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Philipp-Lahm-Rücktritt - der Kommentar Groß vom Kleinen

Der Rücktritt des unersetzlichen Kapitäns Philipp Lahm ist ein tiefer Einschnitt für die Nationalmannschaft. Für die Öffentlichkeit kommt die Entscheidung überraschend. Dabei ist sie logisch - und richtig.

Unüberlegtes hat Philipp Lahm in seiner Karriere nie getan. Wie wenige andere hat er seine Laufbahn stets mit kühlem Kopf geplant, klug, clever, mit einem ausgeprägten Gespür für Taktik und den richtigen Augenblick. Deshalb verwundert es nicht, dass sein Entschluss zum Rücktritt als Nationalspieler nach eigenen Worten schon im vergangenen Jahr in ihm gereift ist - auch wenn er für die Öffentlichkeit völlig überraschend kommt. Lahm hat als Fußballer jetzt alles erreicht, mehr als Weltmeister und Champions-League-Sieger kann man nicht werden. Niemand hätte es erwartet, aber man kann diesen Schritt verstehen.

113 Länderspiele hat Lahm absolviert, er ist jetzt 30 Jahre alt, er hat seit 2004 pausenlos auf hohem Niveau gespielt. Der (Noch-)DFB-Kapitän hat genau hingesehen, wie es anderen Superstars des Fußballs ergeht, wenn sie das Aufhören nicht gelernt haben. Bei dieser WM scheiterten Spaniens Mastermind Xavi (34 Jahre) oder Italiens Regisseur Andrea Pirlo (35 Jahre) sang- und klanglos in der Vorrunde, nachdem sie vor zwei Jahren bei der EM noch die gefeierten Helden waren. So etwas soll ihm nicht passieren. So etwas darf ihm nicht passieren.

Es wird ihm nicht passieren.

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Philipp Lahm: Der Musterknabe

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Dass er in der Nationalmannschaft dadurch ein riesiges Loch hinterlässt, wird ihm bewusst sein. Er nimmt es billigend in Kauf. Wenn es im DFB-Team neben Torwart Manuel Neuer einen absolut Unverzichtbaren gibt, dann ist es bisher Philipp Lahm gewesen. Als Außenverteidiger gibt es in Deutschland und wohl auch darüber hinaus niemanden, der nur annähernd sein überragendes Niveau erreicht, egal, ob auf der linken oder auf der rechten Seite.

Löw hat ihm vertraut wie keinem anderen

Als Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger nach ihren Verletzungen noch nicht in der Lage waren, das deutsche WM-Mittelfeld auf angemessenem Niveau auszufüllen, tat Lahm auch dort seinen Dienst, er kennt die Position ja aus seinem Verein Bayern München. Der Bundestrainer hat Lahm immer und wie keinem anderen vertraut, und er ist sportlich nie enttäuscht worden.

Dieser Rücktritt ist deshalb für die Nationalmannschaft ein tiefer Einschnitt. Eine Mannschaft, die über Jahre gewachsen ist, verliert mit sofortiger Wirkung ihren Kopf. Lahm war Kapitän und Lotse des Teams gleichermaßen. Der Lotse ist jetzt von Bord: Das ist der Umbruch, den viele erst für die Zeit nach der Europameisterschaft 2016 erwartet haben. Jetzt wird es umso spannender, ob andere dem Beispiel Lahms folgen werden - andere als der 36-jährige Miroslav Klose, bei dem der Rücktritt allein aufgrund des Alters erwartbar ist.

Für Joachim Löw stellt sich jetzt eine ganz neue Herausforderung. Wenn man zuvor begründet darüber spekulieren konnte, dass es für den Weltmeister-Bundestrainer in der nahen Zukunft keine echte Motivation mehr geben könnte, dann ist diese Debatte mit dem heutigen Tag beendet. Eine Nationalmannschaft aufzubauen, die ohne Philipp Lahm genauso stark ist wie mit ihm - das kann und muss jetzt Löws nächstes Meisterstück werden.

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