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Philipp Lahms Rücktritt Ein Schlag für die mächtigen Männer

Eigentlich sollte Philipp Lahm nach seinem Karriereende Sportdirektor beim FC Bayern werden. Doch nun tritt der Kapitän zurück und verzichtet überraschend auf das Amt. Die Klubführung wirkt überrumpelt.

In seiner linken Hand hielt Philipp Lahm Blumen. Rote und weiße, passend zu den Vereinsfarben. Lahm hatte den prächtigen Strauß vor Anpfiff von Karl-Heinz Rummenigge überreicht bekommen, eine nette Ehrung anlässlich seines 500. Pflichtspiels für den FC Bayern drei Tage zuvor gegen Schalke. Als Lahm eine halbe Stunde nach Abpfiff seines 501. Spiels nun also dastand und sprach, muteten sie schon wie Blumen zum Abschied an.

Am Dienstagabend, kurz nach 23 Uhr, verkündete Philipp Lahm sein Karriereende zum Saisonende und sagte, er werde auch danach nicht die erwartete Funktion als Sportdirektor übernehmen. Ein Paukenschlag.

Philipp Lahm verlässt den FC Bayern. Es ist das Ende einer einzigartigen Laufbahn. Es ist eine gewaltige Zäsur für den Klub. Und vor allem ist es ein herber Schlag für die beiden mächtigen Männer des FCB, für Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge, aber auch für einen überrumpelt wirkenden Präsidenten Uli Hoeneß, der an diesem Abend eine höchst unglückliche Figur machte - und der das Stadion am Ende fürchterlich blamiert verließ.

Das mühsame 1:0 im DFB-Pokal-Achtelfinale gegen den VfL Wolfsburg interessierte kaum einen mehr: Das abgefälschte Tor durch Douglas Costa nach 17 Minuten; die über weite Phasen erneut konfuse Spielweise der Münchner; das Glück, am Ende nicht noch den Ausgleich hinzunehmen und sich in die Verlängerung quälen zu müssen. Das Erreichen des Viertelfinals war nicht mehr als eine lästige Pflichtaufgabe und bald kein Thema mehr.

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Philipp Lahm: Der Musterknabe hört auf

Foto: Kamil Krzaczynski/ dpa

Viel spannender als die schwache Begegnung waren die während des Spiels kursierenden Meldungen, dass Lahm seine Entscheidung gefällt habe, dass er trotz Vertrag bis 2018 schon im Sommer 2017 seine Laufbahn beenden würde und dass er auch nicht neuer Sportdirektor würde. Grund: Einen gewünschten Posten in der Vorstandsebene hätten ihm die Bayern verwehrt. Die Indizien verdichteten sich, als es noch in der Halbzeit beim TV-Sender Sky hieß, dass sich der 33 Jahre alte Bayern-Kapitän laut Auskunft seines Beraters Roman Grill nach Abpfiff erklären würde - was er dann auch tat. Und zwar unmissverständlich.

Persönliche Niederlage für Rummenigge

"Ich habe noch die Aufsichtsratssitzung am Montag abgewartet und dann den Verantwortlichen Bescheid gesagt, dass ich Ende der Saison aufhören werde, Fußball zu spielen", sagte Lahm. "Ich versuche jeden Tag, das Beste zu geben, im Training und im Spiel, ich will ein Vorbild für die Jungen sein. Ich denke, dass ich das bis zum Ende der Saison schaffe, aber nicht darüber hinaus."

Und warum er nicht als Sportdirektor weitermachen möchte? Zwar bestätigte Lahm nicht direkt, dass der ausgeschlagene Vorstandsposten ihn zu der Entscheidung bewogen habe, sagte aber: "Es gab Gespräche, und am Ende der Gespräche habe ich für mich beschlossen, dass es für mich nicht der richtige Zeitpunkt ist, beim FC Bayern danach einzusteigen." Das ließ Raum für Interpretationen, machte aber auch klar: Bei einem anderen Verlauf der Gespräche wäre Lahm wohl doch bei den Bayern geblieben.

Besonders für Karl-Heinz Rummenigge ist der plötzliche und völlig überraschende Abschied Lahms eine heftige persönliche Niederlage. Noch auf der Jahreshauptversammlung im November hatte er vollmundig einen neuen Sportdirektor "in nicht allzu ferner Zukunft" angekündigt und erklärt: "Wir haben einen im Hinterkopf und werden den dann auch holen - den Namen haben Sie vielleicht auch schon gelesen. Nur er muss aktuell noch Fußball spielen, weil wir ihn auf dem Platz brauchen." Das sorgte damals für Heiterkeit. Zumindest Rummenigge dürfte nun Lahms Entscheidung alles andere als lustig finden.

Ende einer großen Ära

Ein bitterer Abend war es aber auch für Uli Hoeneß. Erst sprach der Präsident und seit Montag alte und neue Aufsichtsratschef von einer "gemeinsamen Erklärung", die man abgeben wolle, dann sagte er mit altbekannt gereiztem Unterton einem TV-Reporter ins Mikrofon: "Das sind Spekulationen, die ihr alle aufführt. Wenn eine Zeitung was raushaut ohne Nennung von Quellen, kann ich nix sagen." Und dann sprach Hoeneß noch: "Wir haben mit dem Philipp mehrere Gespräche geführt. Da ist keine Entscheidung gefallen."

Sagte Hoeneß hier also die Unwahrheit? Oder sollte er es wirklich nicht gewusst haben? Oder war es vermutlich nur eine unsäglich schlechte interne Kommunikation, eine fehlende Absprache für den Zeitpunkt der offiziellen Bekanntgabe? Mit einer "gemeinsamen Erklärung" wurde es jedenfalls nichts - dank Lahms Alleingang, der wie eine Demütigung für Hoeneß anmutete. Bewusst? Oder nur versehentlich?

In jedem Fall ist Lahms Ende beim FC Bayern das Ende einer großen Ära, fast 15 Jahre nach seinem ersten Pflichtspiel im November 2002 gegen den RC Lens in der Champions League. Lahm war mehr als nur der weltbeste Rechtsverteidiger und der Kapitän der Mannschaft, er war eine große Persönlichkeit, Liebling der Fans und eines der letzten Eigengewächse, die es aus der eigenen Jugend zu einer großen Profi-Karriere schafften.

Wenn es gut geht und er immer spielt, wird Lahms endgültige Bilanz für den FC Bayern 526 Pflichtspiele aufweisen. Noch 15 Partien in der Bundesliga, drei im DFB-Pokal bis zum Endspiel am 27. Mai in Berlin, sieben in der Champions League bis zum Finale in Cardiff. Ungewiss, ob es noch etwas wird mit dem Triple zum Abschied. Letzte Blumen aber bekommt er garantiert noch. Vielleicht sogar von Karl-Heinz Rummenigge.

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