Bei Pep Guardiola auf der Bank "Ich traute mich kaum zu atmen"

Er war ganz dicht dran: Der Journalist Martí Perarnau hat ein Buch über Bayern-Trainer Pep Guardiola geschrieben, ein Jahr lang durfte er ins Allerheiligste des FC-Bayern.
Von Isaac Lluch
Trainer Guardiola (r.), Autor Perarnau: "Er ist ein guter Kerl"

Trainer Guardiola (r.), Autor Perarnau: "Er ist ein guter Kerl"

Foto: Loles Vives

SPIEGEL ONLINE: Das Buch "Herr Guardiola" ist das erste, für das Josep Guardiola einem Journalisten gestattete, seinen Arbeitsalltag zu begleiten. Wie haben Sie das geschafft?

Perarnau: An dem Tag, an dem bekannt wurde, dass Guardiola neuer Bayern-Trainer wird, rief ich die Person aus seinem Umfeld an, mit der ich seit langen Jahren befreundet bin: seinen Vertrauten Manel Estiarte. Ich gratulierte ihm und erzählte, dass ich ein Buch über die Verbindung zweier bedeutenden Kräfte schreiben wollte, Pep und die Bayern. Im Trainingslager in Trentino entschieden die beiden, dass es ein guter Moment sei, eine Ausnahme von ihren Prinzipien zu machen. Sie ermöglichten mir einen Blick hinter die Kulissen, einen Bereich, den sie sonst strikt verteidigen.

SPIEGEL ONLINE: Warum war es ein guter Moment?

Perarnau: Weil Guardiola nicht mehr beim FC Barcelona war. Er hatte das Sabbatjahr in New York hinter sich, in dem er aus der Distanz hatte sehen können, wie seine Arbeit geschätzt wurde. Ich habe an seine Tür geklopft, als er bereit war, sie zu öffnen.

SPIEGEL ONLINE: Aber wenn jemand anderes angeklopft hätte, hätte er ihm nicht geöffnet, oder?


Martí Perarnau, geboren 1955 in Barcelona, ist ehemaliger Leistungssportler. 1980 nahm er als Hochspringer an den Olympischen Spielen in Moskau teil. Als Sportjournalist arbeitete er bei verschiedenen Tageszeitungen in Barcelona. 1992 leitete er das Pressezentrum der Olympischen Spiele in Barcelona. Heute betreibt Perarnau ein Sport-Blog und ist Inhaber einer Werbeagentur. Am 28. August erscheint sein Buch "Herr Guardiola", für das er Bayern-Trainer Josep Guardiola und dessen Team ein Jahr lang intensiv begleitete.


Perarnau: Möglich. Pep und ich kannten uns von meinem vorangegangenen Buch über Barcelonas Fußballschule La Masia, wir hatten schon einen guten Kontakt. Zudem genoss ich das Vertrauen von Estiarte. Mit ihm hatte ich 1980 gemeinsam an den Olympischen Spielen in Moskau teilgenommen, er als Wasserballer, ich als Hochspringer. Trotz dieser Voraussetzungen wusste ich nicht, ob meine Idee überhaupt funktionieren würde.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat denn der sonst so verschlossene FC Bayern auf Ihr Vorhaben reagiert?

Perarnau: Weil der Trainer das Projekt abgesegnet hatte, unterstützte es der Verein ohne Einwände. Ich war aber auch darum bemüht, zu zeigen, dass ich mich damit nicht profilieren wollte oder interne Informationen direkt an die Öffentlichkeit weitertrage. Bayern München hat mir für die Publikation des Buches deshalb keine Bedingungen auferlegt.

SPIEGEL ONLINE: Sie durften an Trainings teilnehmen, zu denen sonst kein Journalist Zugang hatte. Haben Sie sich nicht wie ein Fremdkörper gefühlt?

Perarnau: Doch, ziemlich. Ich bin eher schüchtern, ich wollte niemanden stören. Das hat mich gestresst. Denn keiner sollte sich durch mich irgendwie befangen fühlen. Beim ersten Training, an dem ich anwesend sein durfte, saß ich auf der Bank neben Bastian Schweinsteiger und Matthias Sammer. Das war ein absoluter Schock. Ich habe mich kaum getraut zu atmen.

SPIEGEL ONLINE: Wurde das irgendwann besser?

Perarnau: Ja, indem ich versuchte, mich in die Struktur des FC Bayern einzufügen. Während der Trainings habe ich nie einen Notizblock oder eine Kamera hervorgeholt, sondern bin im Anschluss immer schnell ins Hotel gefahren, um all meine Eindrücke aufzuschreiben.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie überrascht?

Perarnau: Einmal wurde ich Zeuge, wie Guardiola, ganz in seinem Element, wild vor seinem Trainerstab gestikulierte und etwas auf Katalanisch erklärte. Die meisten von ihnen sind ja Landsleute aus Katalonien. Plötzlich mischte sich Sammer in die Diskussion ein und stimmte Pep zu. Wer hätte gedacht, dass er Katalanisch versteht?

SPIEGEL ONLINE: Welche Episode ist Ihnen am eindrücklichsten im Gedächtnis geblieben?

Perarnau: Ich erinnere mich besonders an eine Situation in der Vorbereitung zum Pokalspiel gegen Augsburg im Dezember. Guardiola kam an einem Feiertag an die Säbener Straße, um eine Trainingseinheit vorzubereiten. Er baute Hütchen für einen Parcours auf, dann missfiel ihm seine Idee und er baute alles wieder um. Nach der Trainingseinheit war er mit dem Ergebnis unzufrieden, also verwarf er seinen ursprünglichen Plan für die Partie gegen Augsburg. Viel später und in einem völlig anderen Kontext kramte er jene taktische Idee aber wieder hervor - diesmal mit Erfolg.

SPIEGEL ONLINE: Erzählen Sie mehr!

Perarnau: Vor den Spielen ist Pep sehr zurückgezogen und darauf konzentriert, wie er die Partie gestalten und lenken kann. Doch danach ist er wie ein Hurrikan, ein Wirbelwind, der ununterbrochen spricht und aus dem all das hervorsprudelt, was er zuvor unter Verschluss gehalten hat. Es ist, als durchlebe er das Spiel und das, was er und seine Mannschaft gut oder schlecht gemacht haben, noch einmal.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie in den Monaten etwas Neues an Guardiola entdecken können?

Perarnau: Ich habe ihn nun in vielen Situationen erlebt und kann deshalb sagen: Er ist ein guter Kerl, sowohl im Umgang mit seinen Spielern, als auch mit seinen Chefs und seinen Fans.

Anzeige

Martí Perarnau:
Herr Guardiola

Das erste Jahr mit Bayern München.

Kunstmann; September 2014; 320 Seiten; gebunden; 19,95 Euro.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.