Lahm-Abschied beim FC Bayern Der Besserwisser

Mit seinem angekündigten Abschied beim FC Bayern hat Philipp Lahm die Öffentlichkeit überrascht. Dabei ist das ein für ihn logischer Schritt. Der 33-Jährige hat mal wieder alles richtig gemacht.

Bongarts/Getty Images

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Sich über Philipp Lahm lustig zu machen, das ist eine leichte Sache. Über seine Körpergröße wird gespottet, über seine die Grenzen jeglicher Belanglosigkeit sprengenden Tweets, über seine Wortstanzen bei Pressekonferenzen, über das Streberhafte, das ihm über seine gesamte Karriere anhaftete. Darüber könnte man viel lachen.

Aber am Ende hat bisher immer Philipp Lahm gelacht.

Der 33-Jährige gilt als Prototyp eines Fußballers, der nicht aneckt, der keine Kanten hat, der Musterknabe ist und Klassenprimus, weichgespülte PR auf zwei Beinen. Aber all das ist ein Bild, das den wahren Philipp Lahm verdeckt. Es gibt vermutlich keinen Fußballer in Deutschland, der immer so genau gewusst hat, was er tut und was er will. Und sein angekündigter Abschied beim FC Bayern passt exakt in dieses Muster.

Nichts aus dem Bauch heraus

Lahm und sein Berater Roman Grill haben die Laufbahn in den vergangenen zehn Jahren gemeinsam minutiös durchgeplant, kein Schritt, der unbedacht ist, da passiert nichts aus dem Bauch heraus. Lahm ist intelligent genug, um sich selbst die Schritte und ihre Konsequenzen im Voraus zu überlegen, die in der Öffentlichkeit als vermeintlicher Affront wirken.

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Philipp Lahm: Der Musterknabe hört auf

So hat er 2009 in seinem mittlerweile schon berühmten Interview in der "Süddeutschen Zeitung" Vereinspolitik betrieben, als er an den Kluboberen vorbei die Struktur des Vereins kritisierte. So hat er sich 2010 bei der WM in Südafrika mit dem Wohlwollen des Bundestrainers Joachim Löw die Kapitänsbinde der Nationalmannschaft gesichert und seinen Vorgänger Michael Ballack beim DFB am Rand einer Intrige ausgebootet. So hat er 2011 mit Unterstützung der "Bild"-Zeitung ein autobiografisches Buch auf dem Markt platziert, das im Boulevard aufgrund einiger veröffentlichter Interna als Skandal abgefeiert wurde - das aber in Wirklichkeit in enger Absprache mit dem FC Bayern und dem DFB nur das publizierte, was im Sinne von Verein und Verband war - und im Sinne von Lahm.

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Winzer, Wurstfabrikant, Weltmarke: Die zweite Karriere der Fußballstars

2014 ist er gut eine Woche nach dem WM-Triumph von Rio völlig überraschend aus der Nationalmannschaft zurückgetreten - auch das war ein durchkalkulierter Schritt. Lahm wusste genau, dass er sich nach einem solchen Karrierehöhepunkt nur noch verschlechtern konnte und wählte den Zeitpunkt für seinen Abschied entsprechend.

Meinungskompass

Und jetzt hat er sich sehr genau und aus nächster Nähe angesehen, wie der FC Bayern mit seinen Sportdirektoren in der Vergangenheit verfahren ist. Christian Nerlinger war viel zu schwach, ein Eigenleben zu entwickeln, und musste daher gehen. Sein Nachfolger Matthias Sammer war im Gegenteil dazu als Persönlichkeit zu stark für diesen Job. Bei der Hausmacht von Vorstand Karl-Heinz Rummenigge, einem Trainer Josep Guardiola und dem Präsidenten Uli Hoeneß, auch wenn dieser zeitweilig abwesend war, war Sammer letztlich einer zu viel. Er versuchte sich als ritualisierter Mahner, eine Rolle im Klub hat er aber nie gefunden.

Philipp Lahm ist längst nebenher erfolgreicher Geschäftsmann, für einen Grüßaugust in der Chefetage des FC Bayern unter Hoeneß und Rummenigge ist er sich zu schade und zu ehrgeizig. Er hat bislang immer den richtigen Moment abgepasst. Irgendwann wird es eine Zeit nach Hoeneß und Rummenigge bei den Bayern geben. Dann ist er da. Philipp Lahm kann vieles, vor allem aber kann er warten.



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Seite 1
trick66 08.02.2017
1. Naheliegend
PL ist jemand, der den Ablauf seiner Karriere immer im Griff gehabt hat. Alles richtig gemacht, Rücktritt aus der Nationalmannschaft auf dem Höhepunkt (Gruss an Schweinsteiger), Ende der aktiven Laufbahn und dann auch Abschied vom FC Bayern. Warum sollte sr sich solche Typen wie Hoeneß und Rummenigge antun, wenn er es nicht nötig hat? Den erwarteten weiteren Erfolg könnte er eh nicht für sich beanspruchen, aber im Falle von Misserfolg schnell als Fussabtreter wie damals Nerlinger enden.
bienchen-maja 08.02.2017
2. EM Titel wäre drin gewesen
Zitat von trick66PL ist jemand, der den Ablauf seiner Karriere immer im Griff gehabt hat. Alles richtig gemacht, Rücktritt aus der Nationalmannschaft auf dem Höhepunkt (Gruss an Schweinsteiger), Ende der aktiven Laufbahn und dann auch Abschied vom FC Bayern. Warum sollte sr sich solche Typen wie Hoeneß und Rummenigge antun, wenn er es nicht nötig hat? Den erwarteten weiteren Erfolg könnte er eh nicht für sich beanspruchen, aber im Falle von Misserfolg schnell als Fussabtreter wie damals Nerlinger enden.
Na ja, mit Lahm und etwas mehr Ernsthaftigkeit wäre der EM Titel locker möglich gewesen... und diesen Titel hat er ja auch nicht. Für meinen Geschmack war das ein wenig rsikoscheu....
foolbar 08.02.2017
3.
Zitat von bienchen-majaNa ja, mit Lahm und etwas mehr Ernsthaftigkeit wäre der EM Titel locker möglich gewesen... und diesen Titel hat er ja auch nicht. Für meinen Geschmack war das ein wenig rsikoscheu....
Risikoscheu? Wo war denn das Risiko? Dass die N11 auch mit ihm den Titel nicht gewonnen hätte? Und? Das wäre sicherlich nicht an Lahm fest gemacht worden und sein Ruf hätte dementsprechend nicht gelitten. Auch sein jetzt baldiger bevorstehender Rücktritt beim FCB zeugt für mich eher davon, das Lahm in seinem Leben ganz einfach auch andere Prioritäten hat, dass er vielleicht wie andere Spieler im Alter von 37 nicht noch irgendwo in der "Provinz" kicken mag. Er hat seine Zeit als Profi genossen und geht dann, wenn es erfolgreicher nicht mehr sein kann (N11) oder wenn er merkt, dass der Körper langsam zu alt wird für das spielerische Niveau welches er sich (auch für sich) wünscht. Für mich ist Phillip Lahm da einfach nur bewundernswert konsequent. Auch wenn er fehlen wird.
TomSupreme 08.02.2017
4.
Zitat von bienchen-majaNa ja, mit Lahm und etwas mehr Ernsthaftigkeit wäre der EM Titel locker möglich gewesen... und diesen Titel hat er ja auch nicht. Für meinen Geschmack war das ein wenig rsikoscheu....
Für jemanden, der sonst alles erreicht hat in seinem Fach ist der fehlende EM-Titel sicher zu verschmerzen.
herbert_schwakowiak 08.02.2017
5.
Vollkommen richtig. Seine Kohle wird er rein haben, und Knie und Knöchel muss er sich nicht noch mehr kaputt machen. Aber ich schätze mal, dass er weiter dem Fussball erhalten bleibt, als Trainer, oder Sportdirektor, oder Manager, klug genug dafür ist er.
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