Guardiolas Aus in der Champions League Die Schrecken der Schönheit

In einem denkwürdigen Spiel ist Manchester City gegen Tottenham aus der Champions League ausgeschieden. Pep Guardiolas Ruhm auf internationaler Bühne verblasst. Geht jetzt auch eine weitere Titelchance verloren?

Pep Guardiola wartet seit 2011 auf den Gewinn der Champions League
Martin Rickett / DPA

Pep Guardiola wartet seit 2011 auf den Gewinn der Champions League

Von , Manchester


Das Viertelfinal-Rückspiel der Champions League zwischen Manchester City und Tottenham Hotspur war ein atemberaubendes, irrsinniges und am Ende dramatisches Stück Fußballgeschichte.

4:3 (3:2) gewann die Mannschaft von Trainer Pep Guardiola, doch der Sieg war eine Niederlage. Er fiel einen Treffer zu niedrig aus nach dem 0:1 im Hinspiel. Manchester City ist raus, Tottenham steht im Halbfinale der Königsklasse und trifft dort auf Ajax Amsterdam (1. und 8. Mai). Die Entscheidung wurde durch einen doppelten Videobeweis in der Schlussphase herbeigeführt.

Schiedsrichter Cüneyt Çakr gab Tottenhams dritten Treffer durch Fernando Llorente in der 73. Minute erst nach Ansicht der Bewegtbilder. "Ich bin ein Befürworter des Videoassistenten, aber vielleicht war Llorentes Tor aus einem Blickwinkel Hand", ärgerte sich Guardiola. In der Nachspielzeit versagte Çakr einem Tor von Raheem Sterling die Anerkennung - wieder durch Mithilfe des Videoassistenten. "Ich bin für faire Entscheidungen. Wenn es Abseits ist, ist es Abseits", kommentierte Guardiola diese Entscheidung. Der Treffer hätte ihn und City ins Halbfinale gebracht. So aber starb der Jubel im Stadion, und es blieb nur das Gefühl, dass es wieder einmal nicht gereicht hat.

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Manchesters Ausscheiden gegen Tottenham: Die Leiden des Pep G.

"Es ist grausam. Aber wir müssen es akzeptieren. Es war ein schönes Spiel für alle", sagte Guardiola. Schönheit und Schrecken liegen manchmal dicht beieinander. Es kann sogar vorkommen, dass schöne Dinge schrecklich sind und schreckliche Dinge schön.

Schön war das Spiel für die Zuschauer. Sie durften einer Veranstaltung beiwohnen, von der sie vermutlich noch ihren Enkeln erzählen werden. Durch die schnellsten vier Tore in der Geschichte der Champions League stand es schon in der elften Minute 2:2. Die Begegnung war geprägt von chaotischen Zuständen in beiden Abwehrreihen und einigen herausragenden Leistungen in der Offensive. Bei City sind Kevin De Bruyne (drei Torvorlagen) und Doppeltorschütze Sterling hervorzuheben, bei Tottenham Son Heung-Min, der innerhalb von nur drei Minuten die ersten beiden Treffer seiner Mannschaft erzielte. Auch die dramatische Schlussphase trug zum einzigartigen Unterhaltungswert bei.

Ein Aus im Achtelfinale und zwei Knock-outs im Viertelfinale

Schrecklich war die Veranstaltung dagegen für Guardiola - wegen des Ergebnisses, und überhaupt. Er ist Perfektionist, ein Kontrollfreak, und musste erleben, wie das Geschehen außer Kontrolle geriet. "Ich bin traurig für unsere Fans. Aber sie wissen, dass wir alles gegeben haben", sagte er zwar. Doch gescheitert ist City trotzdem. Und damit auch Guardiola. Für den 48-Jährigen bedeutet das, dass sein Ruhm auf internationaler Bühne so langsam verblasst.

Er weiß, dass sein Werk bei dem Scheichklub unvollendet ist ohne den Gewinn der Champions League. So war es schon beim FC Bayern. In seinen drei Jahren in München war für seine Mannschaft dreimal im Halbfinale Schluss. In Manchester stehen jetzt ein Aus im Achtelfinale und zwei Knock-outs im Viertelfinale in seiner Akte.

In der ersten Saison konnte man zu Guardiolas Entlastung anführen, dass sich Trainer und Mannschaft noch aneinander gewöhnen mussten. In der zweiten trat das Aus in der Champions League hinter der Meisterschaft mit einem Rekord für die meisten Punkte und die meisten Tore zurück. In seiner dritten Spielzeit nun lässt sich das frühe Scheitern nur noch schlecht relativieren.

Das City-Projekt steht nicht infrage

Der Trainer hat sich für angeblich mehr als 600 Millionen Euro eine Mannschaft nach seinen Wünschen zusammengestellt. Das Los war gnädig mit einer einfachen Vorrunde, mit dem FC Schalke 04 im Achtelfinale und Tottenham im Viertelfinale, das in der Premier League 16 Punkte Rückstand hat. Andere Titelkandidaten wie der FC Bayern, Real Madrid, Paris Saint-Germain und Juventus waren schon raus. Im Halbfinale hätte Ajax Amsterdam gewartet. Der Moment war günstig für Manchester City.

Doch Guardiola verkalkulierte sich, als er im Hinspiel De Bruyne auf die Bank setzte - und musste im Rückspiel mit ansehen, wie seine Abwehr immer wieder durchbrochen wurde von einer Mannschaft, die ohne ihren besten Torjäger Harry Kane angereist war. Und so wartet der Trainer seit seinem letzten Triumph mit dem FC Barcelona 2011 auf den Gewinn des Silberpokals mit den großen Henkeln.

Manchester City wird in der kommenden Saison einen neuen Anlauf unternehmen. Auf dem Transfermarkt wird der Klub vor allem Ausschau nach Ersatz für den alternden Fernandinho im defensiven Mittelfeld halten. Das City-Projekt steht nicht infrage.

Schon am Samstag erneut gegen Tottenham

Interessant wird sein, welche kurzfristigen Folgen das Drama gegen Tottenham hat. Die Mannschaft muss sich schnell wieder aufrichten, denn im Rennen um die Meisterschaft mit dem FC Liverpool stehen zwei entscheidende Begegnungen bevor. Am Samstag (13.30 Uhr/Liveticker SPIEGEL ONLINE) ist Tottenham in der Liga zu Gast, am Mittwoch wird City im Old Trafford zum Manchester-Derby erwartet.

Schon vor dem Rückspiel gegen Tottenham hatte er die verbleibenden Partien als Finals eingestuft. In diesen Endspielen in der Premier League darf er sich keine Niederlage leisten - sonst geht für seine Mannschaft nach dem Viertelfinale der Champions League auch der Meisterschaftskampf verloren.



insgesamt 51 Beiträge
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Münchner73 18.04.2019
1. So ist Fußball
Und so ist, zum Glück, auch CL. So sehr ich Guardiola als Trainer schätze, man kann sich, Gott sei Dank, nicht alles erkaufen lieber Pep. Glück, Tagesform und individuelle Entscheidungen sind oft in so einem Wettbewerb, das Zünglein an der Waage. Das sieht man am besten, wenn man die drei letzten Jahre in der CL anschaut. Real war mMn nicht das beste Team, sie haben trotzdem 3 mal hintereinander gewonnen. Jetzt steht einem Finale Ajax vs Liverpool (fast) nichts mehr im Wege :-)
rwt69 18.04.2019
2. Guardiola in KO-Spielen ein Versager
Wie immer macht er sich in solchen Spielen viel zu viele Gedanken, weicht oft vom erfolgreichen Pfad ab und verunsichert so sein Team. Zu sehen an seinen Aufstellungen und Auswechslungen. Beispiele? Im Hinspiel startet er mit einer für City ungewohnt defensiven Aufstellung (mit Doppelsechs, dafür ohne Sane, Bernando Silva (!) und ohne De Bruyne (!!??) ). Im Rückspiel wechselt er sofort nach dem 4:2 wieder auf die Doppelsechs, um dann am Schluss panikartig noch Sane für 5 Minuten zu bringen. Immer nur (völlig übertriebene) Reaktion auf Gegner und Spielstand, kein eigener Masterplan. Dazu kommt zugegebenermaßen natürlich noch Pech; dennoch ist ein Großteil selbstverschuldet. Vergleiche Pocchettino: Der liegt auswärts 2:3 hinten, sein defensiver Mittelfeldstratege verletzt sich. Was tut er? Er bringt einen Mittelstürmer (der dann noch das 3:4 "köpft"). Chapeau !
geradsteller 18.04.2019
3. Zitat " in der dritten Spielzeit ..."
... lässt sich das Scheitern schlecht relativieren? Man muss solch einem Reporter wieder Rudi Völler entgegnen: wo lebt ihr denn? ?? Zum Sport gehört auch, dass man verliert. Mit Anstand. Scheint bei manchen Report an genauso wenig angekommen zu sein, wie manchmal im Süden der Republik. Oder beim DFB.
Francesca F. 18.04.2019
4. Guardiola
hat immer Top-Personal aber schafft es nicht seine taktischen Vorstellungen in die Köpfe der Spieler zu bringen. Er trainiert ihnen den natürlichen spielerischen Instinkt weg. Ich würde den Spielern, bei vollstem Verständnis für Taktik und Positionsspiel, am Ende die Worte des grossen Philosophen Franz B. mit auf den Weg geben: Geht's naus und spielt's Fussball !
pr8kerl 18.04.2019
5. Ich glaube nicht dass es am Pech lag sondern an Pep
Falsche Taktik oder Aufstellung sind das eine. Das größte Problem: Peps Einstellung, dass Spieler nach Verletzungen möglichst schnell zurückkommen sollen. So war das drei Jahre lang bei Bayern. Das führte übrigens zum Streit mit Müller-Wohlfahrt. Für die Meisterschaft wurde die Bayern-Mannschaft im Herbst und im Frühjahr platt gemacht. Als es im April dann darauf ankam, hatte das Team 20 Punkte Vorsprung, aber die Spieler waren "wie Flasche leer". Drei Jahre lang war das so.
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