Pleite gegen Russland Titelverteidiger Griechenland scheitert frühzeitig

Ohne Tore kein Erfolg: Trainer Otto Rehhagel ist mit seinem griechischen Team bereits nach dem zweiten Gruppenspiel ausgeschieden. Zu schwach war die Mannschaft in der Offensive - auch gegen Russland gelang dem Europameister von 2004 kein Treffer.


Hamburg - Er schimpfte, er war nicht mehr zu halten. Wütend stauchte er seine Mitspieler zusammen. Antonis Nikopolidis war richtig sauer, und das zu recht. Nur fand die Schimpftirade des griechischen Torhüters nicht den richtigen Abnehmer. Die Abreibung wäre in einem Selbstgespräch passender plaziert gewesen. Sekunden zuvor war Nikopolidis auf der Jagd nach dem Ball übermotiviert durch den eigenen Strafraum geirrt, blieb erfolglos und musste von der Grundlinie aus zusehen, wie Russlands Konstantin Zyryanov das Spielgerät aus wenigen Metern zum 1:0 ins leere Tor einschieben konnte.

Es war die 33. Minute, und es war die Entscheidung.

1:0 besiegte Russland durch diesen Treffer den amtierenden Europameister Griechenland, der damit bereits nach dem zweiten Gruppenspiel das Viertelfinale nicht mehr erreichen kann. Russland hingegen kann mit einem Sieg im letzten Spiel gegen Schweden (Mittwoch, 20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) noch in die Runde der letzten Acht einziehen.

Die Griechen scheiterten somit schlussendlich neben ihrer Offensivschwäche auch aufgrund eines Torwartproblems. Für Otto Rehhagel ein Tiefpunkt seiner Tätigkeit als Nationaltrainer im Süden Europas. Dabei war der 69-Jährige zur Vermeidung eines EM-Fiaskos sogar über seinen eigenen Schatten gesprungen.

Seit 2001 ist Rehhagel Trainer der griechischen Nationalmannschaft. Dass er sich der neuen Heimat seither sonderlich angepasst hätte, ist eigentlich nicht zu behaupten. Griechisch spricht er nicht, während der Hymne bleibt sein Mund geschlossen - und seine Ansicht von Mitbestimmung der Spieler vertrug sich bislang auch nicht mit der griechischen Geschichte als Mutterland der Demokratie. Bislang galt: Ich höre zu, wenn die Spieler sprechen - aber nicht darauf, was sie sagen. In Rehhagel'scher Diktion: "Wir haben immer alles gemeinsam besprochen. Und wir waren uns immer einig, dass das, was ich vorgebe, richtig ist."

Nun, das Ende im Blick, wich Rehhagel dann doch ein wenig von seinem Alleinentscheidungsdogma ab. Zu heftig waren die verbalen Einwürfe seiner Spieler, unter anderem von Ioannis Amanatidis ("Das war Angstfußball") und Vassilios Tsiartas ("Warum spielen wir nicht offensiver?"). Also schickte Rehhagel drei gelernte Angreifer auf den Rasen in der Salzburger Arena: Zusätzlich zum Frankfurter Amanatidis Angelos Charisteas vom 1. FC Nürnberg und den Nikolaos Liberopoulos (AEK Athen).

Auch dahinter wurde es offensiver. Aus dem 7-0-3-System der Schwedenpleite wurde immerhin ein 5-2-3. Das Mittelfeld mit Angelos Basinas und Konstantinos Katsouranis war nicht mehr nur angehalten, die Verteidigung abzusichern, sondern auch die Sturmreihe zu unterstützen. Und je länger die Partie dauerte, desto mehr kam das Duo mit dieser Doppelaufgabe zurecht.

In der 14. Minute konnte Russlands Angreifer Roman Pawljutschenko Griechenlands Torhüter Nikopolidis noch mit einem Lupfer gefährlich werden - jedoch nicht überwinden. Dann straften die Griechen ihren Trainer Lügen, der behauptet hatte, mit diesen Spielern könne eben nicht offensiv agiert werden. Aus einer ängstlichen Ansammlung von Spielzerstörern, deren Angriffspiel noch vor wenigen Tagen aus langen Bällen in den unbesetzten Raum bestand, wurde ein Team, das zumindest in starken Momenten an die guten Phasen der Europameistermannschaft von 2004 erinnerte.

Über außen und bei Standards sind die Griechen immer noch sehr torgefährlich. Die Riesengelegenheit für Charisteas nach einem Basinas-Freistoß war nur der Höhepunkt einer starken griechischen Phase von der 15. bis zur 30. Minute. Die Angreifer kreuzten, die Abwehrreihe rückte nach und die Außenverteidiger schalteten sich ins Angriffsspiel ein. Es sah alles recht gut aus für die routinierten Griechen gegen die unbedarften Russen. Dann kam der grauhaarige Nikopolidis und das Spiel ging seinen nun vorbestimmten Lauf.

Denn wenn die russische Mannschaft, gewohnt gekonnt angeleitet von Trainer Guus Hiddink, irgendetwas richtig gut beherrscht, ist es das schnelle Konterspiel. Und so sehr sich die Griechen auch bemühten, ihr Spiel ist es nicht, ein Tor zu schießen, wenn sie müssen - selbst gegen eine russische Verteidigung, die wenige Tage zuvor noch vier Treffer gegen Spanien hinnehmen musste. 2004 hatten die Griechen ihre Treffer beim Stand von 0:0 erzielt und ihre Führung dann verteidigt. Ein 0:1 passt so gar nicht ins griechische Spiel, wie auch das 0:2 gegen Schweden eindrucksvoll bewiesen hat.

Sie wurden gefährlich, ja, meist durch Fernschüsse des eingewechselten Georgios Karagounis, doch dass die Partie noch lange offen blieb, lag weniger an der griechischen Stärke, sondern an misslichen Umständen bei den Russen, die in Andrej Arschawin (Rotsperre aus der Qualifikation) und Pavel Pogrebnjak (Knieverletzung) auf ihre zwei besten Angreifer verzichten und im Sturm auf Pawljutschenko bauen mussten, der nur mit Adduktorenbeschwerden auflaufen konnte.

Das russische Team vergab eine große Konterchance nach der anderen. Eigentlich werden solche Nachlässigkeiten bestraft. Eigentlich. Der amtierende Europameister hat es an diesem Abend nicht geschafft, trotz eines "sehr guten Spiels", das Rehhagel seinem Team attestierte. Und trotz offensiverer Aufstellung.

Mit Material des sid



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