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01. Juli 2000, 12:43 Uhr

Pele

"Deutschland war die schlechteste Mannschaft"

In einem Interview zieht die brasilianische Fußballlegende ein erstes EM-Fazit. Wenig verwunderlich, dass das Abschneiden der DFB-Auswahl dabei keine guten Noten bekommt.

Pele: "Das Ausscheiden war keine Überraschung"
AFP

Pele: "Das Ausscheiden war keine Überraschung"

Pele, wie hat Ihnen die EM gefallen?

Pele

: Es war sicherlich die offensivste Europameisterschaft seit vielen Jahren. Es hat mehr Angriffsfußball gegeben - sieht man einmal von Italien ab. Das Turnier hat mich an die EM 1984 in Frankreich erinnert. Die EM '92 in Schweden war vom Defensivfußball geprägt, die EM '96 in England stand technisch auf einem sehr niedrigen Niveau. Das konnte man diesmal wirklich nicht behaupten.

Sind die Favoriten ihrer Rolle gerecht geworden?

Pele: Ich habe vor einem halben Jahr auf vier Mannschaften gesetzt, von denen nur Spanien nicht den Einzug ins Halbfinale geschafft hat. Italien hatte ich nicht auf der Rechnung.

Stimmen Sie mit denen überein, die den italienischen Fußball als destruktiv bezeichnen?

Pele: Italiens Fußball verbreitet keine Freude. Sie spielen auf Konter und suchen ihr Glück bei ruhenden Bällen. Das ist ihre Tradition, ihre Ausbildung. Jeder muss mit dem Material arbeiten, das er hat. Dino Zoff hat das Glück, mit Nesta und Cannavaro zwei exzellente Fußballer gefunden zu haben, die für die Defensive unglaublich wichtig sind. Ich will Italiens Spielweise nicht verurteilen, aber es ist klar, dass ich einen anderen Fußball bevorzuge. Für den Sport, für das Spektakel ist es immer besser, wenn ein Spiel vom Angriffsfußball geprägt ist.

Was war die größte Negativ-Überraschung?

Pele: Das Ausscheiden Spaniens. Die Spanier sind vergleichbar mit Kolumbien in Südamerika, die immer einen guten Fußball spielen, aber in bedeutenden Turnieren immer ausscheiden. Das muss psychologische Gründe haben. Ich kann es mir jedenfalls nicht erklären, denn bis vor einem halben Jahr war Spanien für mich die beste Mannschaft Europas.

Sind Sie auch von der deutschen Mannschaft enttäuscht?

Pele: Ja, aber das Ausscheiden war keine Überraschung. Bereits vor einem halben Jahr habe ich in einer Kolumne für meinen Sponsor Eurocard-Mastercard prophezeit, dass Deutschland über die Vorrunde nicht hinauskommen würde. Sie haben immer noch das gleiche Problem, sie haben keine neuen Talente. Es gibt keine Erneuerung. In den letzten acht Jahren ist nicht ein einziger zukunftsträchtiger deutscher Spieler hervorgekommen. Schon bei der WM hat Deutschland nicht gut gespielt, bei dieser EM aber war Deutschland unter den großen Fußball-Nationen die schlechteste Mannschaft.

Hatte Lothar Matthäus einen würdigeren Abschied verdient?

Pele: Einerseits ja. Man muss aber auch anerkennen, dass es eine Auszeichnung ist, mit fast 40 Jahren noch immer einer der besten deutschen Spieler zu sein.

Wer waren die Stars dieser EM?

Pele: Luis Figo aus Portugal, der von seiner Spielweise her fast Brasilianer ist. Edgar Davids ist ein Spieler, der mir unglaublich gefällt, weil er physisch stark ist und kämpft. Auch Raul hat gut gespielt. Aber die Figur der EM schlechthin ist Zinedine Zidane. Er hat mehr als alle anderen das gewisse Etwas. Er ist noch stärker als bei der WM 1998, und das hat einen Grund. 1998 hatte er gerade einmal ein Jahr in Italien hinter sich. Die italienische Liga macht Dich stärker - und reifer. Dort zu bestehen, ist weit schwieriger als in Frankreich.

Muss man ihn langsam in den Kreis der besten Spieler aller Zeiten aufnehmen, wie Pele, Cruyff, Beckenbauer und Maradona?

Pele: Den einzigen Unterschied, den ich zwischen ihm und all jenen Spielern sehe, die in die Geschichte eingegangen sind - auch Puskas, Di Stefano, Platini und Bobby Charlton gehören dazu - ist: Diese Spieler haben 15 Jahre auf Top-Niveau gespielt. Zidane ist erst seit zwei Jahren auf diesem Level.

Was erwarten Sie vom Finale Italien gegen Frankreich?

Pele: Es ist ein Aufeinandertreffen von völlig unterschiedlichen Schulen. Frankreich ist noch stärker als bei der WM, es ähnelt von der Anlage her den Niederländern, aber sie legen mehr Wert auf ihr defensives System.

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