EM-OK-Chef Lahm Bisher nur Frühstücksdirektor

Philipp Lahm soll die EM 2024 als Organisationschef leiten - wenn Deutschland den Zuschlag bekommt. Dafür wird der ehemalige DFB-Kapitän vor allem eines tun müssen: den Ball flach halten.
Philipp Lahm

Philipp Lahm

Foto: Alexander Hassenstein/ dpa

Auf der Suche nach einem Organisationschef für die Fußball-EM 2024 bei Philipp Lahm fündig zu werden, ist naheliegend. Lahm hat Zeit, er ist der Weltmeisterkapitän von 2014, er kennt sich auf dem gesellschaftlichen Parkett aus, er hat die Fähigkeit, mit Worten nichts zu sagen, wenn es darauf ankommt, aber auch die Gabe, im ihm passend erscheinenden Moment den Mund aufzumachen. Er ist die logische Wahl.

Lahm hat als TV-Experte bei der WM mit seinen (vorsichtig formuliert) zurückhaltenden Aussagen kein Porzellan zerschlagen. Er blieb bei seinen Plaudereien am Tegernsee mit Moderatorin Jessy Wellmer dermaßen in der Deckung, dass er sogar der ARD letztlich zu weichgespült war. Selbst seine Kritik am Bundestrainer Joachim Löw, die er nach dem WM-Aus auf Linkedin gepostet hatte, war bei Weitem nicht so manifest und substanziell, dass dies ihm beim Verband irgendwelche Türen zugeschlagen hätte. Es war eine dosierte, taktisch gezielt platzierte Äußerung. Man könnte sagen: eine typische Philipp-Lahm-Äußerung.

Lahm steht für die guten Jahre des DFB. Er war nur als Spieler beim Sommermärchen 2006 dabei, man kann ihm also beileibe keine Verantwortung für die Mauscheleien zuschieben, die der DFB in den Hinterzimmern des Weltfußballs zur Erlangung dieser Heim-WM tätigte. Nach dem Weltmeistertitel vor vier Jahren ist er postwendend zurückgetreten. An dem WM-Desaster in diesem Sommer ist er also nur noch sehr mittelbar schuld - weil er nicht mehr mitgespielt hat und dem Team schmerzlich fehlte.

Bisher nur ein Frühstücksdirektor

Es sind turbulente unruhige Zeiten für den DFB. Der Fall Özil hat den Verband mit voller Breitseite erwischt, der Nimbus des Weltmeisters ist dahin, die Sommermärchen-Affäre ist längst nicht verarbeitet - da gilt es vor der Entscheidung der Uefa, wer den Zuschlag zur EM 2024 bekommt, vor allem eines: In jedem Fall den Ball flach halten, Ruhe um jeden Preis, nur niemanden provozieren. Mit anderen Worten: Der DFB und sein in schwere Wasser geratener Präsident Reinhard Grindel brauchen jetzt Philipp Lahm.

Dabei ist der 34-Jährige bis zum Uefa-Entscheid am 27. September nicht viel mehr als ein Frühstücksdirektor. Bevor nicht klar wird, ob Deutschland oder die Türkei der Ausrichter werden, wird sich an Lahms Rolle nicht viel ändern. Schon jetzt ist er offizieller deutscher EM-Botschafter, seine Aufgabe ist es, Hintergrundgespräche zu führen, gut Wetter für den EM-Bewerber Deutschland zu machen. Das kann Lahm wie wahrscheinlich derzeit kein Zweiter im deutschen Fußball. Er hat als überragender Spieler und langjähriger Kapitän das entsprechende Renommee.

Lahm ist oft als glatt, als frei von Ecken und Kanten dargestellt worden, tatsächlich trifft es eher das Wort geschliffen. Was Lahm an Belanglosigkeit auf Twitter oder in vielen Interviews von sich gibt, ist tatsächlich allein unter Laufbahnplanung abzuhaken. Gleichzeitig versteht er es, seine Worte im rechten Augenblick so zu setzen, dass sie ihren Zweck erfüllen. Lahm war immer ein Karrierediplomat in eigener Sache.

Ob das ausreicht, um dem DFB die Zusage für die Heim-Europameisterschaft zu sichern, ist schwer zu sagen. Das Thema Özil hat der konkurrierenden Türkei sicher nicht geschadet. Vor allem aber ist das Thema Sommermärchen-Affäre bei vielen Uefa-Delegierten noch präsent. Deutschland hat sich gegenüber Fifa und Uefa gerne als Saubermann präsentiert, in der Vergangenheit gern mit dem Finger auf die anderen gezeigt, wenn es um Korruption in den Fußballverbänden ging. Als die SPIEGEL-Enthüllungen zur Erlangung der WM 2006 herauskamen, hat das bei einigen Funktionären in anderen Ländern Schadenfreude ausgelöst.

Die Entscheidung, ob Deutschland oder die Türkei EM-Ausrichter sein werden, gilt auch als maßgeblich für die Zukunft von DFB-Boss Grindel. Der Präsident ist durch die persönlichen Vorwürfe Özils in Not geraten, er wirkte in den Sommerwochen rund um die WM selten wie ein Herr des Geschehens. Grindel sagt über Lahm: "Er hat als Botschafter bislang einen hervorragenden und engagierten Job gemacht, und ich bin überzeugt, dass dies auch über den 27. September hinaus der Fall sein wird." Das hofft er auch für sich selbst.

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