Partystimmung in Paris Schicksalstag mit Happy End

In Frankreich ging die Angst um. Zum zweiten Mal hintereinander drohte der Grande Nation eine Blamage bei einer WM. Kim Rahir hat das entscheidende Spiel gegen Togo in einer Pariser Kneipe erlebt und musste feststellen, dass die Fans ihrem Team nicht mehr viel zutrauen.  

Von Kim Rahir, Paris


Freitagabend in Paris. Auf dem Mittelstreifen des Boulevard de Clichy im 18. Arrondissement drängen sich japanische Touristen, halten ihre Kameras in die Höhe, um das Moulin Rouge zu fotografieren. Das Wahrzeichen des Pariser Rotlichtbezirks sieht an diesem Sommerabend aus wie ein Riesenspielzeug. Die Reisenden knipsen unverdrossen - sie scheinen die Spannung der Menschen nicht zu spüren, die über die Gehsteige des breiten Boulevards eilen, um in einer der vielen Kneipen das Schicksalspiel der französischen Fußballmannschaft zu sehen.

So auch im O'Sullivan, einer irischen Bar nur zwei Häuser neben dem Moulin Rouge. Hinter der unscheinbaren Fassade verbirgt sich eine riesige Kneipe mit Dutzenden Fernsehschirmen und einer Riesenleinwand ganz hinten im Tanzsaal. Irisch sind hier an diesem Abend gerade mal die Kellner - ansonsten dröhnen französische Gespräche durch den Raum, schon eine Stunde vor dem Spiel gibt es keine Sitzplätze mehr. Heute abend kommt es darauf an. "Klar schaffen sie es", sagt Stéphane, der mit mehreren Freundinnen gekommen ist. Doch die Überzeugung kommt eher aus dem Herzen als aus dem Kopf: "Ganz viel haben sie ja bisher nicht gezeigt, sie sind einfach alt."

Kurz vor dem Anpfiff steigt die Spannung, mittlerweile sind auch die Stehplätze vor Bildschirmen und Leinwand alle besetzt, Jubel bricht los, als die Spieler auf den Rasen laufen. Einer der Franzosen hat sich als Togo-Fan verkleidet, mit schwarz geschminktem Gesicht und Perücke. "Das ist der französische Geist", sagt der junge Mann namens Benjamin, und meint damit, dass er mit seinem Look keinerlei Feindseligkeit seiner Landsleute zu befürchten hat.

Doch an einem solchen Schicksalstag hat auch das Fair-Play seine Grenzen: Als Togos Hymne erklingt, buht und pfeift der ganze Saal. "Siegen oder Sterben", "Die letzte Chance einer Generation" - die französischen Zeitungen hatten keinen Zweifel daran gelassen, dass es an diesem Abend um alles oder nichts ging. An der Inbrunst beim Singen der Marseillaise mangelte es dann auch nicht - wie ein Mann singen die Menschen im Saal das gewalttätige Lied über "das unreine Blut", das die "Ackerfurchen tränken soll". Während die Zuschauer mit der Macht der Verzweiflung ihr Nationallied schmettern, flimmert das feierlich-verstockte Gesicht des Fußball-Idols Michel Platini über den Schirm. Optmismisus und Begeisterung im Saal sind zweifellos größer als auf den französischen Tribünenplätzen.

Auch die Plätze für die Guten und die Bösen sind schon zu Beginn verteilt: Zeigt die Kamera den Torhüter Fabien Barthez, ertönen scharfe Pfiffe, Nationaltrainer Raymond Domenech, der in der Presse für die schlechte Leistung der "Blauen" verantwortlich gemacht wurde, wird gnadenlos ausgebuht. Bejubelt wird dagegen der Newcomer Franck Ribery. Der 23-jährige Mittelfeldspieler aus Marseille mit der riesigen Narbe im Gesicht hatte schließlich vor laufenden Fernsehkameras geweint, als seine Berufung in die Nationalmannschaft bekanntgegeben wurde - und er ist jung, eine Hoffnung für die Zukunft.

Beim Anpfiff braust erneut Jubel auf und der militärische Schwung der Hymne trägt die Stimmung über die ersten Minuten des Spiels - doch nach zahlreichen Angriffen und Torschüssen ohne den erlösenden Treffer macht sich Unruhe breit. "Ich hätte jetzt schon gern ein Tor oder zwei", sagt der 24 Jahre alte Julien. "Die Stimmung ist doch sehr angespannt - sowohl auf dem Spielfeld als auch hier." Mit jedem verpatzten Schuss verbergen mehr Menschen ihre Gesichter in den Händen - wenn "les Bleus" nicht einmal gegen eine Mannschaft wie Togo ein Tor schießen können, dann steht es schlecht. Und nicht nur sportlich gesehen: "Es wäre gut für das Land, wenn Frankreich gewinnt, auch politisch und wirtschaftlich", sagt Céline, die zugibt, dass sie sich aus Fußball eigentlich nichts macht und nur ihren Freund begleitet hat. Ansonsten ist ihr ein Sieg der Franzosen "völlig egal".

Stéphane, der eigentlich so aussieht, als ob er sich gut amüsiere, verlangt "wenigstens ein einziges Scheiß-Tor" - das wäre nämlich bei einem Sieg der Schweiz gegen Südkorea genug um weiterzukommen. "Nur noch das Achtelfinale, damit ich noch einen solchen Fußballabend erleben kann", stöhnt der junge Mann. Doch die Halbzeit kommt und Frankreich ist immer noch nicht erlöst. "Das kann einfach nicht sein", ärgert sich Ivan, "sie hätten doch längst 4:0 führen müssen. Ich bin da sehr abergläubisch, wenn sie es jetzt nicht gepackt haben, dann wird das nichts mehr". Zumal die körperliche Verfassung der Mannschaft, "ihre alten Organismen", wie ein Fernsehreporter nach dem 0:0 gegen die Schweiz meinte, nicht brilliant ist. "Die waren doch schon nach 20 Minuten völlig fertig", urteilt Ivan, "zu einem ordentlichen Pressing nicht mehr in der Lage".

Bei der Rückkehr der Mannschaften fällt der Jubel schon etwas magerer aus - viele Gesichter sind ernst. Fast schon unerwartet fällt dann in der 55. Minute das Tor von Patrick Vieira. Die Zuschauer sind wie erlöst, sie brüllen, sie umarmen sich und sie stimmen spontan erneut die Marseillaise an. Die wirkliche Erlösung kommt schon sechs Minuten später, als Stürmer Thierry Henry nach unzähligen Fehlversuchen endlich das Tor trifft. Die Erleichterung ist greifbar - "na endlich", freut sich Julien, der mit seinem Freund einen Freudentanz aufführt.

Nach dem zweiten Tor heißt es eigentlich nur noch Warten auf den Abpfiff. Als der kommt, braust noch einmal kurz Jubel auf - aber es ist doch mehr Erleichterung über die Ehrenrettung als wirkliche Überzeugung. "Finale Frankreich-Deutschland", ruft Julien und muss dabei selber lachen. Stéphane freut sich auf einen neuerlichen Fußballabend, aber er gesteht: "Gegen Spanien hat diese Mannschaft keine Chance." Vielleicht auch deshalb fahren ein paar hundert Unverdrossene in der Nacht dieses mühseligen Sieges hupend und singend über die Prachtstraße Champs-Élysées. Vielleicht kommt die Gelegenheit nicht wieder.



insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
Pallas, 23.06.2006
1.
Gar nicht. :-)
Lennart Kann, 23.06.2006
2.
Neues Spiel, neues Glueck. Alles ist moeglich und der Erfolg wird ihnen sicher Mut machen. Ich denke, beide Teams koennen gewinnen.
Fußballgourmet 24.06.2006
3.
---Zitat von sysop--- Während Spaniens Stammspieler im letzten Gruppenspiel gegen Saudi-Arabien geschont wurden, mussten die Franzosen hart um den Sieg über Togo kämpfen. Wie wird sich dieser Umstand auf das Achtelfinale zwischen Frankreich und Spanien auswirken? ---Zitatende--- Wenn Frankreich diese Taktik beibehält wird sie Spanien wegpusten...War eins, der intensivsten Spiele dieser WM...beide Mannschaften überzeugten mit exzellenten Tempofußball. Die einen bestimmten das Spiel, die anderen konterten gefährlich...letztlich trotzdem hochverdient. Wenn das das Abschiedsgeschenk an Zidane ist, werden die Franzosen weit kommen!
felipe3664, 24.06.2006
4. Frankreich chancenlos
Frankreich wird gegen Spanien ohne Chance sein. Sicherlich haben die Blauen besser ausgesehen als gegen die Schweiz und Korea, aber der Gegner war diesmal drittklassig, gerade die Abwehrleistung der Togolesen war Lichtjahre von internationalem Format entfernt. Frankreichs Mannschaft ist überaltert und am Ende eines Zyklusses angekommen: Die Spanier beeidnrucken dagegen mit modernem Technikfussball und jugendlicher Dynamik. Deshalb wirds am Dienstagabend heissen: Au Revoir, les Bleus!
Fußballgourmet 24.06.2006
5.
---Zitat von sysop--- Während Spaniens Stammspieler im letzten Gruppenspiel gegen Saudi-Arabien geschont wurden, mussten die Franzosen hart um den Sieg über Togo kämpfen. Wie wird sich dieser Umstand auf das Achtelfinale zwischen Frankreich und Spanien auswirken? ---Zitatende--- Wenn Frankreich diese Taktik beibehält wird sie Spanien wegpusten...War eins, der intensivsten Spiele dieser WM...beide Mannschaften überzeugten mit exzellenten Tempofußball. Die einen bestimmten das Spiel, die anderen konterten gefährlich...letztlich trotzdem hochverdient. Wenn das das Abschiedsgeschenk an Zidane ist, werden die Franzosen weit kommen!
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