Pfeiftöne in Hoffenheim Mehr als nur ein Pieps

Wütende Fans von Borussia Dortmund beklagen sich über Pfeiftöne im Hoffenheimer Stadion. Jetzt mehren sich die Anzeichen, dass die Beschallung gegnerischer Anhänger dort nicht zum ersten Mal eingesetzt wurde. Bei der TSG hüllt man sich dazu in Schweigen.
Fans des BVB: "Die Anlage wurde immer mal wieder eingesetzt"

Fans des BVB: "Die Anlage wurde immer mal wieder eingesetzt"

Foto: Roland Weihrauch/ dpa

Die Internetforen glühen, in sozialen Netzwerken wird heiß diskutiert, vermeintlich echte und vermeintlich unechte Beweisfotos zirkulieren. Der Hoffenheimer Pfeifen-Skandal weitet sich aus. Neben der Polizei erwägt nun der Deutsche Fußball-Bund (DFB), weitere Ermittlungen einzuleiten. Auch, um festzustellen, bei wie vielen Spielen die schrille Lautsprecheranlage der Hoffenheimer tatsächlich eingesetzt wurde. Das Krisenmanagement der TSG wirft hingegen immer mehr Fragen auf, statt Antworten zu liefern.

Am vergangenen Samstag wurde beim Bundesliga-Spiel zwischen Hoffenheim und Borussia Dortmund (1:0) der Block von etwa 3000 mitgereisten BVB-Fans mit einem lauten, schrillen Ton beschallt, sobald die schwarz-gelben Anhänger zu Schmähgesängen gegen Dietmar Hopp oder den von ihm finanziell unterstützen Club ansetzten. Dass diese Gesänge selten den Charakter eines sanften Gute-Nacht-Lieds haben, sondern gezielt auf Diffamierung ausgerichtet sind, ist unbestritten. Dass aber nun gezielt gegen solche Schmähungen vorgegangen wird, ist ein Bundesliga-Novum.

Dabei, so beschreibt es die TSG Hoffenheim in einer gestern veröffentlichten Stellungnahme, habe keinesfalls der Verein die Akustikanlage eingesetzt, sondern ein einzelner Mitarbeiter, der nach "eigener Aussage 'ein Gegenmittel' gegen die aus seiner Sicht nicht mehr erträglichen Beleidigungen gegenüber Herrn Dietmar Hopp einsetzen" wollte. Eine Involvierung des Vereins TSG Hoffenheim in die Benutzung der Apparatur oder sogar die Auftragserteilung dazu weisen alle Club-Verantwortlichen von sich.

Lautsprecher schon häufiger eingesetzt

Doch genau an dieser These darf gezweifelt werden. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen soll die Lautsprecher-Apparatur, die - abgedeckt von einer Plane - aus zwei Signal-Hörnern auf einem Bollerwagen besteht, erstmals am 26. Februar beim Heimspiel gegen den FSV Mainz eingesetzt worden sein. Auch bei den Hoffenheimer Heimspielen gegen den VfB Stuttgart, den VfL Wolfsburg und Eintracht Frankfurt soll die Beschallung der Gästeblockfans stattgefunden haben. Am 17. April schrieb der Nutzer "KirnerFFM" im Fanforum von eintracht.de: "Man sollte erwähnen, dass bei Anti-Hopp-Gesängen immer eine Sirene abgespielt wurde, die die Gesänge übertönen sollte."

Von der Partie zwischen Hoffenheim und Dortmund gibt es zudem Bildaufnahmen, die Ordner der TSG mit einem Gehörschutz zeigen. Sie stehen neben der Anlage und scheinen darauf aufzupassen. Die Stromversorgung war über eine Steckdose des Stadions gewährleistet. "Die Anlage wurde immer mal wieder eingesetzt. Mal etwas lauter, mal leiser. Gegen Dortmund war sie so laut wie noch nie", sagte eine Person aus dem Hoffenheimer Sicherheitsteam SPIEGEL ONLINE.

Apparatur offenbar per Fernbedienung gesteuert

Die Anlage funktionierte demnach über eine Fernbedienung, gesteuert von einer Person, die das gesamte Spiel über zwischen Tor und Gästeblock-Kurve saß. Sobald diese Person einen Schmähgesang vernommen hatte, betätigte sie die Anlage, um die Fans zu übertönen. Ob es sich dabei um den Mann handelt, den die TSG Hoffenheim gestern zum Haupttäter deklarierte, ist bislang nicht geklärt.

Auch die Einbindung der Polizei und des Ordnungsdienstes in die Vorkommnisse wirkt dubios: "Da standen ungefähr 50 Sicherheitsleute drum herum, und keiner hat etwas dagegen unternommen. So etwas muss doch vom Verein bezahlt worden sein", mutmaßt Thilo Danielsmeyer, der seit knapp 20 Jahren im "Dortmunder Fanprojekt" tätig ist. Die Polizei habe ihm erklärt, "dass der Lautsprecher von jemandem bedient wird, der hinter dem Tor sitzt. Wenn diese Person Schmähgesänge wahrnimmt, wird der Piepston über den Lautsprecher aktiviert".

Dass eine solche Anzahl an Personen involviert gewesen sein soll, mindert die Wahrscheinlichkeit, dass tatsächlich nur eine Einzelperson für die Benutzung und Einführung der Anlage verantwortlich sein soll. Bislang wurden die neuerlichen Vorwürfe von Seiten der TSG nicht weiter kommentiert. Es erfolgte lediglich der Hinweis, dass durch die von Dortmunder Fans gestellten Anzeigen ein mögliches juristisches Verfahren bevorstehe und man dementsprechend mit "Auskünften vorsichtig ist, solange der gesamte Fall nicht abschließend recherchiert wurde".

Neben juristischen Konsequenzen kommt eventuell auch noch eine sportliche dazu. "Wir werden die Sachlage klären und dann abwägen, ob wir ein Verfahren einleiten werden", sagt Anton Nachreihner, Vorsitzender des DFB-Kontrollausschusses. Er könne sich aber "kaum vorstellen, dass es hier in irgendeiner Weise Punktabzüge für die Hoffenheimer geben könnte".