Guardiola bei Manchester City Lost in Translation

Die Meisterschaft? Futsch! Nach der höchsten Pleite seiner Karriere steckt Josep Guardiola mit Manchester City in der Krise. Der Trainer hadert mit der Chancenverwertung. Doch die Probleme liegen woanders.

Josep Guardiola
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Als er vor einem Monat danach gefragt wurde, welches Saisonziel das wichtigste für ihn sei, sagte Josep Guardiola das, was Josep Guardiola bei solchen Fragen immer zu sagen pflegt. Einen Titel zu gewinnen, das wäre schön und gut, aber entscheidend sei, wie seine Mannschaft spiele. "Wirklich frustrierend wäre es, wenn das Team am Saisonende nicht verstanden hätte, welchen Fußball ich mir vorstelle", sagte der 45-Jährige.

Pep Guardiola gilt als einer der besten Trainer der Welt, in seinen sieben Spielzeiten als Chefcoach in Barcelona und München gewann er 21 Titel. Nun arbeitet er in England bei Manchester City, wo er die erste Krise seiner Trainerkarriere erlebt. Am Sonntag verlor City 0:4 in Everton, es war, neben dem 0:4 gegen Madrid 2014, die höchste Niederlage in Guardiolas Laufbahn. Hinterher gab er den Titelkampf auf, die zehn Punkte Rückstand auf Tabellenführer Chelsea seien nicht mehr aufzuholen.

Doch eine titellose Saison wäre nicht das Worst-Case-Szenario für Manchester. In der Premier League ist das Niveau an der Spitze so hoch wie selten, Chelsea, Tottenham und Liverpool wirken zu stabil, als dass man ihnen einen schweren Einbruch zutrauen könnte. Wenn es schlecht läuft, verpasst City die Qualifikation für die Champions League.

"Mental schwierig"

"Wir verlieren unter Umständen, die ich nicht kontrollieren kann", sagte Guardiola nach der Everton-Pleite. "Der Gegner kommt das erste Mal nach vorne und trifft, nachdem wir eine Menge Chancen vergeben haben. Das ist mental schwierig."

Tatsächlich taugt die Chancenverwertung als Erklärungsansatz für Platz fünf. Gegen Everton etwa hatten Sergio Agüero, Raheem Sterling und David Silva Gelegenheiten aufs 1:0 ungenutzt gelassen, ehe Romelu Lukaku für Everton traf (34. Minute). Noch frappierender verlief das Top-Spiel gegen Chelsea am 14. Spieltag, als City beim Stand von 1:0 drei Hochkaräter vergab und dann implodierte.

Warum bricht die Mannschaft nach Rückstand regelmäßig ein?
Und warum ist es seit Wochen so einfach, gegen Manchester Tore zu schießen?

Es ist bemerkenswert, dass der Taktiker Guardiola mentale Gründe für die Krise anführt. Womöglich spürt er, dass die Mannschaft seine markante Spielweise, die auf hohem Pressing, langen Ballbesitzphasen und schnellen Rückeroberungen nach Ballverlust beruht, noch nicht angenommen hat.

Der Kader? Zu alt, zu schlecht

Zwar muss City immer wieder Ausfälle von Schlüsselspielern verkraften. So stand Abwehrchef Vincent Kompany bislang nur in drei Premier-League-Partien auf dem Platz, auch das Fehlen von BVB-Zugang Ilkay Gündogan wiegt schwer, denn kein anderer Sechser ist so gut geeignet für Guardiolas Stil.

Und selbst wenn alle fit wären, hätte City keinen optimalen Kader zusammen. Zu viele Profis, die das Potenzial zum Stammspieler haben, sind 30 Jahre oder älter. In der Außenverteidigung, im Tor und Abwehrzentrum sind die direkten Konkurrenten besser besetzt. Daraus ergeben sich individuelle Fehler, die zu Gegentoren führen. Gegen Everton ebnete ein Ballverlust von Gaël Clichy den Weg zum 0:1, vor dem 0:4 scheiterte John Stones an der Aufgabe, den Ball ins Aus zu schießen.

Doch es gibt auch strukturelle Probleme, die mindestens ebenso schwer wiegen. Sie führen dazu, dass City allzu einfach ausgespielt wird.

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In München wie in Barcelona gehörte es stets zu Guardiolas Credo, dass die richtige Organisation Spiele entscheidet. Erst wenn das Fundament stimmte, sollte versucht werden, ein Tor zu schießen. Die entscheidende Frage lautet nun, warum es ihm in England nicht gelingt, seine Mannschaft den eigenen Wünschen entsprechend zu ordnen.

Weil die Premier League anders ist, zügelloser, offensiver? Dagegen spricht, dass Jürgen Klopp in Liverpool, Antonio Conte in Chelsea und Mauricio Pochettino in Tottenham erfolgreich sind, obwohl sie ihren Spielern taktisch sehr viel abverlangen.

Der neuen Mannschaft seine Idee von Fußball zu vermitteln, das war, als würde man jemanden eine unbekannte Sprache lehren - so wird Guardiola im Buch "Herr Guardiola" über seine Anfänge in Deutschland zitiert. Es heißt dort auch, dass das Trainerteam damals in Sorge war, es könne die Mannschaft mit seinen Taktikvorgaben überfrachten.

Aktuelle Aussagen gehen in eine ähnliche Richtung. "I have to adapt", sagt Guardiola im Wochentakt, er müsse sich anpassen, an die englische Härte, den Rhythmus der Premier League. Ob das schnell genug gelingt, um Frust am Saisonende zu vermeiden?



insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
klogschieter 16.01.2017
1. Anpassung
Die ist genau Guardiolas Problem. Das war sie schon bei den Bayern. Er hat halt eine sehrsehr festgefügte Vorstellung von den Fußball, den er sehen möchte, und Flexibilität auch innerhalb eines laufenden Spiels sind immer nur Varianten dieser Vorstellung. Dazu gehört auch, dass er die eingesetzten Spieler als Funktionsträger versteht, die innerhalb seiner Vorstellung von Fußball zu funktionieren haben. Dass er beispielsweise mit Ibrahimovic nicht viel anfangen konnte, kann durchaus damit zu tun haben, dass der eben als unberechenbarer Individualist unterwegs ist, der sich in keine, auch nicht in Guardiolas Edelschablone, einfügen lässt. Ergebnis ist ein steriler Hochglanzfußball, der solange, also immerhin meistens, klappt, wie keine Unvorhersehbarkeiten passieren. Blöd nur, dass der Fußball, oder pathetischer formuliert: der Geist des Fußballs sich seine erratische Unvorhersehbarkeit nicht nehmen lässt, wenigstens nicht vollständig. Im Grunde scheitert dieser Trainer, so gut er ganz bestimmt ist, nicht zuletzt daran, dass er die vollkommende Ästhetisierung des Fußballs anstrebt, ohne die Ästhetik des Fußballs wirklich verstanden zu haben. Die hat nämlich was mit offensichtlicher Hässlichkeit zu tun, mit Dreck und Unplanbarkeit. Darum finde ich Guardiolas Fußball auch so hässlich: Weil er die Hässlichkeit verbannen möchte. Seinem alten und ewigen Antagonisten Mourinho kann man vieles vorwerfen, aber nicht, dass er das nicht verstanden hätte. Darum kommt der auch mit einem Exzentriker wie Ibrahimovic zurecht.
philemajo 16.01.2017
2. Kader schlecht besetzt?!?
Soll das ein Scherz sein? Es ist mir klar, dass in der dekadenten Premier League andere Maßstäbe gelten. Aber ein Verein von diesem Format kann einige Lamentos anbringen, aber einen schlechten Kader kann ich hier nicht erkennen ... Da gibt es Trainer, die aus weniger Spielerqualität deutlich mehr Team herausgeholt haben!
schwaebischehausfrau 16.01.2017
3. Keine Überraschung....
Mit ManCity passiert Guardiola exakt das Gleiche, was ihm mit Bayern regelmässig gegen schnelle, konterstarke Top-Mannschaften widerfahren ist: Die Abwehr steht bei Guardiola extrem hoch und wird dann bei gegnerischen Kontern überlaufen. Bei Bayern war das regelmässig zu sehen in der CL ab Viertelfinale (und ganz brutal in den Halbfinal-Klatschen gegen Real und Barca) und gegen die wenigen verbliebenen Bundesliga-Teams auf internationalem Niveau. Das normale wöchentliche Bundesliga-Fallobst wie Darmstadt, Hamburg, Hannover etc. war zu schwach, um diese Defizite von Guardiola's System zu nutzen. In der Premier League ist das Niveau zur Zeit sicher 1 Level höher (zumindest bis Platz 10) und da verliert Guardiola eben auch in der Liga öfter. Glaube nicht, dass er in England Meister wird, aber für die CL wird's wohl reichen - dazu ist sein Luxus-Kader einfach zu stark.
GustavNeufeld 16.01.2017
4.
Guardiola ist mit der beste Trainer weltweit und ich hege keinen Zweifel, dass er ManCity zu einem absoluten Spitzenteam zu formen. Momentan muss er ausbaden, dass jahrelang hirn- und konzeptlos Spieler verpflichtet wurden.
ralle58 16.01.2017
5. Herr Guardiola
ist so ein Luxus-Trainer, der niemals etwa einen normalen Zweitligisten in die Bundesliga bringen könnte. Das unterscheidet ihn von Trainern wie Kopp.
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