Paul Gascoignes Absturz Der Star, der alles hatte - und alles verlor

Er war Englands Fußballidol - jetzt ist Paul Gascoigne alkoholkrank, ein Fall für den Boulevard, ein Schatten seiner selbst. Seine Schwester sorgt sich, ob "Gazza" ihre Hochzeit im Oktober noch erlebt. "11 FREUNDE"-Autor Matthias Paskowsky über den Absturz eines Superstars.

Im Stadio delle Alpi von Turin ist an diesem Juliabend 1990 die Spannung mit Händen zu greifen. England streitet mit Deutschland um den Einzug ins Finale der Weltmeisterschaft. Suchend blickt Gary Lineker zur Bank und formt lautlos die Worte "Auf den musst du jetzt aufpassen", während er Trainer Bobby Robson klar macht, dass die Nerven seines Mittelfeldmotors blank liegen. Paul Gascoigne ist soeben für ein Foul an Thomas Berthold verwarnt worden. Es ist seine zweite Gelbe Karte in diesem Turnier.

Paul Gascoigne wird klar, dass er kein Finale spielen wird. Die großen Ferien neigen sich ihrem Ende zu. "Es machte ihn einfach verrückt", erinnerte sich Lineker später. Millionen erlebten mit, wie Gascoigne die Vorstellung zerfraß, wie er um Fassung rang, dann trotzig zurück ins Spiel trabte und am Ende nach der 4:5-Niederlage im Elfmeterschießen wie ein kleiner Junge hemmungslos in sein weißes Englandshirt heulte.

18 Jahre später scheint es, als hätte jemand Gary Linekers Aufforderung nachkommen sollen, als hätte jemand Paul Gascoigne bei der Hand nehmen müssen. Denn der Mann, der damals als "Gazza" euphorisch auf der Insel empfangen wurde und mit seinem Spiel, seinen Emotionen und Possen die Renaissance des englischen Fußballs einleitete, ist zu einem Gespenst geworden.

Heute taucht seine ausgemergelte Gestalt in unregelmäßigen Abständen irgendwo auf der Achse London–Newcastle aus dem Nichts auf, um mit immer neuen Idiotien in der Regenbogenpresse zu landen. Ein Foto zeigt ihn, wie er frühmorgens durch die Straßen seines Heimatortes schlurft. An einem Arm baumelt eine weitgeöffnete Reisetasche, die den Blick auf ein Handtuch, eine Flasche Gin und ein Sparschwein freigibt. Er ist in diesem Jahr schon zweimal in die Psychiatrie eingewiesen worden.

Paul Gascoigne ist wahnsinnig. Dabei waren einmal alle verrückt nach ihm. "Gazzamania" hat der Rummel um den Sohn eines Hilfsarbeiters aus dem nordenglischen Dunston vor den Toren Newcastles geheißen. Geblieben ist nur die Manie. Und die Frage, an welcher Stelle Paul Gascoignes Leben aus den Fugen geraten ist.

Die Erkenntnis, dass auf seinen Lebenslauf ein roter Aufkleber mit der Aufschrift "zerbrechlich" gehört, ist nicht neu. Selbst Glenn Hoddle, der für eine Handvoll von Gascoignes 57 Länderspielen sein Nationaltrainer war, hat einmal gedacht, ihm helfen zu müssen - dabei verband die beiden mehr Hass als Liebe. Ein Besuch bei der Geistheilerin Eileen sollte es richten. Hoddles Idee war naiv. Der Trainer hätte Gascoigne damals besser mit zur WM nach Frankreich genommen, um der Stimmung im Team willen und der Auflockerung einer extrem angespannten Elf um den überforderten Jungstar David Beckham.

Beckham war es auch, der Gascoigne als primäre England-Ikone beerbte, auch wenn das Fußballvolk den beiden völlig unterschiedliche Emotionen entgegenbrachte. Während die Fans für Gazza noch ein Gefühl der Zugehörigkeit, der Eigentümerschaft über diesen urenglischen Jungen empfanden, wurde Beckham zur sterilen Kunstfigur. War der eine noch der Kuschelteddy der Nation, so ließ sich die Beliebtheit seines Nachfolgers eher mit dem Nutzwert der neuesten Spielkonsole vergleichen.

Die Suche nach der Ursache für Gascoignes Absturz ist nicht einfach. Sie verleitet zu vorschnellen Schlüssen, für die Gascoignes Vita reichlich Stoff bietet: Das Kind aus armen Verhältnissen, das an zu viel Geld und Ruhm und schließlich am Abschied von beidem zerbricht. Paul Gascoigne ist mit mehr Diagnosen etikettiert worden als ein Supermodel: manische Depression, Essstörungen, Zwangshandlungen aller Art, Suchtprobleme und Angstzustände.

Wirklich schwierig wird die Suche nach der Wahrheit dadurch, dass er selbst nicht ansprechbar ist und niemand mehr über ihn sprechen möchte. "Gazza is a Goner" – Gazza ist Geschichte – ist noch das Beste, was zu hören ist. Das Meinungsbild der Straße schwankt zwischen Mitleid und der Hab-ich-doch-gesagt-Abscheu über den Fußballmillionär, der alles gehabt und wieder weggeworfen hat.

Jene, die Paul Gascoigne persönlich kennen, die mit ihm gearbeitet haben und die ihn immer Paul und nie "Gazza" nennen würden, reden nicht gerne. Sie leiden mit der gequälten Seele, von der sie glauben, dass man ihr nur noch mit Schweigen helfen kann. Überall ist die Angst zu spüren, dem nie zu stillenden Appetit des Boulevards an Gascoignes Elend noch mehr Futter zu geben. Sogar in Gascoignes Geburtsort Dunston ist es schwer, Menschen zu treffen, die den echten Paul John Gascoigne kennen und die bei der Suche nach den Ursachen seines Martyriums helfen können.

Der Redheugh Boys Club - Ausgangspunkt von Gascoignes Karriere

Einer von ihnen saß bei jenem WM-Halbfinale gegen Deutschland zu Hause vor dem Fernseher. Als Terry Ritson die Gelbe Karte für Gascoigne sah, sprang er wütend auf. "Das war's! Ich guck mir das Finale nicht an, ob wir es schaffen oder nicht." Ritson war Paul Gascoignes Trainer beim Redheugh Boys Club. Er kennt ihn seit der Kindheit, vier Jahre lang trainierte er den späteren Weltstar in einer Phase, als aus dem ballverliebten Dickerchen ein Lehrling bei Newcastle United wurde.

Ritson kann sich noch genau an den Moment erinnern, als ihm dämmerte, dass Gascoigne ein besonderer Spieler war. "Wir spielten gegen Cleveland Hall. Die waren viel größer und bulliger als meine Jungs. Der Platz sah aus wie eine Schweinefarm, wir standen knöcheltief im Matsch. Doch so sehr sie Paul auch tackelten und in die Zange nahmen, er klebte einfach am Ball und spielte die richtigen Pässe. Seine absolute Entschlossenheit hat mich beeindruckt. Gute Spieler hatten wir viele. Er aber hatte dieses Extra an sich, das man für ganz oben braucht."

Ritson weiß, wovon er redet. Der Redheugh Boys Club hat keine feine Postanschrift. Der hauptberufliche Physiotherapeut Ritson spricht über seinen berühmten Schützling wie über einen kleinen Jungen. Immer wieder kommen Spieler herein, um sich Termine für eine Behandlung geben zu lassen. Der Ton ist freundschaftlich, keiner geht ohne einen Witz oder ein gutes Wort. Redheugh macht Spaß, trotz der klaren Regeln. "Bei uns ist Fluchen und Rauchen verboten", sagt Ritson.

Paul Gascoigne ist nicht gerade für seine guten Manieren bekannt. Seine medial dokumentierten Entgleisungen reichten von Rülpsern bis hin zu einem herzhaften "Fuck off" als Kommentar zum nächsten Länderspielgegner Norwegen. Ritson runzelt die Stirn. "Ich weiß. Aber Paul hat nichts Schlechtes in sich. Er ist einfach ein Lausbub, hat immer Streiche gemacht und sich nie um die Konsequenzen geschert. Einmal hab' ich ihn vor einem Spiel mit dem Auto abgeholt, und er war vor den anderen in der Kabine. Da hat er alle Schuhe miteinander vertauscht und sich dann über die Sucherei der anderen totgelacht. Wir konnten das Spiel erst eine halbe Stunde später beginnen."

Es war der kleine Junge in Gascoigne, der ihn zu einem großen Spieler gemacht hat. Vor dem WM-Halbfinale gegen Deutschland war er kaum Herr über seine Vorfreude. Während seine Mitspieler bei der Hymne konzentriert und sinnschwer vor sich hinstarrten, lachte Gascoigne von einem Ohr zum anderen, wie ein Kind vor dem reichgedeckten Geburtstagstisch.

Der langweilige Fehlervermeidungsfußball von heute, mit dem sich England nicht für die EM in diesem Jahr qualifizieren konnte, war ihm fremd. Seine größten Tore waren das Produkt aus Mut, Entschlossenheit, Technik und einem gehörigen Schuss kindlicher Unbefangenheit. Mit diesem Mix kam er bei der EM 1996 zu einem Treffer gegen Schottland, der später in einer Umfrage zum englischen "Tor des Jahrhunderts" gekürt wurde. Auch Platz drei ging an Gascoigne. "Von da wird er es nicht direkt probieren", konnte der Kommentator des FA-Cup-Halbfinales 1991 zwischen Arsenal und den Spurs noch sagen, bevor Gascoigne seinem Nationalmannschaftskollegen David Seaman aus 35 Metern einen Freistoß in den rechten Winkel einschenkte.

Ein Leben in Hotels und Krankenhäusern

Ebenso unvergessen blieb das Interview nach dem Spiel, in dem er seiner Euphorie freien Lauf ließ: "Glücklich. Klar bin ich glücklich. Letzte Nacht konnte ich nicht schlafen... Jetzt werd' ich mir erst mal einen Anzug fürs Finale schneidern lassen."

Mit der Nachtruhe war es immer so eine Sache. Schon 1990 wurde die Schlaflosigkeit Gascoignes aktenkundig. In seiner Biografie beschreibt er, wie er in der Nacht vor dem Deutschland-Spiel auf der Suche nach Zerstreuung durchs Hotel pilgerte und zur Entspannung gegen zwei Amerikaner im Tennis antrat, sehr zum Ärger seines Trainers Bobby Robson. Sein Leben, so schreibt er weiter, habe sich oft in Hotels und Krankenhäusern abgespielt. Dort gibt es immer Betrieb, feste Fahrpläne, einen Rhythmus und vor allem Menschen, deren Gesellschaft Paul Gascoigne von sich selbst befreit.

Einen Ort hat er in seiner Aufzählung vergessen: Taxis. Wer die banalen Geschichten über ihn hören möchte, über Messer, über Casinobesuche, den Umgang mit Geld oder seine Trink- und Drogengewohnheiten, der muss die Taxifahrer von Dunston Taxis in der Ravensworth Road fragen. Einer von ihnen ist Paul Keenan.

Keenan ist ein Altersgenosse seines Namensvetters und kennt Gascoigne seit Ewigkeiten. Überdies trainiert er in seiner Freizeit die U17 der Redheugh Boys. Der Fußballspieler Paul Gascoigne war einmal sein Idol, sagt Keenan. Jetzt macht ihm Gascoigne nur noch Sorgen. "Das letzte Mal habe ich ihn vor ein paar Monaten morgens um halb neun in der Apotheke getroffen. Er sah schlimm aus. Die Apothekerin hatte keine Ahnung, wer er war. Ich wünschte, es würde ihm besser gehen und Jimmy 'Five Bellies' hätte statt seiner diese Probleme."

Jimmy "Five Bellies" Gardner war über viele Jahre hinweg der berühmte Sancho Pansa von Paul Gascoigne. Es war eine Schuljungenfreundschaft weit jenseits ihres natürlichen Verfallsdatums, die ihr Vertrauen aus den gemeinsamen Wurzeln zog und deren zentrales Anliegen darin bestand, gemeinsam die Zeit totzuschlagen. Wie weit die finanziell motivierte Selbstaufgabe Gardners dabei ging, zeigt die Feuerzeugepisode aus Gascoignes Biografie. Wenn Gardner fünf Sekunden lang eine Feuerzeugflamme unter seiner Nase ertragen würde, versprach Gascoigne ihm 500 Pfund. Der tat es, zweimal, für einen Tausender. Gardner hat im Zirkus um seinen berühmten Kompagnon eine unterhaltsame und daher gut dokumentierte Nebenrolle gespielt. Die Rolle des Aufpassers, die Gary Lineker in jenem Halbfinale 1990 ausgeschrieben hatte, war um einige Nummern zu groß für ihn.

Lesen Sie am Dienstag im zweiten Teil: Welche Rolle Fußball für den jungen Paul Gascoigne spielte und wie seine Profikarriere einen unheilvollen Verlauf nahm