Partynacht in Deutschland Zehntausende feiern Löws Siegertruppe

Fußball-Deutschland in Ekstase, stundenlanger Jubel auf den Straßen und Fanmeilen - die Fans feiern den Einzug der DFB-Elf ins Halbfinale. Und auch die Spieler selbst machen Party: "Wir haben es bewiesen, wir können Fußball spielen, wir haben die Besten aus dem Turnier gekegelt!"

Basel - Bilder, in denen man baden konnte: Mit nacktem Oberkörper steht Bastian Schweinsteiger im Stadion, umschlungen von siegberauschten Fans, sein Trikot hat er längst hergegeben. "Was für ein Spiel, was für ein Fest, was für 90 Minuten", bringt der ARD-Fernsehkommentator nur noch freudig-erschöpft heraus.

Minutenlang genießt die deutsche Mannschaft nach ihrem spektakulären 3:2 gegen Portugal die Euphorie der Fanmenge, sie rennen, sie umarmen sich, sie tanzen sogar vor den Fantribünen; La-Ola-Wellen schieben sich durchs Stadion. Sogar der distanzierte Jens Lehmann verschwindet erst nach einer Weile als einer der letzten in der Mannschaftskabine.

Kollektive Ekstase auch vor der Kamera: "Wir haben für unseren Trainer gespielt", sagt Bastian Schweinsteiger mit müde-beglücktem Blick - ein fürsorglicher Journalist hat ihm sein Jackett umgehängt, welches Schweinsteiger schon nach Sekunden wieder abstreift. "Und wir haben bewiesen: Wir können Fußball spielen, wir können kämpfen, wir sind jetzt in der Top 4", sagt er gelöst. "Wir haben die beste Mannschaft aus dem Turnier gekegelt."

Kurz darauf berichtet ein heiserer Philipp Lahm stolz: "Jeder war für den anderen da auf dem Platz", und lächelt. "Was will man mehr?"

Beckenbauer: "Jetzt geht"s erst richtig los!"

Nüchterner kommt Michael Ballack daher - dabei schoss er doch das zweite Tor: "Die Mannschaft war stabil", meint er, "wir waren gut im Spiel drin." Selbst nach diesem fulminanten Sieg gegen die starken Portugiesen übt sich Ballack in Selbstkritik: "Nach dem Kroation-Spiel hatten wir ein Tief", räumt er ein, "und auch in Österreich waren wir nicht so gut - doch heute hat man gesehen, was in der Mannschaft steckt."

Während Günther Netzer stolz die "deutschen Tugenden" Disziplin und Organisation preist ("Auf die können wir einfach nicht verzichten"), gibt sich Franz Beckenbauer emotional: "Nach dem Abpfiff hab ich erstmal meine Frau umarmt", erzählt er freimütig in der ARD-Expertenlounge, um danach das Halbfinale zu befeuern: "Jetzt geht"s erst richtig los", sagt er, "die langweiligen Gruppenspiele sind vorbei. Jetzt kommt Fußball mit Herz und Leidenschaft, jetzt wird es erst richtig interessant!" Zum Abschied gibt es sogar einen Knuddler für Kollegen Netzer.

Löw: "Sehr, sehr nervend"

Bundestrainer Joachim Löw, der das Spiel seiner Elf "aus der Box" - also von der Tribüne aus - verfolgen musste, litt arg unter seiner Zwangsverbannung: "Es war für mich ganz schlimm und viel aufregender als am Spielfeldrand", sagt Löw nach dem Spiel. "Die Distanz von oben war sehr, sehr nervend." Co-Trainer Hansi Flick frohlockt: "Heute waren wir hungrig und heiß. Heute hat alles funktioniert. Wir wollen jetzt mehr."

Auf der Verliererseite herrscht hingegen bittere Enttäuschung: Der Trainer der Portugiesen, Luiz Felipe Scolari, sagt erschöpft nach der Niederlage: "Ich bin natürlich frustriert. Ich habe versagt und nicht das gehalten, was ich dem Verband versprochen habe: das Halbfinale! Deutschland war in den entscheidenden Szenen einfach die bessere Mannschaft."

Bundestag macht früher Feierabend

Die bessere Mannschaft wird dann auch angemessen gefeiert: In ganz Deutschland tönen Minuten nach dem erlösenden Abpfiff die obligatorischen Hupkonzerte der Autokorsos durch die Straßen.

Allein in Berlin bejubeln Zehntausende Fußballfans den EM-Sieg der deutschen Mannschaft; am Bundespressestrand müssen die Zuschauer sogar außerhalb des Geländes Schlange stehen, um einen Blick auf die Leinwand zu erhaschen. Als Bastian Schweinsteiger, Miroslav Klose und Michael Ballack treffen, rasten die Fans aus, fallen sich jubelnd in die Arme. Nach dem Spiel ziehen die Schlachtenbummler zum Feiern Richtung Kurfürstendamm.

Im Bundestag hatten die Abgeordneten wegen des Viertelfinalspiels früher Feierabend gemacht. Eine gute halbe Stunde vor Anpfiff entlässt Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) die Parlamentarier mit den Worten: "Ich wünsche unserer Mannschaft - der deutschen Mannschaft - Erfolg und uns Anlass zum Jubeln."

Riesenfanpartys in Hamburg, Hannover, Hessen

Überall in Deutschland und den EM-Ländern Österreich und Schweiz machen am Abend Zehntausende Fans Party, von Köln bis Wien, von Zürich und Basel bis Hamburg - allein in letzterer Stadt zieht es 35.000 Anhänger des deutschen Teams in Schwarz-Rot-Gold auf das Heiligengeistfeld. Vor Anpfiff werden sie von einem Live-Auftritt der Band Revolverheld aufgewärmt. Das Fest gilt als eines der größten in Deutschland. Auch auf der Theresienwiese in Heilbronn wogt ein schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer. Zu der größten Open-Air-Veranstaltung in Baden-Württemberg waren rund 10.000 Fans gekommen, die gut gelaunt feierten.

In München, wo es keine Großleinwand gibt, sehen die Fußballanhänger das EM-Viertelfinale vor allem in Kneipen und Bars. Mehr als 12.000 Menschen strömen nach Spielende in die Leopoldstraße - und "das werden wahrscheinlich noch viel mehr werden", sagt eine Polizeisprecherin noch am Abend. Die Straße zwischen Münchner Freiheit und Siegestor muss wegen der Menschenmassen gesperrt werden. Hunderte Autos fahren in einem Korso durch die Stadt.

In Hannover kann selbst das trübe Wetter die Begeisterung der Fußball-Freunde nicht trüben. Schon eine Stunde vor Spielbeginn umlagern Tausende Menschen die Großleinwand in der Nähe des Stadions, darunter hauptsächlich Anhänger des Teams von Bundestrainer Löw, aber auch einige portugiesische Fans.

In Hessen erleben die Großleinwände einen Ansturm. "Weitestgehend zu", ist der Kommentar der Polizei in Wiesbaden, wo sich im Kurpark am Abend knapp 5000 Fans die öffentliche Übertragung anschauen. Die Arena in der Innenstadt von Frankfurt am Main ist schon kurz vor Spielbeginn dicht gefüllt.

Am Sonntag und Montag wird in Berlin eine Fanmeile am Brandenburger Tor aufgebaut, wo schon während der WM Hunderttausende täglich feierten. Diesmal werden bis zu 500.000 Besucher pro Tag erwartet.

amz/dpa/ddp/AP/sid