Phantom-Tore im Fußball Der ewige Streit um die Technik

Der Weltverband Fifa hat die Einführung einer elektronischen Torlinien-Überwachung wegen technischer Unzulänglichkeiten erneut abgelehnt. Dabei ist eine Entscheidung darüber, ob der Ball hinter der Linie war, dank etlicher TV-Kameras in den Stadien längst kein Problem mehr.
Von Gereon Detmer
Jansens Lattenschuss gegen Mainz: Ball eindeutig vor der Linie

Jansens Lattenschuss gegen Mainz: Ball eindeutig vor der Linie

Foto: Martin Rose/ Bongarts/Getty Images

Marcell Jansen war sich seiner Sache sicher. Der Linksfuß vom Hamburger SV hatte in der 17. Minute des Bundesligaspiels gegen Mainz 05 den Ball an die Unterkante der Latte des gegnerischen Tores geschossen, von dort prallte der Ball auf den Rasen und zurück ins Feld. Jansen zögerte nur kurz und drehte dann zum Jubel ab. Schiedsrichter Babak Rafati zeigte nach Absprache mit seinem Linienrichter Christoph Bornhorst auf den Anstoßpunkt - das Tor, das keines war, wurde gegeben. Der HSV führte 1:0, verlor am Ende aber 2:4.

Rafatis Entscheidung löste eine Diskussion aus, die so alt wie der Fußball selbst ist, die aber längst nicht mehr geführt werden müsste: War der Ball im Tor, oder war er es nicht? Die Beantwortung dieser elementaren Frage ist mit Dutzenden TV-Kameras in den Stadien längst kein Problem mehr. Binnen kürzester Zeit könnte der Schiedsrichter per Funk informiert werden, dafür müsste er das Spiel nicht einmal unterbrechen.

Trainer, Schiedsrichter und die Deutsche Fußball Liga (DFL) fordern schon seit Jahren unisono eine technische Hilfe für die Unparteiischen. "Die Schiedsrichter sind keine Maschinen, und Fehler sind bei diesen Geschwindigkeiten menschlich. Im Sinne des Fußballs sollte man bei der für das Spiel wichtigsten Frage, ob der Ball im Tor war oder nicht, die menschliche Komponente herausnehmen", sagte Herbert Fandel, Vorsitzender der DFB-Schiedsrichterkommission, nach dem Hamburg-Spiel.

"Kenne keinen Kollegen, der nicht für den Videobeweis ist"

HSV-Trainer Armin Veh plädierte trotz der Fehlentscheidung zugunsten seiner Mannschaft nach dem Spiel gegen Mainz ebenfalls für die Einführung einer Hilfe für den Schiedsrichter: "Was technisch geht, sollte man auch umsetzen. Ehrlich gesagt kenne ich keinen Kollegen, der nicht für den Videobeweis ist." Und auch sein Mainzer Kollege Thomas Tuchel bezeichnet sich als einen "absoluten Verfechter der Überwachung der Torlinie".

Das Phantom-Tor von Jansen fiel just an dem Wochenende, an dem die zuständige Stelle des Fußball-Weltverbandes Fifa die Einführung einer Torlinien-Technologie wieder einmal ausgebremst hatte. Die Technik sei noch nicht ausgereift, hieß die offizielle Begründung des für Regelfragen zuständigen International Football Association Board (Ifab).

Zuvor hatte die Fifa in Zürich Systeme von zehn Unternehmen geprüft, mit dem Ergebnis, dass keine der Technologien den Anforderungen des Verbandes - hundertprozentige Genauigkeit und Rückmeldung innerhalb einer Sekunde - genügte. "Wenn es kein System gibt, das den Kriterien entspricht, die von diesem Gremium festgelegt wurden, kann man nicht einfach ins kalte Wasser springen", sagte Fifa-Präsident Joseph Blatter. Man werde mit den technischen Experimenten weitermachen und das Thema beim nächsten Ifab-Treffen im kommenden Jahr wieder auf die Agenda setzen, so Blatter, dann werde "eine definitive Entscheidung fallen".

Noch vor einem Jahr waren ganz andere Signale aus dem Verbandssitz in Zürich gekommen, in dem der Verlust der menschlichen Komponente des Spiels gefürchtet wird. Nachdem Anfang 2010 zwei Systeme getestet worden waren, hatte Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke die Diskussion schon beendet: "Die Frage war, sollen wir Technik im Fußball zulassen. Und die Antwort war ganz klar: Nein." Der Sinneswandel kam nach der WM 2010 in Südafrika: Dort hatte der Engländer Frank Lampard im Achtelfinale gegen Deutschland ein klares Tor erzielt, dem jedoch die Anerkennung verweigert wurde.

Die Fifa will sich nun vorerst auf das menschliche Auge verlassen. Bei der EM 2012 in Polen und der Ukraine wird das unter anderem in der Champions League getestete Modell mit zwei zusätzlichen Schiedsrichter-Assistenten neben den Toren angewandt. Bei der nächsten Jahreshauptversammlung der Ifab im März 2012 in London soll dann endgültig über die elektronische Überwachung der Torlinie entschieden werden. Die technischen Möglichkeiten werden bis dahin ausgereifter sein. Ausreichend wären sie schon heute.

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