Platzsturm-Skandal in Offenbach "Wir fangen wieder bei null an"

Beim Aufstiegsspiel gegen Magdeburg sorgen 30 Offenbach-Fans dafür, dass ein grandioser Fußballnachmittag im Chaos endet. Die Kickers müssen nun einen Neuanfang in der vierten Liga schaffen - der peinliche Platzsturm macht das nicht leichter.

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Aus Offenbach berichtet


Die Offenbacher Kickers sind nur ein Viertligist, aber die Stimmung im Stadion, dem legendären Bieberer Berg, kann es an guten Tagen mit der bei Bundesligaspielen aufnehmen. Auch an diesem Sonntagnachmittag, im Relegationsspiel gegen den 1. FC Magdeburg, besangen und bejubelten Tausende Kickers-Fans ihre Mannschaft. Bis sich in der 83. Spielminute plötzlich lähmendes Entsetzen über die Tribünen legte.

Offenbar gefrustet von der Magdeburger 3:1-Führung, kletterten 30 OFC-Fans über den Zaun und liefen auf den Platz. Was sie dort wollten, wussten sie offenbar selbst nicht so genau. Fast sah es aus, als hatten sie gehofft, dass Hunderte ihnen folgen würden. Doch stattdessen blickten sie in fassungslose Gesichter und auf Stinkefinger. "Ihr Idioten!", rief ein älterer Mann, andere schlugen die Hände vors Gesicht und weinten.

"Und so ein paar Arschlöcher machen jetzt alles kaputt", sagte ein Mädchen, das mit ihrer Freundin lieber nach Hause ging, als sich das Elend auf dem Rasen weiter anzuschauen. Im Block 2 entspannen sich die ersten Diskussionen über die Zukunft des Vereins, als dessen Spieler noch versuchten, die letzten Minuten der Magdeburg-Partie halbwegs regulär über die Bühne zu bekommen. So gut das eben geht, wenn Polizeihunde an der Torauslinie stehen.

Tags drauf ist klar: Der OFC muss wieder bei null anfangen. "Die "Offenbach Post" führt auf, dass nur acht Spieler Verträge für die Regionalliga haben. Und bei einigen der anderen sitzt die Wut über die Platzstürmer noch tief, nicht jeder kann die Geschehnisse so einordnen wie Stürmer Christian Cappek: "Das war eine kleine Minderheit, die echten OFC-Fans haben mit denen nichts zu tun."

Neue Baustelle

Trainer Rico Schmitt, der in Offenbach mit geradliniger Arbeit und ohne große Sprüche überzeugt hat, hält sich merkwürdig bedeckt, wenn er nach seiner Zukunft gefragt wird. Ob es den aus Chemnitz stammenden Schmitt zurück in die alte Heimat zieht, wo beim FC Erzgebirge Aue gerade ein Job freigeworden ist? Schmitt wäre bei einem Aufstieg in die Dritte Liga wohl geblieben. So wie die meisten Leistungsträger, die schon im vergangenen Sommer nur deshalb gehalten werden konnten, weil man ihnen plausibel erklärt hatte, dass der Aufstieg realistisch sei.

Ein Versprechen, das im Übrigen locker gehalten worden wäre, wenn die Verbände für die Regionalligen nicht einen absurden Aufstiegsmodus beschlossen hätten. 79 Punkte hatten die Hessen am Ende der Saison, von 17 Heimspielen gewann man 15, verloren ging kein einziges. Aufgestiegen sind sie nun trotzdem nicht. Für die 17.000 Kickers-Fans, die am Sonntag für eine großartige Fußballstimmung gesorgt hatten, kann einem das nur leidtun. Für die 30, die den Nachmittag im Chaos enden ließen, nicht.

Dank ihrer muss der Verein nun nicht nur die Baustellen bearbeiten, mit denen zu rechnen war. Stattdessen müssen auch Sponsoren und öffentliche Geldgeber überzeugt werden, dass die Störer nicht repräsentativ für die Fanszene sind; dass ihre Investitionen nicht mit Gewalt und Randale verbunden werden. Eigentlich war man schon viel weiter in Offenbach - bis zum Sonntag um kurz nach halb vier.

So oder so dürften die Vorkommnisse nun harte Sanktionen für den OFC bedeuten. Geschäftsführer Fischer rechnet mit Geldstrafen, schließt aber auch einen Teilausschluss von Zuschauern nicht aus. Auch Präsident Claus-Arwed Lauprecht ("Solche Leute machen unseren Verein kaputt") sieht die Aufbauarbeit der vergangenen zwei Jahre in Gefahr, in denen die Kickers sich wirtschaftlich und sportlich konsolidiert haben. Mit viel ehrenamtlicher Unterstützung genau der Fans, die am Sonntag niedergeschlagen und traurig das Stadion verließen.



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