Pfiffe gegen Nationalspieler Gündogan "Wir müssen darüber noch mal reden"

Die Pfiffe gegen Ilkay Gündogan beim Test gegen Saudi-Arabien ärgerten die Nationalspieler. Während der DFB das Thema eine Woche vor WM-Start gerne beendet hätte, fordert Mats Hummels eine weitere Diskussion.
Özil und Gündogan in Leverkusen

Özil und Gündogan in Leverkusen

Foto: Martin Rose/ Bongarts/Getty Images

Das letzte Testspiel der deutschen Nationalmannschaft vor der Weltmeisterschaft in Russland könnte man schnell abhandeln, zumindest aus sportlicher Sicht. Einiges klappte gegen Saudi-Arabien, vieles aber klappte nicht. Am Ende stand ein holpriger 2:1-Sieg in Leverkusen. Aber der Sport steht derzeit, eine Woche vor WM-Beginn, im Hintergrund.

Gut zu beobachten gewesen war das rund um die Partie an Mesut Özil. In den Katakomben des Stadions, auf dem kurzen Weg zwischen Kabine und Aufzug, waren Fotos mit dem Mittelfeldspieler erlaubt. Spieler und Funktionäre aus Saudi-Arabien zückten ihre Mobiltelefone und bekamen ihr Bild mit dem Weltmeister aus Deutschland. Andere Anfragen wurden negativ beschieden. "Ein Interview? Nein", sagte Özil. Der nächste Reporter, der um ein kurzes Gespräch bat, erhielt zumindest zwei Antworten. "Nein", sagte Özil, er werde nicht sprechen. "Gut", sagte Özil auf die Frage, wie es ihm gehe.

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Dann ging es mit dem Aufzug hoch in die Räume, in denen gesprochen werden kann, ohne dass Reporter lauschen. Es wird aber gewiss auch um das Thema gegangen sein, das den letzten Test der deutschen Fußballnationalmannschaft vor dem Abflug zur Weltmeisterschaft überlagerte: das Treffen von Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan am 13. Mai.

Lauter und vehementer waren die Versuche beim Deutschen Fußball-Bund in den Tagen und Stunden vor dem Spiel geworden, einen Schlussstrich zu ziehen. Doch sie scheiterten sämtlich. Viele Zuschauer in Leverkusen pfiffen bei der Einwechslung Gündogans und dann bei jeder seiner Ballberührungen. Özil bekam den Unmut nur indirekt ab, er wurde wegen einer leichten Knieprellung geschont.

"Wer pfeifen will, ist frei in seiner Entscheidung. Jeder kann machen, was er will", hatte Gündogan noch im Trainingslager erklärt. Auch das sollte ein Bekenntnis zu den "deutschen Werten" sei, von denen so oft im Zusammenhang mit der brisanten Causa die Rede war. Am Freitag sagte Gündogan - nichts.

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Die Wucht des Protests in Leverkusen überraschte alle Beteiligten. "Das kam ein bisschen aus dem Nichts", sagte Mats Hummels, der sich gegen die Schlussstrichpolitik des Bundestrainers Joachim Löw und hoher Funktionäre des DFB aussprach: "Wir müssen darüber noch mal reden." Oliver Bierhoff hatte vor dem Anpfiff in einem Fernsehinterview geblafft, dass genau dies nicht mehr gemacht werden solle. Der Manager der Nationalmannschaft suchte die Schuld in einem Fernsehinterview bei den Medien: "Ihr bringt das Thema doch wieder auf, weil ihr nichts anderes zu berichten habt, oder warum auch immer."

Der DFB, auch in Person des Präsidenten Reinhard Grindel, hält das Thema für ausreichend erörtert. Grindel gab sich später am Abend, bei der Auslosung zum DFB-Pokal, wiederholt naiv, als er Özil und Gündogan attestierte: "Sie haben bei dem Treffen mit Erdogan nicht gewusst, dass das Foto zu Wahlkampfzwecken missbraucht würde." Der Verbandschef erklärte, die Spieler hätten sich hinlänglich zu "den Werten des DFB bekannt".

Es gibt mehrere Dokumente, die das belegen. Speziell Gündogan sagte, dass er für Demokratie und Menschenrechte stehe. Was fehlt, ist weiterhin die Einlassung, wie es die Fußballer mit Erdogan halten. Özil schweigt seit Wochen, Gündogan wich Fragen über den türkischen Präsidenten aus, der sich immer wieder Kritik wegen Menschenrechtsverletzungen anhören muss, auch von den Vereinten Nationen.

Die Mitspieler von Özil und Gündogan versuchten es in Leverkusen mit Appellen - so wie Mario Gomez: "Ab jetzt bitte ich die Leute einfach darum, daran zu denken, dass wir Weltmeister werden wollen", sagte der Stürmer, "dafür brauchen wir den Ilkay, dafür brauchen wir den Mesut."

"Ich weiß nicht, was wird"

Sportlich fehlt auch noch einiges. Nach höchst ansehnlichem Offensivfußball in der ersten Halbzeit mit den sehr Starken Marco Reus und Timo Werner (ein Tor, eine Vorlage) folgte eine schwache zweite Halbzeit mit vielen Ballverlusten und dem verstärkten Trend, in der Defensive sorglos zu sein.

Hummels gab zu, dass die Pfiffe nach der Einwechslung Gündogans (57.) auch einen Einfluss auf das Spiel hatten: "Mit den Pfiffen gegen Ilkay haben die deutschen Fans aufgehört, den Rest zu unterstützen."

Am Dienstag um 13 Uhr hebt das Flugzeug mit der Nationalmannschaft in Richtung Moskau ab. "Ich weiß nicht, was dann in Russland wird", sagte Bundestrainer Löw. Die Frage galt der Causa Özil/Gündogan.

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