-Interview "Die Stunde der Entscheidung"

Es ist die Neuauflage des WM-Endspiels von 2002. Damals gewann Brasilien am Ende mit 2:0 gegen Deutschland. Der aktuelle Brasilien-Trainer Carlos Parreira will von einer Revanche noch nichts wissen. Im Interview spricht der 62-Jährige über das Ende seiner Experimente, das WM-Finale 2006 und seinen Respekt vor Lukas Podolski.


Brasilien-Trainer Parreira: "Revanche erst 2006"
DDP

Brasilien-Trainer Parreira: "Revanche erst 2006"

Frage:

Herr Parreira, Sie haben den Konföderationen-Cup als großen Testlauf für die WM im nächsten Jahr an gleicher Stätte bezeichnet. Wie sieht ihr Zwischenfazit aus?

Carlos Alberto Parreira: In drei Spielen haben wir 20 Spieler eingesetzt. Es ist aber schwierig, die Spieler im neuen Spielsystem zu beobachten und gleichzeitig ans Siegen zu denken. Dennoch bin ich bislang ganz zufrieden, zumal wir unser Minimalziel Halbfinale erreicht haben. Probleme hatten wir vor allem bei der Chancenauswertung und dem Umschalten von Angriff auf Abwehr.

Frage: Werden Sie gegen Deutschland die Testphase fortführen?

Parreira: Nein. Die erste Phase habe ich genutzt, um noch einiges auszuprobieren. Diese Spielchen sind jetzt aber vorbei. Für uns beginnt der Konföderationen-Cup von neuem. Die Stunde der Entscheidung ist gekommen. Jetzt wollen wir auch den Titel holen. Ich werde mein bestes Team auf den Platz schicken. Aber nur, wer hundertprozentig fit ist, denn die Spieler müssen alles bis zum letzten Tropfen geben.

Frage: Mit Ausnahmekönnern wie Ronaldinho, Robinho und Kaka gehen Sie natürlich als Favorit aufs Feld.

Parreira: Na ja, Deutschland hatte einen Tag mehr zum Ausruhen und spielt vor heimischem Publikum. Außerdem brauchen sie den Sieg mehr als wir, um mit Selbstvertrauen die Zeit bis zur WM anzugehen. Aber eine Revanche für das Finale von 2002 gibt es erst bei der WM. Die Deutschen müssen also bis zum Endspiel im nächsten Jahr warten.

Frage: Wie schätzen Sie den derzeitigen Stand der deutschen Auswahl ein Jahr vor der WM im eigenen Land ein?

Parreira: Jürgen Klinsmann hat seit seinem Amtsantritt viel experimentiert und seinen Job dabei gut gemacht. Im Vergleich zur WM 2002 ist das Team jünger geworden und spielt schnelleren Fußball. Michael Ballack und Oliver Kahn sind aber immer noch die tragenden Säulen. Ich habe viel Respekt vor dem jungen Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger.

Frage: Mit welcher Taktik hoffen Sie, die Deutschen zu schlagen?

Parreira: Das ist auch ein Vergleich der europäischen gegen die südamerikanische Fußballschule. Wir müssen den Ball auf dem Boden halten und mit unserem schnellen Passspiel immer wieder für Überraschungsmomente sorgen. Es wird ein Duell deutscher Kampfkraft gegen brasilianische Technik. Am Ende wird sicherlich auch der mentale Aspekt eine Rolle spielen.

Frage: Fürchten Sie bei einer Niederlage negative Auswirkungen?

Parreira: Nein, ich freue mich auf dieses Spiel. Das ist eine gute Gelegenheit zu sehen, wo man ein Jahr vor der WM steht. Im Gegensatz zu 2002 reisen wir dann wieder als großer Favorit an und müssen vorher lernen, mit dieser Rolle umzugehen. Ein Weltmeister im Boxen verteidigt einmal pro Jahr seinen Gürtel, Brasilien seinen WM-Titel einmal pro Woche. Für unsere Gegner ist es immer das Spiel des Jahres.

Aufgezeichnet von Heiner Gerhardts, sid



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