Wolfsburg-Stürmer Helmes Winkel oder Tribüne

Im Winter in der Regionalliga, im Sommer fast bei der EM: Wolfsburgs Patrick Helmes schaffte das Comeback des Jahres - jetzt hat er sich das Kreuzband gerissen. Das Magazin "11FREUNDE" über einen Stürmer, der sagt, Toreschießen sei für ihn wie Zähneputzen.

Wolfsburg-Stürmer Helmes: Erst Regionalliga, dann beinahe EM
dapd

Wolfsburg-Stürmer Helmes: Erst Regionalliga, dann beinahe EM


Die Verwandlung dauert keine vier Sekunden. Patrick Helmes trabt locker, die langen Haare von einem Gummiband festgehalten, das Lausbübische steht ihm immer ins Gesicht geschrieben. Dann kommt der Pass aus dem Mittelfeld - eins. Helmes schnellt mit dem Oberkörper nach vorne, schiebt den Körper zwischen Ball und Gegenspieler - zwei.

Er wisse immer schon vor dem Pass, wo er hinschießt, sagt Helmes. Er begutachtet vorher das Tor, fixiert den Keeper und malt sich aus, in welcher Ecke der Ball einschlägt. Ausholen - drei. Immer direkt abschließen, nie warten, hatte ihm sein Vater eingetrichtert. Du bekommst vor dem Tor keine Zeit. Der Oberschenkelmuskel spannt sich, das Bein zuckt nach vorne, der Ball ploppt, als ließe man Unterdruck frei, Halbspannstoß wie so oft, der Ball flattert, das Netz zischt, bevor man bei vier angekommen ist.

Toreschießen, das sei für ihn wie Zähneputzen, hat Helmes einmal dem "Tagesspiegel" gesagt. In den letzten zehn Saisonspielen 2011/2012 traf er zehnmal, insgesamt in 146 Spielen in erster und zweiter Liga 76 Mal. Seine Schusstechnik ist herausragend, die Kombination aus Genauigkeit und Härte sucht ihresgleichen. Und Helmes vertraut ihr, er nimmt auch die Bälle, vor denen andere zurückschrecken. Die, die entweder in den Winkel oder auf die Tribüne gehen.

In Wolfsburg galt er für die kommende Saison als gesetzt - biss er sich vor wenigen Tagen das Kreuzband riss. Der Stürmer wird etwa ein halbes Jahr pausieren müssen, ein weiterer Rückschlag in seiner Karriere.

Helmes ist immer für einen Flachs zu haben

Im vergangenen Winter musste der Wolfsburger Helmes bei den VfL-Amateuren in der vierten Liga trainieren, joggte einsam den Mittellandkanal entlang, in seinem einzigen Spiel flog er vom Platz - wegen Nachtretens. Er landete auf der Tribüne. Im Mai stand er dann kurz davor, zur Europameisterschaft zu fahren. Der Bundestrainer entschied sich zwar für Cacau, schickte aber hinterher, wie sehr ihn die Entwicklung von Helmes erfreue. Vom Jogger zum Torjäger in einem halben Jahr.

"Ganz ehrlich", sagt Helmes: "Die Versetzung zu den Amateuren war das Beste, was mir passieren konnte." Helmes lacht viel. Vor einem Jahr aber, sagt er, habe er den Spaß verloren. "Die Lockerheit war weg, als ich auf der Bank saß." Er zupft sich am Hemdkragen. Die Sprüche, der Flachs, davon reden alte Teamkameraden als Erstes, wenn es um Helmes geht. Es sei wichtig für ihn als Fußballer. Helmes ohne Lockerheit - das wäre so, als würde ein Musiker sein Gehör verlieren. Doch der Grat ist schmal.

"Früher hat er im Trainingsspiel schon mal rumgealbert. Da sind seine Trainer ausgerastet ", erzählt sein Vater Uwe. Von April 2011 an traf Helmes in Wolfsburg auf einen Trainer, der nicht immer für Späße zu haben ist: Felix Magath.

"Helmes hat nie gelernt, defensiv mitzuhelfen"

Der VfL-Coach spricht auf Pressekonferenzen langsam, meist sitzt er fast regungslos da. Er bewegt sich nur, um den Teebeutel ins Glas zu tunken. So auch am 17. November 2011. "Es ist ihm nicht gelungen, seine Spielweise umzustellen. Und deswegen sehe ich auch nicht die Chance, dass ihm das jetzt in der Drucksituation gelingen wird." So begründete Magath seine Entscheidung, Helmes "für die Amateurmannschaft freizustellen".

Bereits zuvor hatte er ihn wegen schlechter Laufleistung zu einer Geldstrafe von 10.000 Euro verdonnert. "Helmes hat nie gelernt, defensiv mitzuhelfen", sagte Magath damals im 11FREUNDE-Interview. Nach 13 Länder- und 84 Bundesligaspielen meldete er sich zum Dienst in der vierten Liga. Es waren zweieinhalb Monate in denen Helmes wieder das Geräusch hörte, nach dem er süchtig ist. Der Ball ploppte, das Netz zischte. Er fand Freunde im Amateurteam, wagte sich mit den jungen Leuten raus aus seinem Hotelzimmer, lernte die Stadt kennen.

"Ich konnte wieder bei null anfangen", sagt Helmes. Seine Motivation sei gewesen, den "Jungs von unten zu zeigen, dass ich Profi bin". Und das Wichtigste: "Plötzlich war der Spaß am Kicken wieder da." Er wollte zu Eintracht Frankfurt wechseln, doch der Transfer platzte am letzten Tag der Transferperiode, weil sich die Vereine nicht auf eine Ablösesumme einigen konnten.

Einen Tag später, am 1. Februar, durfte Helmes immerhin wieder bei den Profis mittrainieren. Woche für Woche kam er mehr in Tritt, gewöhnte sich an das Tempo von "oben". Und am 25. Februar teilte Magath ihm in der Besprechung vor dem Spiel gegen Hoffenheim mit, dass er wieder in der Startelf stehen werde - vier Monate nach seinem letzten Bundesligaspiel.

70 Minuten sind im Spiel vorbei, Wolfsburg quält sich und liegt 0:1 zurück. Da bekommt das Team einen Elfmeter zugesprochen. Und es ist Patrick Helmes, der zum Punkt geht. So, als wäre er nie weg gewesen. Seine Erklärung: "Ich denke nicht groß nach. Ich nehm' mir den Ball und schieß ihn rein." In den folgenden Wochen trifft er per Kopf, mit links, mit rechts - zehn Tore in zehn Spielen. Felix Magath sagt: "Es gibt nicht die Absicht, Patrick abzugeben. Er hat einen Vertrag bis 2014."

Lesen Sie im zweiten Teil, wie Helmes einst beim 1. FC Köln aussortiert wurde und vor dem Karriereende stand.

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