Rücktritt des Kapitäns So könnte Löw Lahm ersetzen

Philipp Lahm wird nicht mehr für Deutschland spielen. Ohne seinen Kapitän hat Bundestrainer Löw ein Problem, er gilt als unverzichtbar. Wie lässt sich der Münchner ersetzen? Mit einer Dreierkette? Ein Überblick.

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Hamburg - Deutschland feiert noch die Weltmeisterschaft, da überrascht Philipp Lahm die Fans mit seinem Rücktritt. Es sei "der richtige Zeitpunkt", ließ der 30-Jährige über seinen Berater Roman Grill ausrichten. Er verlasse die Nationalmannschaft "in völliger Harmonie" mit dem DFB.

Bundestrainer Joachim Löw hat nun bei aller Harmonie ein gravierendes Problem: Er verliert seinen vielleicht besten Spieler und hat niemanden, der ihn adäquat ersetzen könnte. Wirklich niemanden?

Darum war Lahm so wichtig

Lahms größte Fähigkeit ist zugleich eine, die sich nicht antrainieren lässt: Er sieht die Entwicklung des Spiels auf dem Feld voraus. Bevor er einen Pass spielt, geht er gedanklich die Folgeaktionen der eigenen Mannschaft und die des Gegners durch. Im Spielaufbau ist Lahm deshalb unverzichtbar, weil er gegnerische Pressing-Fallen durchschaut. Wird ein Mitspieler gezielt vom Gegner freigelassen, um ihn bei Ballannahme von mehreren Seiten zu attackieren, erkennt es Lahm. Darum spielt er in der Spieleröffnung sowohl in München als auch bei Löw eine so dominante Rolle.

Lahm spürt, wann er absichern muss und wann er vorpreschen darf. Deswegen erlebt man es so selten, dass seine Mannschaften über seine Seite ausgekontert werden, sobald er als Rechtsverteidiger spielt. Sein Timing ist perfekt. Auch in Umschaltmomenten kommt diese Stärke zum Tragen. Als Sechser im Bayern-Mittelfeld brillierte er, wenn seine Mitspieler auf der Jagd nach dem nächsten Treffer nach vorne liefen: Lahm ahnt, wo es bei einem Ballverlust gefährlich werden wird.

Oft vereitelt er Konter, indem er Pässe abfängt, in die entscheidenden Zweikämpfe kommt oder zumindest den Gegenstoß verzögert und der eigenen Elf Zeit verschafft.

Zu seinen taktischen Stärken kommen die vielen offensichtlichen: Passspiel, Zweikampfverhalten, Stellungsspiel, Flexibilität, Konstanz. Sein Rücktritt dürfte Löw an den Rand der Verzweiflung bringen. Kann Lahm überhaupt durch einen anderen Spieler ersetzt werden?

Diese Optionen besitzt Löw

Am wahrscheinlichsten ist, dass Löw Lahm für die anstehende EM-Qualifikation als Rechtsverteidiger eingeplant hat. Zwar würde sich ein Mittelfeld mit Lahm besser für dominanten Ballbesitzfußball eignen, weil der 30-Jährige die geringere Verweildauer am Ball hat als Bastian Schweinsteiger. Hinten würde er jedoch dringender gebraucht, da heißen die Alternativen nämlich nicht Schweinsteiger oder Sami Khedira.

Bei der WM setzte Löw auf Innenverteidiger, die außen ranmussten. In der Gruppenphase spielte Jérôme Boateng (25 Jahre) dreimal als Rechtsverteidiger. Als schnellster deutscher Abwehrspieler wird Boateng jedoch im Zentrum benötigt, vor allem gegen Mannschaften, die auf Konter lauern. Dann nämlich rückt Deutschland meist weit auf, sodass die Innenverteidiger viel Raum zwischen sich und dem eigenen Tor lassen. Spätestens nach seiner Weltklasseleistung im WM-Finale hat Boateng seinen Platz im Zentrum sicher.

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Ex-Nationalspieler Lahm: Prägende Szenen seiner Karriere
Links verteidigte Benedikt Höwedes (26), der Rechtsfuß wäre ein Kandidat für die Lahm-Nachfolge. Höwedes verpasste keine WM-Minute. Das Problem dieser Variante ist seine mangelnde Dynamik bei Offensivvorstößen. Meist beschränkte sich Höwedes bei deutschem Ballbesitz darauf, dem Spiel Breite zu verleihen. Ihm fehlt das Gespür für Vorstöße, seine Stärken liegen ohnehin eindeutig in der Defensive.

Zu sagen, das sei bei der WM kein Problem gewesen, ist zwar nicht falsch. Jedoch: Sobald sich die Gegner extrem tief formieren, bekommt Deutschland ein Offensivproblem. Besonders deutlich wurde das gegen Algerien, als der spätere Weltmeister deutlich gefährlicher und zugleich defensiv stabiler wurde, als Löw Lahm nach hinten beorderte. In Zukunft erwarten Deutschland vermehrt Gegner, die wie Algerien spielen.

Kommt nun die Dreierkette?

Löw könnte Lahm mit einem "richtigen" Rechtsverteidiger ersetzen. Doch davon gibt es nicht viele, die gut genug sind für die Nationalelf. Sebastian Jung (24) wäre eine offensivstarke Variante, er muss sich aber erst mal in Wolfsburg durchsetzen. Ihn sollte man auf dem Zettel haben. Kevin Großkreutz (25) hat schon häufiger als Rechtsverteidiger ausgeholfen, dank seines taktischen Verständnisses findet er sich in verschiedenen Rollen zurecht. Im Defensivzweikampf unterlaufen ihm jedoch Fehler. Jung-Nationalspieler wie Matthias Ginter (20) oder Antonio Rüdiger (21) dürften künftig häufiger berufen werden, doch auch sie fühlen sich im Zentrum wohler als auf außen. Dasselbe gilt für Shkodran Mustafi (22), der bei der WM bewies, dass er noch Zeit benötigt.

Die letztgenannten Spieler machen eines deutlich: Anders als auf den Außen, sowohl rechts als auch links, mangelt es Deutschland im Abwehrzentrum nicht an Optionen. Neben Stammspielern wie Mats Hummels (25), Per Mertesacker (29) und Boateng drängen junge Spieler nach; eine ganze Reihe weiterer Talente wie Robin Knoche (22/VfL Wolfsburg), Niklas Süle (18/TSG Hoffenheim) oder Jan Kirchhoff (23/ausgeliehen von Bayern an Schalke 04) dürfen zudem auf den Durchbruch zum Nationalspieler hoffen. Und dann ist da noch Bayerns Holger Badstuber (25), der, wenn er zu alter Form findet, für Löw unverzichtbar ist. Vielleicht wäre deshalb eine Dreierkette eine Überlegung wert. Wie wirkungsvoll sie sein kann, bewiesen bei der WM etliche Teams. Die passenden Spieler dafür hätte Löw.

In jedem Fall verliert der Bundestrainer in Lahm seinen taktisch stärksten Profi und viel Flexibilität. Wenn große Spieler abtreten, dann ist das immer auch eine Chance für andere, Verantwortung zu übernehmen und aufzublühen. Im Fall Lahm lautet die Wahrheit aber: Ihn wird so schnell niemand ersetzen.

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insgesamt 73 Beiträge
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Seite 1
Broeselbub 18.07.2014
1. jeder ist ersetzbar
darum versteh ich das Theater nicht. Es gibt bestimmt genügend Talente in Deutschland. Nur sollten die gesucht und gefunden werden. Mit Löw wird das nichts. Der baut auf Bayernspieler. Dabei gibt es bestimmt gleichwertige oder bessere in anderen Vereinen. Und die würden sich noch den A.... aufreissen.
NauMax 18.07.2014
2. Ernsthaft?
Zitat von Broeselbubdarum versteh ich das Theater nicht. Es gibt bestimmt genügend Talente in Deutschland. Nur sollten die gesucht und gefunden werden. Mit Löw wird das nichts. Der baut auf Bayernspieler. Dabei gibt es bestimmt gleichwertige oder bessere in anderen Vereinen. Und die würden sich noch den A.... aufreissen.
Keine Woche ist seit dem Titelgewinn vergangen und schon wird wieder über den Bundestrainer gemotzt... Natürlich sind in der Deutschen Nationalmannschaft viele Bayernspieler - die sind nicht umsonst der beste Verein Deutschlands und betreiben eine sehr gute und daher erfolgreiche Jugendarbeit. Die anderen Vereine haben das ebenfalls begriffen und bauen ihre Jugendabteilungen aus, wenn sie nicht schon vorher wichtige Vereinssparten waren.
ChaosXL 18.07.2014
3. WM Sieg
Zitat von Broeselbubdarum versteh ich das Theater nicht. Es gibt bestimmt genügend Talente in Deutschland. Nur sollten die gesucht und gefunden werden. Mit Löw wird das nichts. Der baut auf Bayernspieler. Dabei gibt es bestimmt gleichwertige oder bessere in anderen Vereinen. Und die würden sich noch den A.... aufreissen.
Also bei der WM war ja augenscheinlich nicht so falsch auf die Bayern Spieler zu setzen. Hätte da auch keinen erkannt, der sich nicht den A... aufgerissen hätte. Aber um mal Namen zu nennen, wer sollen denn die gleichwertigen oder besseren Spieler bei anderen Vereinen sein, die die Bayern Spieler ersetzen sollen? Irgendjemanden müssen Sie ja da im Sinn haben.
Freifrau von Hase 18.07.2014
4. Lars Bender
Lars Bender hat bei der EM 2012 Rechtsverteidiger gespielt und wäre ein guter Nachfolger.
circul 18.07.2014
5. Er war nie der Kapitän
nur eingesetzt, damit es kein Kontra aus der Mannschaft gab. Leitwolf ist/ war Schweinsteiger. Ein Wahnsinn, daß der Lahm jemals Kapitän werden konnte. Politik halt.
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