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16. August 2011, 14:56 Uhr

Pfeiftöne im Stadion

Hoffenheim gesteht mehrfachen Tröten-Terror

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Die TSG Hoffenheim hat zugegeben, dass die Beschallung der Fans von Borussia Dortmund kein Einzelfall war. Gegenüber SPIEGEL ONLINE räumte der Bundesligist nun ein, dass gegnerische Anhänger auch bei anderen Spielen einem lauten, schrillen Ton ausgesetzt waren.

Der Hoffenheimer Pfeifen-Skandal erreicht eine neue Dimension. Der Bundesligist hat gegenüber SPIEGEL ONLINE zugegeben, dass nicht nur bei der Partie gegen Borussia Dortmund am vergangenen Samstag (1:0) die gegnerischen Fans durch ein Gerät mit einem lauten, schrillen Ton beschallt wurden.

"Die Vereinsführung erlangte gestern am späten Abend davon Kenntnis, dass das eingesetzte Gerät bereits während der letzten Saison an vier Spieltagen aufgebaut, aber nicht immer zum Einsatz gebracht wurde", ließ der Club mitteilen. Zuvor war in Internetforen und in sozialen Netzwerken heiß diskutiert worden, vermeintlich echte und vermeintlich unechte Beweisfotos zirkulierten. War die Aktion vom vergangenen Wochenende ein Einzelfall oder nicht? Jetzt ist klar: Schon bei den Partien aus der vergangenen Spielzeit gegen Borussia Dortmund, Mainz 05, den 1. FC Köln und Eintracht Frankfurt war im Hoffenheimer Stadion eine Apparatur vorhanden, die Fans und ihre Gesänge in der Gästekurve übertönen sollte.

Die TSG Hoffenheim beruft sich dabei auf Aussagen eines Mitarbeiters, nach Informationen von SPIEGEL ONLINE ein Stadion-Hausmeister. Er soll nach Polizeiangaben ausgesagt aben, die Lautsprecheranlage zusammen mit einem Bekannten in der Hoffenheimer Arena installiert zu haben. Inzwischen hat die TSG die Vorfälle aus der vergangenen Saison auch offiziell eingeräumt. Neben der Polizei erwägt auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB), weitere Ermittlungen einzuleiten.

Am vergangenen Samstag wurde beim Bundesliga-Spiel zwischen Hoffenheim und Borussia Dortmund der Block von etwa 3000 mitgereisten BVB-Fans mit einem lauten Ton beschallt, sobald die schwarz-gelben Anhänger zu Schmähgesängen gegen Dietmar Hopp oder den von ihm finanziell unterstützen Club ansetzten. Dass diese Gesänge selten den Charakter eines sanften Gute-Nacht-Lieds haben, sondern gezielt auf Diffamierung ausgerichtet sind, ist unbestritten. Dass aber nun gezielt gegen solche Schmähungen vorgegangen wird, ist ein Bundesliga-Novum.

Am Montag erklärte die TSG Hoffenheim in einer veröffentlichten Stellungnahme, dass ein einzelner Mitarbeiter nach "eigener Aussage 'ein Gegenmittel' gegen die aus seiner Sicht nicht mehr erträglichen Beleidigungen gegenüber Herrn Dietmar Hopp einsetzen" wollte. Eine Involvierung des Vereins TSG Hoffenheim in die Benutzung der Apparatur oder sogar die Auftragserteilung dazu weisen alle Club-Verantwortlichen von sich.

Lautsprecher schon häufiger eingesetzt

Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen soll die Lautsprecher-Apparatur aus zwei Signal-Hörnern bestehen, die auf einem Bollerwagen befestigt und von einer Plane abgedeckt sind. Außerdem sollen die Töne im Gästeblock auch bei den Hoffenheimer Heimspielen gegen den VfB Stuttgart und den VfL Wolfsburg stattgefunden haben. Am 17. April schrieb der Nutzer "KirnerFFM" im Fanforum von eintracht.de: "Man sollte erwähnen, dass bei Anti-Hopp-Gesängen immer eine Sirene abgespielt wurde, die die Gesänge übertönen sollte."

Von der Partie zwischen Hoffenheim und Dortmund gibt es zudem Bildaufnahmen, die Ordner der TSG mit einem Gehörschutz zeigen. Sie stehen neben der Anlage und scheinen darauf aufzupassen. Die Stromversorgung war über eine Steckdose des Stadions gewährleistet. "Die Anlage wurde immer mal wieder eingesetzt. Mal etwas lauter, mal leiser. Gegen Dortmund war sie so laut wie noch nie", sagte eine Person aus dem Hoffenheimer Sicherheitsteam SPIEGEL ONLINE.

Apparatur offenbar per Fernbedienung gesteuert

Die Anlage funktionierte demnach über eine Fernbedienung, gesteuert von einer Person, die das gesamte Spiel über zwischen Tor und Gästeblock-Kurve saß. Sobald diese Person einen Schmähgesang vernommen hatte, betätigte sie die Anlage, um die Fans zu übertönen. Ob es sich dabei um den Mann handelt, den die TSG Hoffenheim gestern zum Haupttäter deklarierte, ist bislang nicht geklärt.

Auch die Einbindung der Polizei und des Ordnungsdienstes in die Vorkommnisse wirkt dubios: "Da standen ungefähr 50 Sicherheitsleute drum herum, und keiner hat etwas dagegen unternommen. So etwas muss doch vom Verein bezahlt worden sein", mutmaßt Thilo Danielsmeyer, der seit knapp 20 Jahren im "Dortmunder Fanprojekt" tätig ist. Die Polizei habe ihm erklärt, "dass der Lautsprecher von jemandem bedient wird, der hinter dem Tor sitzt. Wenn diese Person Schmähgesänge wahrnimmt, wird der Piepston über den Lautsprecher aktiviert".

Dass eine solche Anzahl an Personen involviert gewesen sein soll, mindert die Wahrscheinlichkeit, dass tatsächlich nur eine Einzelperson für die Benutzung und Einführung der Anlage verantwortlich sein soll. Bisher war aus Hoffenheim lediglich zu hören gewesen, dass durch die von Dortmunder Fans gestellten Anzeigen ein mögliches juristisches Verfahren bevorstehe und man dementsprechend mit "Auskünften vorsichtig ist, solange der gesamte Fall nicht abschließend recherchiert wurde".

Neben juristischen Konsequenzen kommt eventuell auch noch eine sportliche dazu. "Wir werden die Sachlage klären und dann abwägen, ob wir ein Verfahren einleiten werden", sagt Anton Nachreiner, Vorsitzender des DFB-Kontrollausschusses. Er könne sich aber "kaum vorstellen, dass es hier in irgendeiner Weise Punktabzüge für die Hoffenheimer geben könnte".

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