kicker.tv

Kießlings historischer Treffer So geht's weiter mit dem Phantom-Tor

Deutschland diskutiert über das Phantomtor im Spiel zwischen Hoffenheim und Leverkusen - und wartet auf eine Entscheidung. Gibt es eine Wiederholung? Womöglich nur für 20 Minuten? Und warum darf die Fifa mitreden? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wiederholungsspiel ja oder nein? Das ist die derzeit meistgestellte Frage rund um die Fußball-Bundesliga. Beim Spiel zwischen 1899 Hoffenheim und Bayer Leverkusen köpfte Stefan Kießling in der 70. Minute auf das Hoffenheimer Tor. Der Ball ging knapp am linken Pfosten vorbei - und gelangte durch ein Loch im Netz ins Tor. Schiedsrichter Felix Brych entschied auf Tor, Leverkusen ging 2:0 in Führung und gewann am Ende 2:1. Nach der Partie legte Hoffenheim Einspruch gegen die Wertung des Spiels ein. Und jetzt? Die wichtigsten Fragen und Antworten:

1. Was besagt das DFB-Reglement?

In der Rechts- und Verfahrensordnung des DFB  regelt Paragraf 17, was mögliche Gründe sein können, um Einspruch gegen die Wertung eines Spiels einzulegen. Unter Nummer 2c heißt es: "Einsprüche gegen die Spielwertung können unter anderem mit folgender sachlicher Begründung erhoben werden: ... Regelverstoß des Schiedsrichters, wenn der Regelverstoß die Spielwertung als verloren oder unentschieden mit hoher Wahrscheinlichkeit beeinflusst hat."

2. Wie argumentiert 1899 Hoffenheim?

Die Hoffenheimer führen Zweifel an, die Referee Brych nach der Partie geäußert hat. "Wir berufen uns auf einen Regelverstoß des Schiedsrichters. In den Statuten steht: 'Ein Tor darf nicht gegeben werden, wenn Zweifel bestehen.' Und Felix Brych hat im Interview nach dem Spiel Zweifel an seiner Entscheidung geäußert und das fechten wir an", sagt Hoffenheims Profifußball-Leiter Alexander Rosen.

3. Sind Schiedsrichter Brychs Zweifel ein Regelverstoß?

Nach Meinung des Sportrechtsexperten Kai Ludwig nicht. "Zweifel des Schiedsrichters an der Richtigkeit seiner Wahrnehmung und des darauf basierenden Entscheids berechtigen nicht zur Annahme eines Regelverstoßes", sagt Ludwig SPIEGEL ONLINE. Ein Regelverstoß wäre es nur, "wenn Brych die Regeln nicht kennen oder falsch anwenden würde". Ein Beispiel: Brych müsste denken, ein Tor zählt, egal wie der Ball ins Tor gekommen ist.

"Aber in diesem Fall war es so, dass der Schiedsrichter die Regeln kannte und aufgrund seiner subjektiven Wahrnehmung richtig angewandt hat - nur war seine Wahrnehmung eben falsch. Mögliche Zweifel an der Richtigkeit des Entscheids bewirken hier keinen Unterschied", sagt Ludwig, der zudem vor der "Zweifel"-Argumentation warnt: "Wenn man jede Entscheidung, die ein Schiedsrichter trifft, obwohl er vielleicht Zweifel hat, als Regelverstoß auslegen würde, dann öffnet man die Büchse der Pandora."

4. Wie ist der Standpunkt von Bayer Leverkusen?

Der Club sagt, er werde jede Entscheidung akzeptieren, die der DFB trifft. Allerdings macht Bayer deutlich, dass es eine komplette Wiederholung des Spiels für ungerecht halte. "In der ganzen Diskussion entsteht der Eindruck, als hätte es zum Zeitpunkt des sogenannten Phantomtores 0:0 gestanden. Aber so war es nun mal nicht, und das kann man nicht unberücksichtigt lassen", sagt Leverkusens Pressechef Meinolf Sprink.

Daher hatte Bayers Sportchef Rudi Völler der "Bild am Sonntag" gesagt: "Wenn eine Spiel-Wiederholung, dann ab der Szene, also ab der 70. Minute. Beim Stande von 1:0 für Leverkusen geht es mit einem Abstoß für Hoffenheim weiter. Das ist die sauberste Lösung."

5. Was sagt der DFB zu Leverkusens Vorschlag?

Der DFB wollte sich auf SPIEGEL-ONLINE-Nachfrage nicht zu einem solchen Szenario äußern. Ein Sprecher verwies auf die Rechts- und Verfahrensordnung des Verbands. Im bereits erwähnten Paragraf 17 heißt es unter Nummer 6: "Wird auf Spielwiederholung erkannt, ist das Spiel grundsätzlich am gleichen Ort neu auszutragen." Eine Spielwiederholung ab einer bestimmten Minute sieht das Regelwerk nicht vor. Das bestätigt auch Sportrechtler Ludwig: "Meines Wissens ist das nach der DFB-Rechts- und Verfahrensordnung nicht möglich. Eine partielle Wiederholung ist nicht vorgesehen."

6. Wird es eine vollständige Wiederholung des Spiels geben?

Das ist noch nicht entschieden, allerdings sagte DFB-Vizepräsident Rainer Koch der "Bild"-Zeitung: "Die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering, dass es zu einem Wiederholungsspiel kommt." Weil Schiedsrichter Felix Brych nach dem Phantomtor im Spiel Hoffenheim gegen Leverkusen wieder anpfiff, handelt es sich um eine Tatsachenentscheidung. Und diese ist laut DFB-Regeln endgültig und nicht anfechtbar, sobald das Spiel fortgesetzt wird.

7. Wann ist mit einem Urteil zu rechnen?

Frühestens in der kommenden Woche. Beim DFB-Bundestag, der am Donnerstag und Freitag in Nürnberg stattfindet, werden Gremien personell neu besetzt. Erst danach soll das DFB-Sportgericht den Fall verhandeln. Zuvor sollen die Stellungnahmen des Schiedsrichters, der beteiligten Vereine und des Kontrollausschusses eingeholt werden. Und dann muss sich auch noch die Fifa äußern. Denn sollte der DFB auf Spielwiederholung gemäß Paragraf 17 Nummer 2c (Regelverstoß) erkennen, "wird die rechtskräftige Entscheidung zur abschließenden Beurteilung der Fifa vorgelegt", wie es in Paragraf 18, Nummer 6 der Rechts- und Verfahrensordnung des DFB heißt. Und der Verband will auf Nummer sicher gehen. "Der Ball liegt jetzt bei der Fifa. Wir haben sie am Samstag angerufen, damit wir ja nichts falsch machen", sagte Koch dem TV-Sender Sport1.

8. Wie wird die Fifa in diesem Fall entscheiden?

Von Seiten des Weltverbandes ist kaum mit einer Empfehlung auf Wiederholung des Spiels zu rechnen. Ein denkbarer Sachverhalt für die Neuansetzung wäre das Vorliegen einer Spielmanipulation, also wenn ein Schiedsrichter bewusst falsch pfeift. "Da das hier wohl kaum der Fall war, dürfte die Fifa zu Recht am absoluten Schutz des Tatsachenentscheids festhalten", so Ludwig weiter.

DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig sagt: "Die Tatsachenentscheidung ist ein sehr hohes Gut. Die Fifa hat schon einmal ein Urteil des DFB auf Neuansetzung einkassiert (1995 das Zweitliga-Spiel Chemnitz gegen Leipzig - d. Red.), weil man das Gut der Tatsachenentscheidung höher bewertet hat als den Gerechtigkeitssinn." Daher hatte die Fifa auch gezürnt, als der DFB nach dem Phantomtor von Thomas Helmer 1994 das Spiel zwischen Bayern München und dem 1. FC Nürnberg wiederholen ließ. Die Folge war, dass seitdem die Fifa das letzte Wort hat.

9. Was würde bei einem Alleingang des DFB passieren?

Der DFB könnte Probleme bekommen. Ludwig sagt hierzu: "Mitgliedsverbände der Fifa sind auf Grund der Fifa-Statuten verpflichtet, Entscheide der Fifa zu vollstrecken. Wenn die Fifa ein Wiederholungsspiel untersagt und der DFB diese Entscheidung nicht respektiert, könnte dem DFB ein Verfahren drohen, das auch Sanktionen zur Folge haben kann."

Aber darauf wird es der Verband kaum ankommen lassen.