Philippinen-Coach Weiß Zu Hause bei den Straßenhunden

Vor einem Jahr tauschte der Deutsche Michael Weiß den Job als technischer Direktor in Ruanda gegen den des Nationaltrainers der Philippinen. Für sein Abenteuer gewinnt der 46-Jährige immer mehr Spieler aus der Heimat - und träumt schon von der Weltmeisterschaft.

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Wenn Michael Weiß neue Nationalspieler sucht, loggt er sich bei Facebook ein. "Ich schaue mich in ganz Europa nach Spielern mit philippinischen Wurzeln um, vor allem natürlich in Deutschland", sagt der 46-Jährige.

Seit einem Jahr ist er Nationaltrainer der Philippinen, des 157. der Fifa-Weltrangliste. Damit liegt der Verband vor Indien, aber hinter Lesotho und Nepal. In seine neue Heimat kam Weiß ebenfalls über das Internet.

Ende 2010 suchte der philippinische Fußballverband in Kooperation mit dem Internet-Sportportal spox.com im deutschsprachigen Raum einen neuen Nationaltrainer: "Aus 100 Bewerbern wurde ich ausgewählt. Und da waren einige bekannte Namen dabei", so Weiß. Welche, will er nicht verraten. Lieber spricht er über den Reiz seiner Aufgabe. "Als ich kam, war das hier eine fußballerische Diaspora. Ich kann vieles bewegen."

Wer auf den Philippinen etwas bewegen will, muss sich zu helfen wissen. Infrastruktur und Spieler sind mit europäischen Standards nicht zu vergleichen. Bei seinen Online-Recherchen stieß Weiß auf Roland Müller, den dritten Torhüter des MSV Duisburg, auch Denis Wolf vom 1. FC Magdeburg gewann er für das philippinische Nationalteam. Zuvor waren bereits die Zweitliga-Spieler Stephan Schröck von Greuther Fürth und Manuel Ott vom FC Ingolstadt zur Mannschaft gestoßen. Die Jugendspieler Kevin Ingreso (Hamburger SV) und Otts Bruder Mike (1860 München) stehen bereits auf Weiß' Liste. Sie alle haben ihre Wurzeln in dem Inselstaat.

"Fußball ist überall Fußball"

Weiß hat sich inzwischen bestens eingelebt: "Ich fühle mich sehr wohl." Mit seiner japanische Frau und den beiden Töchtern wohnt er in einer Villa in Top-Lage. Sein Gehalt sei höher als der Durchschnittsverdienst eines Drittliga-Trainers in Deutschland, sagt Weiß.

Es ist nicht seine erste Station im Ausland, der Diplom-Sportwissenschaftler ist schon viel rumgekommen. Als Torwart spielte er in der Oberliga beim FK Pirmasens, nach dem Erwerb seiner A-Lizenz als Fußball-Trainer packte er seine Sachen, hospitierte bei Arsenal, Manchester United und Real Madrid. Später arbeitete Weiß als Co-Trainer in Japan, Junioren-Coach der chinesischen Nationalmannschaft und technischer Direktor in Ruanda. Sein Motto: "Fußball ist überall Fußball."

Auf den Philippinen lässt Weiß sechsmal in der Woche trainieren. Was für andere Nationaltrainer undenkbar wäre, ist dort kein Problem. Die Spieler, die in ihrer Heimat kicken, haben viel Zeit: Ligaspiele finden äußerst unregelmäßig statt. Weiß ist so etwas wie der Felix Magath von Manila: Trainer, Sportdirektor, Pressesprecher und Marketing-Chef. Und seine Arbeit zahlt sich aus.

Er rief eine U23-Mannschaft ins Leben, in der Qualifikation für die Asien-Meisterschaft ist das Land noch dabei. Bevor die "Azkals" (zu Deutsch: Straßenhunde) in der Qualifikation zur WM 2014 an Kuwait scheiterten, schlugen sie überraschend Sri Lanka, die Nummer 180 der Welt, und zogen zum ersten Mal überhaupt in die zweite Qualifikationsrunde ein.

Weiß' Vertrag endet 2013, doch der Trainer hat große Ziele

Fast noch wichtiger als die Ergebnisse ist die neu entfachte Begeisterung bei der Bevölkerung. Im ersten Länderspiel nach sechs Jahren auf heimischem Boden gewann das Team im Februar 2011 2:0 gegen die Mongolei. Das offiziell nur 12.873 Zuschauer fassende Stadion von Bacolod platzte aus allen Nähten, die Fans standen dicht gedrängt bis auf die Laufbahn.

Die Zeitungen schrieben damals, Weiß habe den Fußball auf den Philippinen wiederbelebt. Der saugt solche Momente auf: "Es war der reine Wahnsinn." Seitdem wird er auf Manilas Straßen erkannt, lässt sich mit seinen Fans fotografieren und schreibt Autogramme - "manchmal ist es mir fast ein bisschen unangenehm".

Weiß wird künftig wohl noch häufiger angesprochen werden: Seine Mission in Manila ist auf eine längere Zeit angelegt. Der Vertrag läuft zwar im Winter 2013 aus, aber wenn man dem Trainer zuhört, kann man sich nicht vorstellen, dass es dann schon vorbei ist. "Das nächste Ziel sind die Top 100 der Weltrangliste. Dann kommt 2015 die Asien-Meisterschaft, bei der wir dabei sein wollen. Und wer weiß? Vielleicht schaffen es die Philippinen ja zur WM 2022", sagt er.



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